Schauspielerin Lisa Maria Potthoff im Interview

Hauptkommissarin Julia Thiel

SCHANDFLECK - DER USEDOM-KRIMI: Julia Thiel (Lisa Maria Potthoff) bleibt kühl ihrer Mutter gegenüber.
"Gute Mutter-Tochter-Verhältnisse kriegen sie in der Familie nicht hin."

Der Film greift den Abtreibungstourismus im deutsch-polnischen Grenzgebiet auf. Ein wichtiges Thema?

Mir gefällt es ja, wenn Filme politisch werden. "Tatorte" tun das ja auch oft, und das finde ich immer interessant. Wichtig ist natürlich, dass so ein Thema sich einem nicht wahnsinnig aufdrängt. Aber das tut es in unserem Film auch nicht, da kann sich jeder seine Meinung zu bilden. Ich finde, beide Seiten sind nachvollziehbar, es gibt ja nicht nur Schwarz und Weiß. Ich selbst bin keine radikale Abtreibungsgegnerin. Für mich ist es keine Frage, dass eine Frau selber über ihren Körper bestimmen kann. Aber ich bin froh, dass ich nie in so einer Situation war. Als Mutter von zwei Kindern würde es mir irrsinnig schwerfallen, weil ich weiß, was für ein Wunder das ist, das da entsteht. Über diese Frauen so zu richten, wie die katholische Kirche es tut, finde ich allerdings schlimm.

Julia Thiel hat einen schweren Unfall überlebt. Mit welchen Erwartungen kehrt sie aus der Reha zurück?

Julia möchte in ihr altes Leben zurückkehren und sich der Realität zu Hause stellen. Aber dann muss sie sich mit dem abfinden, was sie zu Hause vorfindet: dass die Mutter sich bei ihnen zu Hause eingenistet hat und dass es ohne Julia eigentlich auch ganz gut funktioniert hat. Das sind so kleine Verletzungen, mit denen sie jetzt umgehen muss.

Julia stürzt sich in die Arbeit, obwohl es ihr offensichtlich noch nicht gut geht. Läuft sie vor ihren Problemen weg?

Ja, absolut. So wie wir alle, glaube ich, gerne mal vor unseren Problemen davonrennen, indem wir arbeiten, indem wir oberflächlichen Alltag einkehren lassen, um uns mit gewissen Fragen nicht auseinandersetzen zu müssen. Dann kommt noch hinzu, dass sie viele Schmerzmittel nimmt. Julia versucht, die ganzen Ungereimtheiten, die sie im Kopf und im Herzen mit sich herumträgt, zu deckeln. Das macht sie in dieser Folge ziemlich extrem.

Julia Thiel ermittelt hier gleich in zwei Fällen. Sie wirkt bei ihren Befragungen sehr kühl. Warum ist sie so distanziert?

Tatsächlich hat das gar nicht unbedingt etwas mit ihrem Gegenüber zu tun, sondern damit, wie es in ihr drin aussieht, in welcher Situation sie gerade steckt. Wenn es einem nicht gut geht, fällt es einem nicht immer leicht, mit den Gefühlen anderer umzugehen. Julia ist selbst so voller Emotionen, dass sie sich zwar ins Berufliche stürzt, aber diese Empathie gar nicht mehr aufbringen kann. Unabhängig davon, ob sie ihrem Gegenüber glaubt oder nicht, kann sie keinen Bezug zu der Flut von Emotionen aufbauen, die in solchen Befragungen auf sie einstürzt.

Sophie wird langsam erwachsen. Stefan Thiel scheint das entspannter zu sehen als Julia. Kann sie nicht gut loslassen?

Das ist sicher so das Klassische, dass es Eltern und insbesondere Müttern schwerfällt, wenn die Kinder flügge werden. Über die verschiedenen Filme hinweg konnte man ja feststellen, dass das Verhältnis Sophie-Julia alles andere als rundläuft. Es ist schon auffällig, wie wenig Bezug sie zueinander haben, wie gefangen die beiden sind. Ich als Lisa finde das ganz schön traurig. Verkrustete Strukturen, die in einer Familie lange gewachsen sind, sind schwer wieder aufzubrechen. Das Verhältnis ist und bleibt schwierig, genau wie das Verhältnis zwischen Julia und ihrer Mutter. Gute Mutter-Tochter-Verhältnisse kriegen sie in der Familie nicht hin.

Als eine polnische Ärztin tot aufgefunden wird, entdeckt Julia in deren Wohnung ein Foto ihres Vaters. Es ist fast zehn Jahre her, dass die Mutter ihn erschossen hat. Weiß Julia von der Existenz dieser Geliebten?

Nein, von der weiß sie nichts. Das erwischt sie kalt. Ebenso wie es sie kalt erwischt, dass da ein Kind entstanden ist. Julia weiß tatsächlich nicht, wie es zu der Tat ihrer Mutter kam. Die genauen Hintergründe sind ihr nicht klar, und vielleicht fällt es ihr auch deshalb so schwer, die eigene Mutter zu verstehen, weil sie nie wirklich gesagt hat, was da gelaufen ist. Insofern ist das ein ziemlicher Hammer für Julia.

Julia Thiels Mutter gerät erneut unter Mordverdacht. Brunner lässt sie verhaften. Was glaubt Julia Thiel?

Ich glaube, wenn man erlebt hat, dass die Mutter den Vater umbringt, ist man in seinem Urvertrauen erschüttert. Die Mutter war zu einer schlimmen Tat fähig, und ich glaube schon, dass Julia große Panik hat, dass der Horror wieder über die Familie kommt. Man wünscht es sich irrsinnig, dass es nicht so ist, aber das Vertrauen ist dahin. Und dass es sogar ein Kind aus dieser Beziehung mit der Geliebten gibt, ist ja eine Hammerinformation. Im Grunde wäre es nicht unlogisch, wenn es so gelaufen wäre, dass die Mutter wieder ausgeflippt ist. Es spricht vieles dafür, und deshalb kommen bei Julia diese alten Gefühle wieder hoch. Sie hat ja schon einmal in den Abgrund geblickt.

Als Julia kurz drauf erfährt, dass ihr Ex-Geliebter versetzt wurde, entlädt sich ihr aufgestauter Frust in einem Sprung ins Meer. Eine ausdrucksstarke Szene. Wie war das für Sie?

(Lacht auf) Furchtbar! Nein, es ging eigentlich. Die Vorstellung, es zu tun, war schlimmer, als es dann wirklich zu machen. Obwohl gerade Hauptsaison war, haben wir Richtung Bodden einen guten Ort gefunden, der das Meer und eine gewisse Einsamkeit erzählt. Das Gute am Bodden ist, dass das Wasser dort ein paar Grad wärmer ist. So ließ sich das meistern. Wir suchen ja die Grenzerfahrungen als Schauspieler, insofern sind wir dann selber schuld, wenn wir sie auch geliefert kriegen. (lacht) Obwohl ich nicht glücklich darüber war, nackt ins Meer zu müssen, war ich froh, dass Julia die Möglichkeit bekommt, sich so auszudrücken. Das war mal nötig, damit nicht immer alles so bleischwer ist.

(Interview: Birgit Schmitz)

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