Gespräch mit Katrin Sass

Jäckie (Oskar Bökelmann;re) will sich an Claas Wanhoff rächen. Karin (Katrin Sass;li) versucht das zu verhindern.
Jäckie will sich an Claas Wanhoff rächen. Karin versucht das zu verhindern.

Karin Lossow mischt sich immer wieder in die Angelegenheiten ihrer Tochter und ihrer Enkelin – Was treibt die Figur in "Nebelwand" und "Trugspur" an?

Ich glaube, dass diese Karin Lossow eine Frau ist, die immer an ihre Grenzen gegangen ist und geht. Eine Frau, die etwas tun muss, die sich bewegen muss, die sich einmischen MUSS. Rückblickend wird erzählt, dass sie sogar im Gefängnis mehr anderen geholfen hat als sich selber. Und genau das hat sie letztlich psychisch über Wasser gehalten. Da sie natürlich auch ihrer Familie wieder näherkommen will, erwischt es eben immer die Tochter. Die ist auch als Kommissarin natürlich nicht gerade glücklich darüber, dass ihre Mutter immer irgendwo auftaucht – auf dieser kleinen Insel, wo jeder jeden kennt und die Mutter natürlich immer weiß, was passiert. So rutscht Karin Lossow automatisch in diese Geschichten rein. Sie hat auch ja keine richtige Arbeit mehr außer ihren Job im Wisent-Gehege. Also muss sie anders aktiv werden – auch weil ihr die Suche nach Wahrheit unter den Nägeln brennt.

Der Mikrokosmos auf der Insel scheint Karin Lossows Leben sehr schwer zu machen. Was hält sie dennoch auf Usedom?

Sie flieht eben nicht, was viele andere getan hätten. Man muss sich dem wohl stellen und in diesen einzigen Supermarkt gehen. Man muss diese blöde Kassenfrau irgendwann angucken und sagen: "Ja, die Haare hab‘ ich mir im Knast selber abgeschnitten." Ich glaube, das macht sie gerne. Sie provoziert auch gerne und sagt sich: Da muss ich durch. Und dann bin ich aber wieder da, wo ich hingehöre, wo meine Wurzeln sind, wie man so schön sagt. Von Wurzeln halte ich persönlich ja ein bisschen etwas anderes, aber die Frau nicht. Für Karin Lossow ist ihre Familie ganz wichtig, und sie weiß ganz genau, wenn sie weggehen würde, hätte sich das komplett erledigt. Die Tochter hatte doch eher damit gerechnet, dass die Mutter weit weg geht, damit sie in Ruhe ihre Arbeit machen kann und nicht immerzu von anderen Leuten noch angesprochen wird. Die sagen dann: "Sei du mal still, deine eigene Mutter hat doch, und, und, und." Es macht Karin Lossow aus, dass sie sich dem stellt, dass sie solchen Sachen wirklich ins Gesicht guckt und sagt: "Nein, ich fliehe nicht. Das wäre die einfache Variante." In den acht Jahren im Gefängnis musste sie mit Sachen umgehen, von denen sie vorher nicht mal geträumt hatte. Sie ist dort mit Leuten zusammengekommen, die sie vorher vor Gericht gebracht hat. Sie hat beide Seiten kennengelernt und sieht das Leben jetzt nochmal anders.

Enkelin Sophie ist zum ersten Mal verliebt. In welchem Moment schöpft Karin Lossow Verdacht, dass Sophies Freund Jäckie ganz bewusst den Kontakt zu ihrer Enkelin geknüpft hat?

Karin Lossow ahnt das eigentlich schon sehr früh. Nachdem sie Jäckie zum ersten Mal aus dem Haus kommen sieht, ist sie erstmal bloß genervt, dass Sophie ihr nichts von ihm erzählt hat. Dann zeigt ihr die Enkelin ein Foto von Jäckie und Karin Lossow entdeckt darauf die Narbe an seiner Stirn. Sofort muss sie an den kleinen Jungen denken, dessen Eltern vor Jahren bei der Havarie umgekommen sind. Dass Sophie noch dazu nichts Genaues über Jäckie zu wissen scheint, beunruhigt sie dann noch mehr.

Nachdem der kleine Tomasz verschwindet, bringt Karin Lossow es nicht übers Herz, ihrer Freundin die Wahrheit zu sagen. Wie empfinden Sie diese Situation?

Bei mir entwickelt sich das alles immer vor der Kamera. Da kann ich das empfinden und sagen: "Aha, beim Lesen habe ich mir das anders vorgestellt." Dieser Moment ist für Karin Lossow ganz, ganz furchtbar. Wenn man sich vorstellt, dass dieser Junge vielleicht tot ist … Es ist ja in der Szene noch überhaupt nicht klar, was mit dem Jungen passiert ist. Einer Mutter dann zu sagen, ihr Sohn konnte nicht mitkommen, der ist erkältet – das ist etwas ganz, ganz Grauenvolles. Aber es geht nur über diese Lüge. Karin Lossow sagt sich: "Ich bin schuld daran, ich werde ihn finden und ich werde diese Nachricht überbringen, dass es ihm natürlich gut geht", weil sie ganz stark daran glaubt. Aber zunächst will sie die Freundin nicht komplett verunsichern. Das hätte ich privat nicht geschafft. Die Lüge hätte ich gar nicht über die Lippen gekriegt.

Olgierd Kopeć spielt den polnischen Jungen Tomasz. Wie war das Zusammenspiel? Was ist das Besondere daran, ein Kind als Spielpartner zu haben?

Ich finde es immer faszinierend, woher Kinder was nehmen. Ich selbst stehe da und sage: "Ich weiß vom Kopf und vom Bauch, das spiel ich jetzt. Ich habe eine Technik entwickelt, ein Gefühl rüberzubringen, mit weniger oder mehr." Und ich frage mich, was macht so ein Kind da eigentlich? Das ist mir bis heute noch ein Rätsel. Ich finde es faszinierend, dass Kinder in dem Alter begreifen, welche Emotionen sie in dem Moment im echten Leben hätten. Ich begreife gar nicht, wie Kinder das schaffen können. Aber es funktioniert auch nicht sehr lange, habe ich gehört. Mit 14 oder so, wenn die Pubertät losgeht, schlägt das um und sie können es nicht mehr so gut. Dann fangen sie an zu überlegen, was sie da machen. Vorher sind sie wie kleine Welpen und machen noch das, was wir nach unserer Geburt alle konnten: den Intellekt weglassen und einfach aus dem Gefühl heraus agieren. Später kommt dann die Gesellschaft dazu, da kommen Ängste dazu, da kommen Gewohnheiten dazu. Und das hat so ein kleiner Kerl noch gar nicht – das ist irgendwie ganz schön.

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