Rückschau: Mit der Kamera
Der Fotograf Andreas Mühe auf den Spuren der Berliner Politprominenz
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 13. Dezember 2009

Bildunterschrift: Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und George Bush sen. vor der Mauer; Foto: Andreas Mühe ]
Er ist 30 Jahre und auf dem besten Weg, ein Star zu werden: der Fotograf Andreas Mühe. Seine Porträts der Kanzlerin waren im Wahlkampf bundesweit plakatiert. Und in diesem Herbst hat er eines der Fotos des Jahres geschossen: Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush sen. vor den Resten der Berliner Mauer. „Es war beeindruckend, keine Frage!“, erinnert er sich an das Shooting, „und sehr rührselig: drei alte Herren, die sich vor 20 Jahren in Strickjacken getroffen hatten und diesmal in Anzügen auftauchten.“
Anfang 2010 präsentiert er seine erste große Werkschau in Berlin. Sie ist vom 23. Januar bis zum 6. März 2010 in der Berliner Galerie Camera Work zu sehen. Kuratiert wird sie von der Fotografenlegende F. C. Gundlach, Mühes Mentor und Förderer. „Er ist der, den ich am liebsten frage, wenn ich ein Problem habe, dem ich am liebsten meine Arbeit präsentiere. Ich lege großen Wert auf sein Wort und höre ihm sehr gerne zu.“
Für die Zukunft plant er eine künstlerische Serie, die seinem Vater, dem 2007 verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe, gewidmet ist und den Umgang mit Sterben und Tod thematisiert.
Unterkühlte Porträts

Bildunterschrift: Hannah Herzsprung und Anna Maria Mühe, Berlin 2009; Foto: Andreas Mühe ]
Andreas Mühe wurde 1979 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren und wuchs in Ostberlin auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Photolabortechniker, war Assistent von Ali Kepenek und Anatol Kotte. Seit 2001 arbeitet er als freiberuflicher Fotograf für renommierte Magazine, Agenturen und Unternehmen und ist bekannt für seine unterkühlten, virtuos ausgeleuchteten Porträts. „Ich bin ganz klar ein angewandter Fotograf, der Geschichten zusammenpackt und dadurch etwas Neues formt“, sagt er. „Es gibt bei mir nicht diesen Snapshot-Charakter. Ich versuche, meine Inszenierung wieder dahin zu bringen, dass sie frei und entspannt und wie ein nichtinszeniertes Bild aussieht.“
In der Berliner Werkschau werden Porträts von Künstlern wie Markus Lüpertz, Jonas Burgert, Daniel Brühl oder Hannah Herzsprung, aber auch von Literaten oder Politikern zu sehen sein. F. C. Gundlach: „Andreas Mühe geht sowohl mit Licht als auch mit der Farbe sehr reduziert um, Grau ist eine große beherrschende Farbe in all diesen Bildern und die Porträts sind von einer realistischen Präsenz, dass man die Köpfe fast anfassen könnte und das finde ich sehr gut.“
Ulrich Mühe

Bildunterschrift: Ulrich Mühe; Foto: Andreas Mühe ]
Den berühmten Vater hat Andreas Mühe schon als Schüler fotografiert. „Das waren aber rein private Fotos“, sagt der Sohn. Ulrich Mühe, 1953 im sächsischen Grimma geboren, war in der DDR ein Theaterstar. Nachdem ihn Heiner Müller 1979 am städtischen Theater Karl-Marx-Stadt entdeckt hatte, holte er ihn 1982 an die Berliner Volksbühne. Ein Jahr später wurde Ulrich Mühe Ensemblemitglied des Deutschen Theaters und brillierte in zahlreichen Rollen. Nach der Wende war er an verschiedenen Bühnen engagiert, gastierte bei den Salzburger Festspielen und am Wiener Burgtheater. Als Filmschauspieler war er unter anderem in „Das Spinnennetz“, „Schtonk!“, „Benny’s Video“ und „Funny Games“ zu sehen. Sein größter Erfolg war die Rolle des Stasihauptmanns Gerd Wiesler in „Das Leben der Anderen“. Der Film wurde 2007 als beste ausländische Produktion mit dem Oscar ausgezeichnet.
Vater und Sohn
Bildunterschrift: Andreas Mühe ]
Sohn Andreas war damals in Hollywood bei der Oscar-Verleihung mit dabei. Was Außenstehende nicht wussten: Die Freude über den Preis war überschattet von Ulrich Mühes schwerer Krebserkrankung. So zeugen die Fotos, die der Sohn damals machte, weniger von Euphorie als von tiefer Traurigkeit.
Drei Tage nach der Oscar-Veranstaltung wurde Ulrich Mühe in Deutschland noch einmal operiert. Danach war ihm klar, dass er nicht mehr genesen würde. Der Schauspieler zog sich in sein Haus zurück, lehnte alle weiteren Filmangebote ab und konzentrierte sich auf seine Familie: die fünf Kinder, die dritte Ehefrau Susanne Lothar und die kleine Enkelin.
Andreas war der einzige, der ihn damals fotografieren durfte. „Es gab ein stillschweigendes Vertrauen“, sagt er über die enge Beziehung zu seinem Vater. Ulrich Mühe starb am 22. Juli 2007. Am 25. Juli fand die Beerdigung im engsten Kreise statt.
„Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen“, schrieb die Publizistin Susan Sontag – eine Erfahrung, die Andreas Mühe schmerzvoll gemacht hat.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 13.12.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

