Schauspielerin Katrin Sass im Interview

Ex-Staatsanwältin Karin Lossow

Karin Lossow (Katrin Sass) nach einem Besuch bei Malgorzata Kaminska.
"Im Grunde wollen alle das Gleiche: Liebe und Frieden. Nur gelingt das den Menschen nicht. Bumms, und es kracht aufs Neue."

Die "Usedom-Krimis" erzählen komplexe Geschichten mit regionalem Aufhänger. Wie gefiel Ihnen das Buch zu "Engelmacher"?

Wir wollten von vornherein nicht einfach nur den nächsten Krimi machen; davon ist Deutschland ohnehin schon überschwemmt. Wir wollten drei starke Frauen, Mutter, Tochter und Enkelin, und über diese Konstellation vielleicht eine etwas andere Geschichte erzählen. Die Kombination dieser Konstellation mit dem Krimi stellt für uns den Reiz der Reihe dar. Und ich ziehe den Hut vor den Autoren, die sich nicht nur immer wieder einen neuen Fall für Julia Thiel ausdenken, sondern auch noch jedes Mal Mutter und Tochter einbeziehen. "Engelmacher" bedient wieder richtig den Krimi, denn hier geht es nicht nur um die Verschleppung einer jungen Frau, sondern auch um den Tod einer polnischen Ärztin. All das wird dicht mit der anderen Ebene, den starken Frauenfiguren der Reihe, verwoben. Gerade für Karin Lossow und ihre Familie geht es in diesem Film wieder um alles. Dass es den Abtreibungstourismus gibt, habe ich erst mit diesem Fall begriffen. Das war mir nicht so bewusst, vielleicht, weil wenig darüber berichtet wird. Das ist kein Thema, das in den Schlagzeilen auftaucht, aber damit ist es nicht weniger wichtig.

Karin Lossow hat ihren Mann erschossen, weil er sie für eine andere verlassen wollte. Nun steht diese Frau plötzlich vor ihr. Was geht in dem Moment in der Ex-Staatsanwältin vor?

Das ist schon ein Ding. Wie reagiert man da? Man hat den eigenen Mann erschossen, und dann steht nach neun Jahren diese Frau da, und man muss sich irgendwie verhalten. Natürlich schlägt man erst mal die Tür zu. Aber Karin Lossow ist klug genug, um zu wissen, dass diese Frau nicht wirklich der Grund war, warum ihr Mann gehen wollte. Die beiden, Karin Lossow und ihr Mann, konnten nicht mehr miteinander. Das versucht man immer auf andere zu schieben, weil man nicht in der Lage ist zuzugeben, dass da zwei Leute dazugehören. Ein Mann oder eine Frau gehen nicht einfach weg, weil man sich neu verliebt und das schick findet. Wenn es in der Beziehung stimmt, passiert das gar nicht erst.

Mit welchen Erwartungen führt sie dann doch das Gespräch mit der Polin?

Karin Lossow ist eine Frau, die sich den Dingen stellt. Einfach weil sie in Frieden leben will. Sie geht zu dieser Frau, um Klarheit zu haben, um vielleicht noch Dinge zu erfahren, die sie von ihrem Mann nicht wusste. Sie hat in ihren acht Jahren im Gefängnis gelernt, was im Leben wichtig ist. Das finde ich toll, dass sie solche Schritte macht, vielleicht auch um zu verzeihen.

Es kommt zu einer hochspannenden Begegnung. Die Ärztin möchte nicht etwa Geld, sondern etwas, das Karin Lossow ihr noch viel weniger geben will …

Liebe! Eigentlich läuft alles unter Liebe. Das ist es, was wir alle brauchen, auch wenn wir es uns nicht eingestehen. Liebe und ein Verzeihen. Malgorzata Kaminska ist verzweifelt, dass dieser Mann nicht mehr da ist. Deshalb kommt sie auf die Idee, dass vielleicht alle zusammen in Frieden leben könnten. Im Grunde wollen alle das Gleiche: Liebe und Frieden. Nur gelingt das den Menschen nicht. Bumms, und es kracht aufs Neue.

Die Kaminska entspricht so gar nicht dem Klischee der Geliebten. Reagiert die Ex-Staatsanwältin auch deshalb so irritiert, weil sie die andere nicht einfach abtun kann?

Möglicherweise. Sie ist eben nicht das Püppchen, das kleine blonde Dummchen. Das hat eine Qualität und tatsächlich eine Augenhöhe. Das macht es Karin Lossow noch mal schwerer. Wenn sie einem blonden Püppchen gegenüberstünde, würde sie wahrscheinlich nach zwei Sätzen gehen.

Karin Lossow will auf keinen Fall, dass die Kaminska Kontakt zu ihrer Familie aufnimmt. Warum?

Die Vorstellung, dass diese andere hinter ihrem Rücken mit ihrer Familie spricht, macht Karin Lossow unheimlich unsicher. Sie befürchtet, dass die Annäherung an ihre Tochter, die ohnehin ganz, ganz langsam passiert, wieder total zerstört werden würde. Sie kann ja nicht wissen, wie ihre Tochter oder ihr Enkelin reagieren werden. Sie kann nicht wissen, was an Lügen erzählt werden würde und ob sie dann eventuell wieder ganz draußen ist. Damit kommt sie gar nicht klar. Sie möchte zwar eine Klärung, aber um Gottes willen nicht hinter ihrem Rücken. Denn vielleicht wäre das der endgültige Bruch.

Magdalena Boczarska war hier Ihre Spielpartnerin. Wie war die Begegnung mit der polnischen Kollegin?

Mein erster Eindruck in der Leseprobe war zuerst: huh, eine kühle Dame. Aber das hatte natürlich mit ihrer Unsicherheit zu tun. Am ersten Drehtag kam sie gleich auf mich zu, als wir uns im Hotel begegneten, und ich dachte: Ist das ein lieber Mensch! Ich habe mich lange nicht mehr so wohl gefühlt mit einer Kollegin. Es ist heute leider selten geworden, dass man richtig miteinander ins Gespräch kommt und gemeinsam lacht. Die Karriere ist bei den meisten in diesem Alter so wichtig, dass ein Miteinander gar nicht mehr zählt. Das war eine wirklich tolle Begegnung, und ich muss sagen, ich bewundere einfach, so etwas in einer fremden Sprache zu machen. Es ist mir ein Rätsel, wie so was geht.

Als Karin Lossow verhaftet wird, sehen wir in der Zelle eine Frau zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das ist eindrucksvoll gespielt. Wie sind Sie an diese Szenen herangegangen?

Das sind wichtige Szenen, wo keine Dialoge stattfinden, wo es keine großen Aktionen gibt. Man muss das in dem Moment einfach empfinden: Wie ist es, wenn man zurück in eine Zeit muss, die man doch überwunden zu haben glaubte? Ich denke, das ist das Schlimmste, was es gibt. Wenn man zum ersten Mal da reingeht, sieht man die acht Jahre nicht vor sich. Beim ersten Mal geht man noch unbedarft in diese Situation, aber beim zweiten Mal weiß man einfach viel mehr. Das macht es so schwer für sie.

(Interview: Birgit Schmitz)

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