Rückschau: Zwischen Glamour und Dekadenz
Das einzigartige Erbe indischer Maharajas
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 7. Februar 2010
Bildunterschrift: Thron von Hafiz Muhammad Multani, Lahore ]
Früher maßen sie ihren Reichtum an der Zahl ihrer Elefanten, heute sind sie Unternehmer und stolz auf die Tradition der Rajputen und ihr kulturelles Erbe: Indiens Maharajas. Mit der Unabhängigkeit des Subkontinents 1947 haben sie Titel, Macht und ihre finanziellen Privilegien verloren, nicht aber ihr Ansehen. Erstmals sind jetzt die Schätze der königlichen Sammlungen der Maharajas in einer opulenten Schau in Europa zu bewundern. Nach dem Auftakt in London wird sie vom 12. Februar bis zum 24. Mai in der Hypo-Kunsthalle München zu Gast sein. ttt hat einen der wichtigsten Leihgeber der Ausstellung, Maharana Arvind Singh Mewar von Udaipur, 76. Oberhaupt der wohl ältesten Dynastie der Welt, in London getroffen: eine Zeitreise in das Indien von gestern und übermorgen.
Der Mythos der Märchenprinzen
Bildunterschrift: Begum Shah Jahan von Bhopal, ca. 1877 ]
Nichts hat unsere Vorstellungen von einem Märchenland mehr geprägt als die glamouröse Pracht, der exotische Reichtum und die pompöse Machtentfaltung der indischen Fürsten. Sie waren spirituelle Meister, Feldherrn und Politiker, begeisterte Jäger und enthusiastische Kunstmäzene. Die Vielfalt und der Wandel ihrer Rollen spiegeln sich in den rund 250 Ausstellungsobjekten wider.
Bildunterschrift: Collier von Patiala ]
Die Exponate umspannen den Zeitraum vom 18. Jahrhundert, dem Beginn der großen Ära der Maharajas, bis zum Jahr 1947, dem Ende der britischen Herrschaft in Indien. Viele kommen zum ersten Mal nach Europa und stammen aus Indiens Herrschersammlungen: darunter drei Throne, eine aus vergoldetem Silber angefertigte Sänfte, mit Edelsteinen besetzte Waffen, Gemälde, Fotografien, indischer Turbanschmuck und Schmuck, der bei Cartier und Van Cleef & Arpels im 20. Jahrhundert in Auftrag gegeben wurde. Legendär ist das Kollier von Patiala, das 1928 von Cartier fertig gestellt und im Jahr 2002 restauriert wurde. Ursprünglich fasste es 2.930 Diamanten und kam auf fast 1000 Karat.
„Der Mensch hat seit jeher den Drang, seine Überlegenheit über andere unter Beweis zu stellen“, sagt Maharana Arvind Singh Mewar. „Dazu tragen die Luxusobjekte bei: Sie zeigen, dass er es weit gebracht hat. Die Sammlung, die Sie in der Ausstellung sehen ist, ist ja nicht das Resultat von ein oder zwei Jahren. Sie wurde in Hunderten von Jahren zusammengetragen. Und sie ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich Tradition und Erbe bewahren und lebendig halten lassen.“
Die Ära der Maharajas
Bildunterschrift: Turbanschmuck ]
Die ältesten Fürstenhäuser waren Nachfahren der Rajputen, die den Nordwesten Indiens schon vor 2.000 Jahren dominierten. Durch Kriegsbeute reich geworden, begannen sie im frühen 17. Jahrhundert, Paläste zu bauen, in denen sie ihren luxuriösen Lebensstil entfalteten.
Der Zerfall des Mogulreichs im 18. Jahrhundert war eine Zeit des politischen Umbruchs, in der die rivalisierenden Herrscher Land für sich beanspruchten. Die Ausstellung dokumentiert die Machtverschiebungen mit Exponaten wie dem goldenen Thron des Maharajas Ranjit Singh oder Waffen und Rüstung des Tipu Sultan von Mysore und des Maratha-Herrschers Yeshwant Rao Holkar von Indore.
Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die britische East India Company ihren Einfluss in Indien ausdehnte, schlossen die Lokalfürsten – die hinduistischen Maharajas ebenso wie die islamischen Nabobs – mit der Gesellschaft Verträge. Sie sicherten ihnen Souveränität und Privilegien. Im Gegenzug akzeptierten die Fürsten die Oberhoheit der East India Company bzw. der britischen Krone, zahlten Steuern und wurden Verbündete der Engländer. „Berater“ („political agents“) achteten an den Fürstenhöfen darauf, dass die britischen Interessen gewahrt blieben.
Bildunterschrift: Maharaja Yeshwant Rao Holkar II von Indore in westlichem Gewand
]
Während der britischen Kolonialherrschaft wurden die Verbindungen zum Westen immer enger. In großen zeremoniellen Veranstaltungen, den Durbars, demonstrierten die Maharajas ihre Loyalität gegenüber der Krone. Sie schickten ihre Sprösslinge zum Studium nach Europa, beschäftigten europäische Architekten und bescherten zahlreichen Unternehmen spektakuläre Aufträge. Als Mäzene förderten sie auch die sich damals entwickelnde europäische Avantgarde.
Mit der britischen Unabhängigkeit verloren die Märchenprinzen 1947 ihren außergewöhnlichen Status. Erst 1971 schaffte Indira Gandhis Kongress-Regierung die letzten Privilegien endgültig ab: Staatspensionen in Höhe von bis zu 300 000 Euro jährlich oder Zollfreiheit für ausländische Luxusimporte. Noch heute aber bezeugen die alten Paläste, die zum Teil zu Museen, zum Teil zu Nobelhotels umfunktioniert wurden, den Glanz und die Pracht der Maharajas.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

