Rückschau: Zurück in Bitterfeld
Monika Marons Bericht "Bitterfelder Bogen"
Sendeanstalt und Sendedatum: MDR, Sonntag, 14. Juni 2009
Attacke auf den sozialistischen Selbstbetrug
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Sie ist zurückgekehrt an den Ort ihres Debüts. Vor 30 Jahren verhalf Monika Maron der Stadt Bitterfeld mit einem Buch zu düsterer Berühmtheit. Ihr erster Roman war eine Attacke auf den sozialistischen Selbstbetrug, auf die zynische Vergiftung des menschlichen Lebensraums. Die Proletarier-Hochburg Bitterfeld nannte sie den dreckigsten Ort Europas. 180 Tonnen Flugasche regnete es hier täglich. Der Roman "Flugasche", in der DDR unterdrückt, im Westen publiziert, hat ihr Leben verändert. Als Reporterin begab sie sich nun erneut an den einstigen Unort, an dem Chemie und Kohle den Himmel verdunkelten und die Menschen krank machten. Sie erlebte einen atemberaubenden Wandel:
Sinnbild des Neuen: "Bitterfelder Bogen"
Bildunterschrift: Der "Bitterfelder Bogen" - so oder sinnbildlich gemeint - steht für das Neue. ]
"Links und rechts der Straße suchte ich nach Vertrautem. Wo war der Konsum, in dem sie mir erzählt haben, dass die Leute hier am liebsten weiße Pullover kaufen? Schwarz oder verrußt war nichts mehr, die Häuser gestrichen oder mit Sandstein gereinigt, die Rohrbrücken über den Straßen nicht mehr rostig, sondern auffallend farbig in Gelb und Türkis", heißt es in ihrem Buch. Ein modernes stählernes Kunstwerk ragt hoch über einer nun tatsächlich blühenden Natur- und Industrielandschaft. Maron berichtet Märchenhaftes von der ostdeutschen Realwirtschaft: Wie aus einer Chemie-Kloake ein Zentrum internationaler Zukunftsindustrien, darunter ein "Solarzellen-Globalplayer", wird. Und kaum jemand weiß etwas davon. "Es steht zwar eine ganze Menge in den Zeitungen, aber es steht immer bei der Wirtschaft, und ich hab mich selber gewundert, dass sich niemand für diese Geschichte interessiert hat, die ja an sich schon besonders ist mit den Kreuzbergern, die hierher zogen."
Vom Ideal zum Global Player
Bildunterschrift: Q-Cells: Kreuzberg in Bitterfeld. ]
Kreuzberger? Genau: Die Erfolgsgeschichte klingt wie ein Roman. Berliner Hausbesetzer verbünden sich mit Bitterfelder Arbeitssuchenden. Es begann in den 70ern in Kreuzberg. Da bastelte das sozialistische Ingenieurskollektiv "Wuseltronik" an seinen Solarvisionen. "Scheißen wir auf das Geld, machen wir was Richtiges", so das Motto ihres Gründers, eines bekennenden Marxisten. Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen. Hier konnten die Kreuzberger Phantasien nach der Wende praktisch erprobt werden. Mit schwindelerregendem Resultat. Q-Cells mauserte sich zum weltweit größten Solarzellenhersteller. 360 neue Betriebe haben sich um Q-Cells herum angesiedelt. Q-Cells selbst hat 2.000 Angestellte, eine eigene Band, einen Kindergarten und eine Forschungs-Professur.
Versteckte Talente
Bildunterschrift: Monika Maron schließt Frieden mit Bitterfeld. ]
"Ich fand es wichtig, über Leute zu erzählen, die in einer Situation, in der man auch leicht hätte verzweifeln können, einfach die Dinge gepackt haben, es einfach gemacht haben. Ich finde, dass diese Geschichten viel zu wenig bekannt sind. Sogar den Leuten, die hier leben in den östlichen Bundesländern, sind sie zu wenig bekannt, um sich daran zu erfreuen, was sie wirklich geschafft haben. Weil man immer nur von ihren Misserfolgen hört, von dem, was sie nicht können, von der Unterstützung, die sie brauchen. Und weniger von dem, was sie wirklich auf die Beine gestellt haben", sagt Monika Maron. Die Geschichte von Uwe Schmorl zum Beispiel, dem Schlosser und Fußballer, der nach der Wende arbeitslos wurde. Der zu den Ingenieuren nach Kreuzberg fuhr und bei Q-Cells klein anfing. Und der heute als Produktionsleiter und Aufsichtsratsvertreter der Arbeitnehmer ganz oben agiert. Erst spät hat er sein Managertalent entdeckt. "Und das sind eigentlich die vergeudeten Ressourcen der DDR, wo Leute mit Talent nicht mal selber auf die Idee gekommen sind, was sie alles können."
Wirtschaft in Prosa
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Mit wirtschaftlichen Realitäten hat sich Monika Maron schon in den 70er-Jahren beschäftigt. Die einstige Journalistin schrieb für das DDR-Blatt "Wochenpost" Reportagen, sechs Jahre lang. Auch ihr neues Buch ist ein Bericht, kein Roman. Allerdings voller literarischer Miniaturen, in eine erzählende Atmosphäre getaucht. Wirtschaft aus dem Blickwinkel einer Schriftstellerin. "Während der Arbeit habe ich ziemlich oft geflucht, denn man ist an Begriffe gebunden, die einfach heißen, wie sie heißen: Eine 'Aktiengesellschaft' ist eine 'Aktiengesellschaft', und etwas, was 'Technologie- und Förderzentrum' heißt und jeden Satz ruiniert, heißt einfach 'Technologie- und Förderzentrum', das kann man nicht ändern. Das heißt also, ich war in der Sprache unheimlich gebunden und von den her Fakten auch", erzählt die Autorin mit einem Schmunzeln. Doch wie spannend und auch berührend das sein kann! Unternehmungsgründungen, Solarzellenfelder, kommunalpolitische Leidenschaften, Energievisionen: Immer geht es um Menschen, die da etwas aufmischen und umkrempeln. Figuren wie aus einem Roman gesprungen. Reportagen, das beweist Monika Maron, können fesselnd sein.
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Autor: Reinhold Jaretzky
Buchtipp:
Monika Maron:
Bitterfelder Bogen
Mit Fotos von Jonas Maron
S. Fischer Verlag 2009
ISBN 978-3-10-048828-2
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 14.06.2009. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

