Rückschau: Einmal Hollywood und zurück
Die Wiederentdeckung des ersten deutschen Weltstars Emil Jannings
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 7. Februar 2010
Bildunterschrift: Emil Jannings in den 1920er Jahren ]
Als das Kino und die Ufa noch in den Kinderschuhen steckten, schrieb er Filmgeschichte: Emil Jannings (1884-1950), der Mime mit dem plüschigen Hundeblick und mit einem genialen Sinn fürs Komische wie fürs Tragische. Er verkörperte historische Persönlichkeiten wie Nero, Heinrich VIII. und Peter den Großen, spielte Othello, Mephisto und Kleists Dorfrichter Adam.
Erster deutscher Weltstar
Bildunterschrift: Emil Jannings in „Der letzte Mann“ ]
Für ihn war Film nicht nur reiner Amüsierbetrieb in der Tradition des Wanderkinos, sondern ernstzunehmende Kunst. Er war der erste deutsche Weltstar, der erste Oscar-Preisträger in der Geschichte Hollywoods - und später das Aushängeschild des nationalsozialistischen Films.
Legendär wurde Jannings in Ernst Lubitschs „Madame Dubarry“ mit Pola Negri, in dem Monumentalfilmklassiker „Anna Boleyn“ oder auch in Josef von Sternbergs „Der Blaue Engel“. In diesem ersten veritablen Tonfilmklassiker der deutschen Kinogeschichte gab der „dicke Emil“ den unglücklich-hörigen Liebhaber eines Tingeltangel-Girls alias Marlene Dietrich. Die Rolle des ersten Anti-Helden des deutschen Films brachte dem hochbegabten ehemaligen Max-Reinhardt-Schüler mit der elementaren Ausdruckskraft und dem feinsinnigen Nervenspiel Dauerengagements mit Höchstgagen und Weltruhm.
Mann der Gegensätze
Bildunterschrift: Jannings-Biograf Frank Noack ]
„Emil Jannings hat einen völlig neuen Schauspielertypus verkörpert, den es vorher nicht gab. Er war Star und Charakterdarsteller in einem“, sagt sein Biograf Frank Noack. Der Filmhistoriker beschreibt ihn als einen Mann der Gegensätze - tumb und schlau, kraftstrotzend und sensibel, kleinbürgerlich und weltmännisch. Auf der Grundlage bislang unveröffentlichten Materials zeichnet Frank Noack in der ersten umfassenden Biografie ein brüchiges Schauspielerleben zwischen Stummfilm, Traumfabrik und der Vereinnahmung durch das nationalsozialistische Kino nach. Dafür hat er unter anderem Jannings Briefwechsel mit seinem Bruder Walter, mit Freunden wie Kurt Tucholsky und Carl Zuckmayer sowie den Kritikern Herbert Jhering und Rudolf Kurz ausgewertet.
Emil Jannings
Bildunterschrift: Buchcover ]
1884 im Kanton St. Gallen in der Schweiz geboren, wuchs Emil Jannings in Leipzig und Görlitz auf. Er brach das Gymnasium ab und verdingte sich als Schiffsjunge, bevor er den Weg zur Schauspielerei fand, zunächst bei einer Wanderbühne und an verschiedenen Theatern in der Provinz.
1914 kam er nach Berlin und erhielt ein Jahr später ein Engagement an den Reinhardt-Bühnen. Neben seiner Theaterarbeit wirkte er ab 1916 auch regelmäßig in Filmen mit. Den Durchbruch auf der Leinwand schaffte er 1919 mit der Rolle Ludwigs XV. in „Madame Dubarry“ unter der Regie seines ehemaligen Schauspielkollegen Ernst Lubitsch. Der Film machte ihn auch international zum Star. Die Erfolge von „Der letzte Mann“ und „Variete“ Mitte der 1920er Jahre brachten ihm einen Dreijahresvertrag bei der Paramount. 1926 übersiedelte Ernst Jannings nach Hollywood, wo er 1929 mit dem ersten überhaupt vergebenen Oscar ausgezeichnet wurde.
Bildunterschrift: Aushängeschild des NS-Films: Emil Jannings als Robert Koch 1939 ]
Mit dem Siegeszug des Tonfilms entschloss sich Jannings, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Er fürchtete, sein starker deutscher Akzent könnte seiner weiteren Karriere in den USA im Weg stehen. „Es hatte mit der Sprache zu tun. Er konnte sich nicht vorstellen, auf Englisch zu spielen“, sagt sein Neffe Jörg Jannings. „Es war auch – würde ich sagen – wieder ein Teil Faulheit. Und ein Teil ‚wenn schon, dann will ich den größten Löffel haben’. Die Nazis haben ihn ja nicht zum Weltstar gemacht, er war Weltstar. Aber er hat sich eingelassen.“
Kaum in der Heimat angekommen, stand Emil Jannings schon wieder vor der Kamera. Im Winter 1929/30 entstand in Berlin „Der blaue Engel“. Auch auf der Bühne war er nun wieder zu sehen. Mehrfach übernahm er Rollen in Stücken von Gerhart Hauptmann. An seine großen Erfolge im Kino konnte er zunächst nicht anknüpfen. Erst im NS-Film avancierte er erneut zum Star. Zudem machte Goebbels den „Staatsschauspieler“ zum Filmproduzenten.
Jannings Bereitschaft, sich vom nationalsozialistischen Kino vereinnahmen zu lassen, führte nach 1945 zu einem Berufsverbot. Erst 1946 wurde er „entnazifiziert“. Am 2. Januar 1950 starb Ernst Jannings in seiner Villa am Wolfgangsee.
Buchtipp
Frank Noack: Jannings.
Mit Filmographie
Belleville 2009, Preis: 34 Euro
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

