Komponist Colin Towns im Interview

Die Filmmusik für die Usedom-Krimis ist sehr eindringlich und emotional. Welche Gedanken leiten Sie beim Arbeiten?

Ich möchte die Zuschauer mit meiner Musik bewegen. Musik und Film sollen den Zuschauer auf eine besondere Reise mitnehmen. Da ich keine akademische, sondern eine intuitive Herangehensweise habe, habe ich keine Regeln im Kopf. Vielmehr lasse ich mich von den Gefühlen und Atmosphären leiten, die die Schauspieler schaffen, und nehme diese als Ausgangspunkt. Mein Ziel ist es, mich möglichst eng am dramatischen Bogen zu orientieren und eine Filmmusik zu erschaffen, die den Film weiterbringt, ohne dass das Publikum meine Arbeit wahrnimmt. Über Musik, die Dialogen unterlegt wird, denke ich sehr lange nach. Selbst ein elektronischer Sound muss in meinem großen Archiv von Klängen und Samples erst einmal "aufgestöbert" werden. Manchmal verbringe ich Stunden mit der Suche nach einem Moment, der fünfzehn Sekunden dauert. Der Regisseur und die Produzenten sollen mehr als zufrieden sein, aber vor allem sollen sich die Zuchauer von dem Film als Ganzem angesprochen fühlen.

Welche Seite dieser Filme, die um die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow und ihre Tochter kreisen, wollen Sie mit Ihrer Musik zum Klingen bringen?

Die Beziehung zwischen Karin Lossow und ihrer Tochter Julia ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Stückchen für Stückchen erfährt Julia die Geschichte, die der Ermordung ihres Vaters zugrunde liegt. Es gibt ein musikalisches Thema für Karin und eins für Julias Affäre. Beide Figuren haben etwas getan, wofür die Zuschauer vielleicht nicht unbedingt Sympathie aufbringen. Wir wissen, dass das ein Krimi ist, deshalb muss man sich langsam herantasten und langsam mit ihnen und ihrem Verhältnis "warmwerden". Während Mutter und Tochter sich einander anzunähern scheinen, spiegele ich genau das in einer neuen musikalischen Identität wider.

Sie arbeiten international. Gibt es im Ländervergleich signifikante Unterschiede in Ihren Arbeitsbedingungen?

Ich habe mein Handwerk in Großbritannien gelernt und dort an vielen tollen Kino- und TV-Filmen mitgewirkt. In meiner Anfangszeit habe ich daneben auch für die Werbung komponiert. Dabei kam es darauf an, sich rasch einzuarbeiten und schnell Ergebnisse abzuliefern. Diese Erfahrungen waren für meine Filmarbeit sehr hilfreich. Ich wurde eingeladen, in den USA zu arbeiten, und habe dort die Musik für eine Reihe von Kinofilmen und TV-Movies geschrieben. Auch einige französische Filme habe ich gemacht. Das war eine sehr interessante und herausfordernde Arbeit; in Frankreich gibt es eine starke Filmindustrie. Und ich arbeite wirklich sehr gern in Deutschland. Seit Mitte der 1990er-Jahre kooperiere ich darüber hinaus mit der NDR Bigband, die meine Musik in der ganzen Welt spielt. Es ist mir wichtig, auch diese Art von Musik zu machen, denn so bleibe ich frisch und hungrig. Durch meine Theaterarbeit komme ich ebenfalls viel herum, und das ist wieder eine andere Welt. Auch hier begegne ich teilweise einem ganz anderen Verständnis von meiner Arbeit, aber das kann sehr bereichernd sein. Jedes Land hat seine Besonderheiten, und das Gleiche gilt für die verschiedenen Arten von Musik, sei es auf der Bühne oder auf dem Bildschirm. Ich mag sie alle und begrüße die Herausforderung, die jeder neue Auftrag mit sich bringt.

(Interview: Birgit Schmitz)

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