Rückschau: Politische Satire oder Bloßstellung?
Jörg Haiders „Witwer“ klagt gegen Romanautor
Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 7. Februar 2010
Bildunterschrift: Stefan Petzner ]
Es war in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 2008, als Jörg Haider, Landeshauptmann von Kärnten, Vorsitzender des BZÖ und umstrittener Rechtspopulist, stark angetrunken mit seinem Auto in den Tod raste. Seine Parteifreunde und Anhänger waren geschockt.
Vor allem Stefan Petzner, damals 27 Jahre alt, zeigte sich tief getroffen. Er gehörte seit 2004 zum engsten Kreis um Jörg Haider und war innerhalb kurzer Zeit vom Pressesprecher zum Generalsekretär und Wahlkampfleiter des BZÖ aufgestiegen.
Bereits am 12. Oktober 2008 entschied der Parteivorstand einstimmig, ihn als Haiders Nachfolger für das Amt des BZÖ-Chefs zu nominieren. Auch als Klubobmann (Fraktionsvorsitzender) im Wiener Nationalrat war Petzner vorgesehen. Doch dann redete er sich innerhalb weniger Tage um Kopf und Kragen. In Tränen aufgelöst, beklagte er im österreichischen Fernsehen, mit Jörg Haider seinen „Lebensmenschen“ verloren zu haben.
Bildunterschrift: Jörg Haider ]
Die Medien griffen Petzners intimes Bekenntnis begierig auf und spekulierten über die Rolle des jungen Mannes, den mit dem homophilen Haider möglicherweise mehr verband als die politische Gesinnung. Das BZÖ schwenkte daraufhin um und bestimmte zwei andere Parteigenossen zum Klubobmann und BZÖ-Chef.
„Weiße Nacht“
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Auch der österreichische Autor David Schalko, bekannt für seine Satiresendungen im ORF, war von Petzners öffentlichem Seelenstriptease beeindruckt – und verwendete ihn als Anregung für einen Roman, der im vergangenen Herbst im Czernin-Verlag erschien.
„Weiße Nacht“ erzählt die Geschichte eines naiven jungen Mannes, der ein ganz normales Leben führt – bis er ihn findet, den Menschen, der seine Welt ins Schwanken bringt, den er verehren und dem er bedingungslos nacheifern kann: „Als er mir die Hand reichte, hielt ich sie fest. Er zog sie nicht zurück. Er spürte sofort, dass ich ab jetzt einer der Seinen war. Er sagte nur: ‚Komm!’ Und ich kam. Er sagte: ‚Bleib in meiner Nähe.’ Und ich wich nicht mehr von seiner Seite.“
Bildunterschrift: David Schalko ]
David Schalko bestreitet nicht, dass er seinen Helden der Person Petzners nachempfunden hat. Den Satirecharakter aber hält er für unübersehbar. „Weiße Nacht“ sei kein Schlüsselroman, sondern ein literarisch verfremdetes Sittenbild der „Buberlpartei“ um Jörg Haider. „In der Politik kommt es immer mehr zu diesen Vermengungen zwischen Messiasversprechen und Realpolitik“, sagt er. „Dass immer mehr esoterische Inhalte in die Politik einfließen, dass es überhaupt nur um charismatische Führer geht, die man ideal vermarkten kann, das ist eigentlich das Thema meines Buches.“
Posse oder Politikum?
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Der Nationalratsabgeordnete Stefan Petzner freilich sieht das anders. „Das kann man als aufrechter Demokrat nicht zulassen. Man kann erst recht nicht zulassen, dass der Herr Schalko, der ein mieser Autor ist und bisher nur ein paar Seiten Klopapier verkauft hat, mit meinem Namen und mit meiner Geschichte, mit meinem politischen Agieren Kohle macht.“ Er hat den Czernin-Verlag verklagt, weil er durch „Weiße Nacht“ seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht. Sein juristischer Vorstoß zielt allerdings nicht auf ein Publikationsverbot, sondern auf die Zahlung einer Entschädigung.
Am 19. Februar wird der Fall vor dem Wiener Landgericht verhandelt. David Schalko bleibt gelassen. Schließlich habe Petzner selbst die vielen im Roman verwendeten privaten - und zum Teil pikanten Details wie eine Delfintätowierung auf Petzners Bauch – in seinen zahlreichen Interviews preisgegeben. Von einer „Bloßstellung“ könne also keine Rede sein.
Wie auch immer das Gericht entscheidet: Für Petzner und Schalko bedeutet der Prozess ein Zugewinn medialer Aufmerksamkeit. Zumindest in diesem Punkt decken sich wohl ihre Interessen.
Literatur
David Schalko: Weiße Nacht.
Czernin Verlag 2009, Preis: 16,90 Euro
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 05.02.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

