Rückschau: Der Mann und das Biest
Walton Fords witzig-skurrile Tiermenagerie "Pancha Tantra"
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 15. November 2009
Bildunterschrift: Walton Fords Tiere sind rasante Akteure. ]
Er ist einer der unmodernsten modernen Maler unserer Zeit, ein "visualisierender Geist", der als einer der ersten Künstler seit Erfindung des Pinsels seine Motive nicht aus unserer chaotisch-bunten Welt, sondern aus alten Folianten schöpft.
Zeitreisender der Kunst
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"Zeit-Reisen haben mich schon immer fasziniert. Allerdings nie in die Zukunft, sondern immer in die Vergangenheit. Ich male so, wie man nach alten Rezepten kocht: Ich will so malen, als wäre die Fotografie noch nicht erfunden worden", sagt Walton Ford. Seine detailgetreu auf Papier gebannten Tier-Aquarelle erinnern an die alte britische Kolonialmalerei und an naturwissenschaftliche Abbildungen des 19. Jahrhunderts, etwa an jene anthropologischen Studien des amerikanischen Malers und Ornithologen John James La Forest Audubon, der als Trapper und Vogelenthusiast durch die Wälder Ohios zog und mit seinem farblithografischen Werk "Birds of America" weltberühmt werden sollte. "Es ist dieser Moment des allerersten Kontakts zwischen Naturforscher und Tier", auf den es Walton Ford abgesehen hat. "Ich will diese Begeisterung festhalten, die diese empfunden haben müssen, weil sie wussten: Niemand hat vor mir jemals dieses Tier gesehen! Genau diese Energie will ich in meine Gemälde hinein bekommen."
Daneben fasziniert ihn aber auch die Vorstellung des Tieres als Bestie, die sich wie ein roter Faden durch die Darstellungen des 19. Jahrhunderts zieht: "Mich interessiert, wie Tiere in der menschlichen Vorstellungskraft aufscheinen... Als die Europäer in den 1850er Jahren zum ersten Mal Gorillas sahen, dachten sie, sie seien extrem gefährlich. Die Naturkundler malten die Gorillas immer mit einer Flinte, die sie verbogen. Tatsächlich sind Gorillas aber überhaupt nicht gewalttätig. Diese Fieberträume von Gewalt, die die Naturforscher hatten, interessieren mich: Sie will ich wiedergeben. Es ist ein bisschen wie bei David Lynch, aber tatsächlich erzählen meine Bilder Geschichte."
Rasante Akteure mit mörderischen Absichten
Bildunterschrift: Vertrauter Stil und irritierende Inhalte ]
Und als sei Fords allegorische Tiermenagerie der Aesopschen Fabelwelt entsprungen, enthüllt sie auf den zweiten Blick ein verstörend-anthropomorphes Universum voller Symbole und Anspielungen. Dabei sind Fords Tiere nie bloße Objekte. Gefährdet und gefährlich zugleich sind sie energiegeladene Akteure mit oftmals mörderischen Absichten. Da zerquetscht ein wilder Truthahn einen Papagei mit seinen Klauen, ein Storch traktiert das Nest kleinerer Vögel oder eine Affenhorde verwüstet einen sorgsam gedeckten Tisch.
Aus der Spannung zwischen einem uns vertrauten, fast altmeisterlich anmutenden Stil naturwissenschaftlicher Zeichnungen und den irritierenden Inhalten beziehen die riesigen Bilder des Künstlers ihre ungeheure Intensität.
Feldstudie der anderen Art
Bildunterschrift: Witzig-skurrile Tiermenagerie ]
Das von Illustrationen, Geschichten großer Forscher- und Entdeckungsreisender, von Anekdoten und volkskundlichen Überlieferungen inspirierte Bestiarium Fords ist zugleich eine Feldstudie der anderen Art: Sie konterkariert auf satirische Weise die Beschwörung der unberührten Natur und ihrer Vielfalt in Flora und Fauna mit politischen Kommentaren zur Kolonialzeit und deren fatalem Erbe, das sich in der amerikanischen Konsumgesellschaft von heute fortsetzt. So wird ein Elefant mit einer mächtigen Erektion statt von Madenhackern von einem Schwarm im Westen beheimateter Vögel belagert, ein Büffel steht umgeben von einem Rudel blutverschmierter Wölfe inmitten eines gepflegten französischen Barockgarten.
Fast immer verstecken sich in den Bildern des Künstlers doppelbödig-ironische Botschaften - wie etwa in "Sanctuary". Es zeigt einen alten Weißrücken, der triumphierend den Schädel des Amerikaners Carl Akeley hält. Der Abenteurer und Großwildjäger, der für unzählige Dioramen Tiere schoss und so präparierte, dass sie hernach im Museum besonders lebendig aussahen, machte Anfang des 20. Jahrhunderts bei seinen Jagdausflügen nach Afrika die ersten Filmaufnahmen der mächtigen Menschenaffen. Der Anblick der Totenmaske eines Gorillas veränderte schließlich sein Leben: Carl Akeley wurde zum Tierschützer und gehörte zu den Initiatoren des ersten afrikanischen Reservats. 1926 starb er an Malaria.
Europa-Premiere
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Unter dem Titel " Pancha Tantra", der einem Buch alter indischer Tierfabeln aus dem 3. bis 5. Jahrhundert vor Christus entlehnt ist, sind die Arbeiten Walton Fords jüngst bei Taschen erschienen. Anfang nächsten Jahres sind sie erstmals auch in Europa zu sehen: Vom 23. Januar bis zum 23. Mai 2010 zeigt der Hamburger Bahnhof in Berlin die eindrucksvollen Tieraquarelle des amerikanischen Künstlers.
Walton Ford
Bildunterschrift: Walton Ford schöpft seine Motive aus alten Folianten. ]
1960 in Larchmont im Staat New York geboren, saß Walton Ford schon als Kind stundenlang vor den Vitrinen im Naturkundemuseum von New York und zeichnete. Nach seinem Filmstudium an der Rhode Island School of Design wandte er sich der Aquarellmalerei zu. Seit 1987 wurde sein Werk in zahlreichen Museen gezeigt. Er lebt und arbeitet in Massachusetts.
Buchtipp
Walton Ford: Pancha Tantra
Taschen Verlag 2009
ISBN: 978-3-8228-5237-8, Preis: 49,90 Euro
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 15.11.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

