Interview mit Frank Wehrheim (Fachberater des Films)

»Das haben wir aus bitteren Erfahrungen gelernt …«

Frank Wehrheim
Frank Wehrheim

Landläufig gelten Steuerthemen ja nicht gerade als sexy. Wird der Beruf des Steuerfahnders unterschätzt?

Steuern sind eigentlich ein stinklangweiliges Geschäft. Aber der Beruf des Steuerfahnders ist ein hochspannender Beruf, denn er gleicht dem eines investigativen Journalisten oder eines ermittelnden Kriminalbeamten. In der Steuerfahndung ist Kreativität gefragt. Da muss vielschichtig ermittelt werden, da muss man sich Wissen aneignen. Es gibt ja viele Branchen und verschiedene Arten der Steuerhinterziehung.

Haben Sie oder Ihre Behörde in Ihrer aktiven Dienstzeit schon mal eine Steuer-CD angeboten bekommen?

Wir hatten etwas Ähnliches. In den 90er Jahren ist die Commerzbank erpresst worden. Der Erpresser, ein ehemaliger Bankmitarbeiter, hatte damals keine CD, sondern einen Ordner mit Kontodaten. Nichts Anderes ist heute auf einer Steuer-CD. Die Bank hat schon damals gesagt: Wir sind erpresst worden, das ist gestohlenes Gut und darf nicht verwendet werden. Und schon damals haben die Gerichte, ähnlich wie jetzt das Verfassungsgericht bei den Steuer-CDs, entschieden: Das darf die Fahndung auswerten!

Die Fahnder im Film greifen sich einen Prominenten heraus, weil absehbar ist, dass sie jeden Einzelfall zeitlich gar nicht bearbeiten können. Ist die Personaldecke bei der Steuerfahndung wirklich so dünn?

Ja, die Personaldecke war immer dünn. Man muss sehen, Steuerfahndung ist Ländersache. Die sind unterschiedlich in den Ländern aufgestellt: dünner in Bayern, etwas stärker in NRW, mit ganz unterschiedlichen Strukturen. Nordrhein-Westfalen, das im Film als Beispiel dient, hat eigene Ämter für Fahndung und Strafsachen. Während die Fahndung in Hessen und Bayern nur ein Anhängsel an ein Finanzamt ist. Und weil die Personaldecke so dünn ist, ist immer schon nach der Taktik verfahren worden: Fälle nach außen stellen und damit auch Selbstanzeigen locken. Ein Instrument übrigens, das im deutschen Steuerrecht so ziemlich einzigartig ist.

Es wäre doch eine einfache Rechnung: Der Staat stellt mehr Steuerbeamte ein und erhält dafür im Gegenzug höhere Steuereinnahmen, weil weniger Steuern hinterzogen werden. Und die Steuergerechtigkeit nimmt auch zu. Ist das zu naiv gedacht?

Das ist deshalb zu naiv gedacht, weil wir ein föderatives System haben. Wenn beispielsweise im Geberland Hessen der Finanzminister Steuerfahnder einstellt, dann hat er Personalkosten. Die höheren Einnahmen, die dadurch generiert werden, darf er an die anderen Bundesländer im Wege des Finanzausgleichs abgeben. Da können Sie ahnen, warum wir ein Problem haben. Meine Meinung dazu ist, dass eine Bundessteuerfahndung einfach besser wäre.

Was war Ihnen bei der Filmberatung wichtig?

Ich habe in die Richtung beraten, dass man für den Film das Modell Nordrhein-Westfalen nimmt. Dort hat eine Amtsvorsteherin wie die Frau Kahane mehr Möglichkeiten als eine Fahnderin in einem anderen Bundesland. Sie hat mehr Machtpotenzial, weil sie eine Behördenleiterin ist. Aber es gab auch Detailfragen während des Drehs. Etwa, ob die Fahnder bei der Durchsuchung Handschuhe tragen.

Wie realistisch ist der Film?

Ein Film ist immer ein Film. Ich hatte vorher teilweise auch andere Bilder im Kopf. Die Frage, wie entsteht so eine CD, finde ich gut rübergebracht. Die Durchsuchungen sind sehr real geschildert. Über die Dienstzimmer war ich etwas erstaunt. Die haben wir so nicht gehabt. Da hat man sich aus ästhetischen Motiven eben eine gute Location gesucht. Etwas ungewöhnlich ist, dass die ganze Crew die Diensträume verlässt und die Ermittlungen von einem Privathaus aus führt. Das ist nicht der Alltag, sondern war der Dramaturgie geschuldet.

Kommt es vor, dass Steuerfahnder wie im Film persönlich Repressalien ausgesetzt sind?

Naja, lesen Sie mal das Kapitel über die hessische Steuerfahnder- Affäre in meinem Buch! Es gibt Behinderungen, die so weit gehen können, dass Ihnen der Fall weggenommen, einem Kollegen übergeben und dann nicht weiter bearbeitet wird. Solche Dinge sind passiert, so abwegig ist das nicht.

Gibt es diese sogenannte Beißhemmung der Steuerfahndung gegenüber Prominenten, "die sich um das Land verdient gemacht" haben?

Ich sehe eher – und das zeigen ja Fälle wie Hoeneß und Zumwinkel –, dass Prominente einen Malus befürchten müssen. Der Fahnder selbst prüft ohne Ansehen der Person.

Und dass der Chef nicht eingeweiht ist, gegen wen seine Leute ermitteln, kommt vor?

Das haben wir aus bitteren Erfahrungen gelernt: Wenn Sie einen Fall haben, der irgendwie die Politik tangiert, nehmen wir mal eine Parteispendenaffäre, und Sie geben die Infos zu früh nach oben – Staatsanwälte sind weisungsgebunden, Finanzbeamte auch – dann ist das Risiko groß, dass die Durchsuchungsmaßnahme im Vorfeld durchsickert. Dann nehmen es einige Fahnder auf die eigene Kappe und informieren erst, wenn die Durchsuchungsmaßnahme begonnen hat. So kann nichts mehr schiefgehen.

Zur Person: Frank Wehrheim

geboren 1949 in Bad Homburg, arbeitete von 1967 bis 2009 als Leitender Beamter in der hessischen Landesfinanzverwaltung, davon 28 Jahre in der Steuerfahndung, zuletzt als Sachgebietsleiter in Erfurt und Frankfurt/M. Seit April 2009 ist Wehrheim als selbstständiger Steuerberater in Bad Homburg tätig, bearbeitet Fahndungsfälle und Selbstanzeigen. 2011 erschien sein Buch "Inside Steuerfahndung: Ein Steuerfahnder verrät erstmals die Methoden und Geheimnisse der Behörde".