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Rückschau: Wie gefährlich ist Amok-Rap?

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 22. März 2009

Polizisten üben in einem Schulgebäude (C) dpa-Bildfunk Bildunterschrift: ]
„Ihr allein habt mich soweit gebracht, hier vor die Schultür mit einem vollen Rucksack. Ich geh rein, geh ins Klassenzimmer, und dreh’ ab, schieß drauf los.“

In dem Video zu „Amok Zahltag“ des Rappers Kaas wird mit grausamer Detailtreue ein Amoklauf in der Schule gezeigt: „Hallo, ich bin hier um das Scheißblatt zu wenden, Eure scheiß verfickten Existenzen zu beenden. Ihr wollt weg, hah, zeigt mir ob Ihr schneller als die Kugel rennt, Bamm“.

"Euer Blut wird heute an die Wand spritzen"

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Die Plattenfirma hat die Veröffentlichung nach dem Amoklauf von Winnenden gestoppt. Doch Kaas ist längst nicht der einzige Rapper, der Schulmassaker zum Thema macht. Auch Swiss lässt Gewaltphantasien freien Lauf: Titel: „Mein letzter Schultag.“: „Tret’ die Tür ein mit Gewalt, seh’ die ganzen da sitzen, ich hör’ mich schreien: „Euer Blut wird heut’ an die Wand spritzen.“

„Ich versetze mich in diesen Jungen 'rein und will die Leute dazu auffordern zu gucken“, meint der Musiker. Sein Text ist die Innenschau eines Versagers, der Rache will.

Aufklärung oder Verherrlichung?

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Dient so etwas der Aufklärung oder der Verherrlichung von Bluttaten? Kalkulieren die Rapper nur mit dem Schock? „Es besteht die Gefahr, dass es Leute cool oder geil finden“, meint die Soziologin Prof.Dr.Gabriele Klein. „Aber der Schritt von diesem Finden und den Diskussionen darüber zu Handlung, ist ein sehr, sehr weiter.“

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Amokrap: Nicht der Auslöser, aber vielleicht doch eine Bestätigung für brutale Gewaltphantasien. Swiss rappt: „Wenn ich komm’, ist es an der Zeit für Euch zu gehen, wenn ich da war bleibt keiner stehen. Es fühlt sich gut an und ich fühl mich befreit.

Der Diplom-Psychologe Laszlo A. Pota meint: „Wenn ich in meiner Einsamkeit und meiner Isolation nur noch darauf aus bin, Rache zu üben, dann werden diese Texte plötzlich eben auch sehr lebendig. Das heißt, die Bilder die dazu kommen, verleiten einen dann auch dazu, dass man das auch ausleben möchte.“


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Nicht alle Rapper setzen beim Thema Amoklauf auf Schockeffekte. Curse - einer der erfolgreichsten deutschen Rapper - fragt in seinem Song nach den Ursachen: „Warum ist es heute so leicht, eine Knarre zu kaufen? Warum fällt es keinem auf, wenn wir mit Knarren rumlaufen? Warum traut sich keiner, der es ahnt oder mitbekommt, was zu sagen?“Curse meint: „Jeder Künstler hat eine Verantwortung, jeder Künstler hat eine Vorbildfunktion. Punkt. Ist einfach so. Wie du mit dieser Sache umgehst und ob du eher sagst: ich will provozieren oder ob du eher sagst: na ja gut, dann halt ich mich zurück, das bleibt jedem individuell selbst überlassen… Das ist eine Tatsache!“


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„Natürlich provoziert das auch ein Stückweit“, meint Swiss. „Aber ich glaube, dass ich meinen Standpunkt und meine Message besser klar mache, wenn ich sie auf den Tisch lege. Unsere Gesellschaft ist einfach zu drastisch, dass man auch drastische Maßnahmen braucht, um die Leute darauf hinzuweisen, guckt euch mal um, wie krank ist diese Welt?!“

Warnung als Handlungsanweisung?

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Allerdings ist es mehr als fraglich, ob jeder Jugendliche diese verbalen Gewaltorgien so versteht, wie Rapper sich das wünschen: als sozialkritischen Aufruf, der Amokläufe verhindern soll. Was, wenn die Warnung als Handlungsanweisung missverstanden wird?
Die vergangenen Amokläufe haben gezeigt, dass die Täter nicht zwischen ihren Wahnwelten und der Realität unterscheiden konnten, sich in ihren Inszenierungen gefielen.

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„Die Grenzziehung zwischen den verschiedenen Wirklichkeiten zu ziehen, die Grenzen zu ziehen, wird zunehmend schwieriger“, meint die Soziologin Klein. „Nicht nur für Jugendliche. sondern für uns alle. Und damit natürlich auch die Fähigkeit zu unterscheiden, was Spiel und was ernst ist.“ Im Video von Kaas ist diese Grenze nicht mehr zu erkennen.

Hilflose und einsame Jugend

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„Generell kann man sagen: Uns wächst eine Jugend heran, die ziemlich vereinsamt ist, die ziemlich hilflos ist, und die Erwachsenen sind genauso hilflos ihnen gegenüber“, sagt der Psychologe Laszlo A. Pota. „Und da ist kaum Beziehung zueinander vorhanden. Das heißt, die Lücken, die gefüllt werden durch solche Spiele und so eine Musik, die ihre Verzweiflung natürlich auch ausdrückt, ist natürlich ein Weg, sich zu erleichtern.“

"Reflektieren, aber nicht verbieten!"

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Es reicht nicht, diese Songs erst zur Kenntnis zu nehmen, wenn es zu einem Amoklauf gekommen ist. Sie sind ein Seismograph - für Frust und Aggressionen. Und die lassen sich nicht einfach verbieten. Die Soziologin Klein meint: „Ich bin mir zumindest sicher, dass das Erzählmuster, was immer wieder in diesen Texten auftaucht - und das ist ein ganz großes, eindeutiges Erzählmuster - dass man das thematisieren muss, reflektieren, aber nicht verbieten!“

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 22.03.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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