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20.03.2010

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Rückschau: Karneval und Bürgerprotest

Der Kampf um das Kölner Schauspielhaus

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 7. Februar 2010

Das Kölner Schauspielhaus; Bild: Helmut Metzmacher Bildunterschrift: Das Kölner Schauspielhaus ]
Köln hat sich schon immer große Mühe gegeben, seinen Ruf als Kulturmetropole am Rhein zu verspielen. Die Liste der Pleiten und Pannen ist lang. Nun droht der Kultur in der Domstadt der Kahlschlag. Rund 13 Millionen Euro sollen 2010 in Museen, Theatern und der Oper eingespart werden. Ein Konzept ist allerdings nicht in Sicht. Da erstaunt es die Kölner umso mehr, dass der Stadtrat trotz klammer Finanzlage Mitte Dezember 2009 ein kostenintensives Prestigeprojekt beschlossen hat. Das alte Schauspielhaus, Teil eines denkmalgeschützten Ensembles am Offenbachplatz, soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Nun formiert sich Protest: Bürger und Künstler planen den karnevalistischen Aufstand. ttt berichtet über Hintergründe, Positionen und Perspektiven der Debatte um das Schauspielhaus.

Sanierung oder Neubau

Bildunterschrift: ]
Seit Jahren wird in Köln um das Schauspielhaus gestritten. Zunächst stand auch der Neubau des benachbarten Opernhauses zur Diskussion. Beide Spielstätten wurden zusammen mit einem Pavillon für Gastronomie, den „Opernterrassen“, zwischen 1954 und 1962 nach den Plänen der Architekten Wilhelm Riphahn und Hans Menne gebaut. Mittlerweile gelten beide Gebäude als veraltet. Technik und Sicherheitsausstattung entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Platzmangel erschwert die künstlerische und organisatorische Arbeit.

Für das Opernhaus hat der Stadtrat einer umfangreichen Sanierung den Vorzug gegeben. Das Schauspielhaus und die „Opernterrassen“ hingegen sollen komplett abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. So sieht es der Ratsbeschluss vom 18. Dezember 2009 vor. Die Architektenbüros Chaix & Morel aus Paris und JSWD aus Köln sollen Sanierung und Neubau zu den Gesamtkosten von 295 Millionen Euro bewerkstelligen.

„Mut zu Kultur“

Schauspielintendantin Karin Beier; Bild: dpa Picture-Alliance / Jörg Carstensen Bildunterschrift: Schauspielintendantin Karin Beier ]
Protest gegen die Pläne gibt es seit langem. Nun aber, da die Politiker entschieden haben, soll der Widerstand durch ein Bürgerbegehren den notwendigen Nachdruck erhalten. Dafür setzt sich die Initiative „Mut zu Kultur – Inhalt vor Fassade“ ein. Sie fordert, dass der Rat bei einer Entscheidung von so großer Tragweite den Dialog mit den Bürgern sucht.

Unstrittig ist, dass das Schauspielhaus aufgrund jahrzehntelanger Vernachlässigung in einem desolaten Zustand ist. Die Gegner des Ratsbeschlusses wollen sich aber nicht mit dem Neubau als einziger Option abfinden. In einem Aufruf heißt es: „Dürfen wir akzeptieren, dass die Stadt Köln das bedeutende Erbe der 50er-Jahre-Moderne hat verwahrlosen lassen und nun angeblich nur noch der Abriss bleibt?“

Hinzu kommt die Befürchtung, dass der Neubau „ein Kostenabenteuer mit ungewissem Ausgang“ ist. Was nutzt ein neues Schauspielhaus, wenn das Geld fehlt, es anständig zu bespielen? Dass die Mittel zwar offiziell aus verschiedenen Töpfen fließen, kann die Kritiker angesichts der angespannten Finanzlage nicht beruhigen. Auch Schauspielintendantin Karin Beier teilt diese Sorge, darf sich mittlerweile in Interviews aber nicht mehr dazu äußern.

Aufstand gegen Abriss

Jürgen Flimm; Bild: imago/Manfred Siebinger Bildunterschrift: Jürgen Flimm ]
Bis zum 15. März will die Initiative „Mut zu Kultur“ 30.000 Unterschriften (also deutlich mehr als die notwendigen rund 23.000) für das Bürgerbegehren sammeln. Zahlreiche prominente Politiker und Kulturschaffende haben sich dem Aufruf angeschlossen, unter ihnen Jürgen Flimm, Dirk Bach, Maxim Biller, Peter Busmann, Dominik Graf, Candida Höfer, Udo Kier, Alice Schwarzer und Rosemarie Trockel. Jürgen Flimm, von 1979 bis 1985 Intendant des Kölner Schauspielhauses: „Warum werden keine Regisseure, keine Bühnenbildner, keine Dramaturgen, keine Intendanten gefragt? Ich bin so empört. Ich finde das unglaublich. Wie nennen wir das? Die Arroganz der Macht! Das erleben wir gerade in Köln am Rhein.“ Kulturdezernent Georg Quander sieht das naturgemäß anders: „Man muss ja mal klar sagen, dass dieses Thema sieben Jahre lang in dieser Stadt in breitester Öffentlichkeit erörtert wurde. (…) Das ist nun mal ein demokratischer Prozess, der jetzt zu einem Ergebnis gekommen ist. Und man muss in dieser Frage auch zu einer Entscheidung stehen, weil sonst kann man alles wieder von vorne diskutieren, aber ich fürchte, dass die Bühnen das nicht überleben.“

Im Karneval soll es richtig rund gehen! Dann wollen 100 Kölner Künstler unter dem polemischen Motto „Ihr seid Künstler und wir nicht“ den Politikern mit einem spektakulären Wagen beim Rosenmontagszug die rote Karte zeigen und die Stimmung unter den Kölnern anheizen. „Die Kölsche sind dann ja auch rabiat“, sagt Jürgen Flimm. „Das Schauspielhaus gehört den Bürgern. Es ist den Theaterleuten nur geliehen. Und da es ihnen gehört, müssen sie es sich nehmen. Ich bin dabei, wenn es Rabatz gibt. Da stehe ich in der ersten Reihe.“

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 07.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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