Interview mit Matthias Brandt

Matthias Brandt spielt Oberst Georg Klein
Matthias Brandt spielt Oberst Georg Klein

»Bürokratisch und beamtenhaft: Das hat mich auf die größte Probe gestellt.«

Wie haben Sie sich der Figur des Oberst Georg Klein genähert? Haben Sie die öffentlichen Auftritte des Mannes studiert?

Bei einer solchen Aufgabe bin ich erst einmal als Sammler unterwegs. Da es ein reales Vorbild gibt, kann ich auf eine ganze Reihe von Informationen zugreifen. Auf der anderen Seite halte ich wenig davon, jemanden zu kopieren. Das Drehbuch orientiert sich an möglichen Ereignissen im Umfeld von Klein und ist auch eine Interpretation der Verhältnisse.

Wie er wirklich ist, wissen Sie nicht?

Es wäre vermessen, wenn ich behaupten würde: So ist Klein. Das liegt mir völlig fern, ich gehe meine Arbeit als Schauspieler auf ganz andere Weise an. Im Fall Klein haben mich bestimmte Grundmuster stark interessiert: Die Vorstellung, wie verhält sich jemand unter dem Druck einer solchen Situation? Wie könnte es gewesen sein? Wie würde ich mich verhalten? Das ist mir wichtig.

Haben Sie gezögert, als Ihnen die Rolle anboten wurde – vielleicht, weil Ihnen diese militärische Zackigkeit fehlt?

Es ist doch in meinem Beruf dauernd so, dass ich Dinge mache, die in meinem privaten Leben keine Rolle spielen. Und ich habe den Verdacht, dass die moderne militärische Welt gar nicht mehr so zackig ist. Sie hat sich verändert, so wie jede andere Arbeitswelt. Sie wird aber oft so abgebildet, als lebten wir noch zu Kaiser Wilhelms Zeiten. Beim realen Klein handelt sich vielleicht nicht um einen Feingeist, aber er ist nach meiner Beobachtung kein Mann, den man mit altem Offiziersgehabe gleichsetzen kann. Dieser komische Slogan vom „Bürger in Uniform“ trifft mittlerweile zu, nur soll dieser Bürger jetzt Entscheidungen treffen, die im Grunde nur nach streng soldatischen – oder besser gesagt kriegerischen –, aber nicht nach bürgerlichen Kriterien auszuführen und zu verarbeiten sind.

Ist Klein eine typisch deutsche Soldatenfigur? Im Bunker Brahms hören, mit Beethoven ins Gefecht ziehen – das ist ein deutscher Topos.

Natürlich ist man versucht, eine gewisse Kontinuität festzustellen. In der Nazizeit haben die Offiziere ja stark darauf abgehoben, dass sie patriotischen und militärischen Werten verpflichtet sind und nicht ideologisch motiviert handelten. Sie haben dies wohl auch als Schutzschild vor dem Schmutz betrachtet, der von ihnen verlangt wurde. Wenn ich mir eine Rolle erarbeite, haben solche übergeordneten Dinge aber kein allzu großes Gewicht. Interessant ist eine Figur immer nur als Individuum – nicht als Typus .

Haben Sie sich auf Kleins Schwächen konzentriert? Er wirkt in vielen Szenen zögerlich, verloren, deplatziert.

Es ist doch der vollkommene Irrsinn, welche Entscheidungen ihm wie jedem anderen in einer solchen Situation abverlangt werden. Vieles deutet darauf hin, dass er sich sehr schwer tat mit der Entscheidung, die Tanklaster bombardieren zu lassen. Das finde ich sehr nachvollziehbar.

Warum erteilt er am Ende den Befehl zum Bombardement?

Er hat es mir ja nicht gesagt, insofern muss ich spekulieren. Der Druck kam von vielen Seiten. Es gab Verluste, das Gefühl der Bedrohung wurde immer stärker. Interessant fand ich, dass die deutschen Soldaten – so erzählte mir jemand, der dort war – innerhalb der Allianz offenbar als Schwächlinge galten, weil sie, simpel gesagt, am wenigsten durften, sprich: die stärksten Einschränkungen im Einsatz militärischer Mittel hatten. Psychologisch betrachtet ist das wohl für Soldaten eine ehrenrührige Situation, die dazu führen kann, dass man mal zeigen will, wo der Hammer hängt. Vermutlich spielte auch das eine Rolle.

Hat er nicht eiskalt den Tod vieler Unschuldiger in Kauf genommen?

Wie gesagt, das kann ich nicht wissen, weil ich nicht Klein bin, sondern in einer Simulation der Ereignisse seinen Part eingenommen habe. Es hätte aber natürlich auch diese Möglichkeit der Interpretation gegeben. Das hängt immer auch mit dem Schauspieler zusammen, der sich der Rolle annimmt. Ich habe diese Geschichte aber immer so verstanden, dass dem Vorgang nicht in erster Linie eine individuelle Tragik innewohnt. Einige Monate später hätte da ein anderer Kommandant gestanden und es wäre wahrscheinlich ähnlich abgelaufen, mit dem gleichen Ergebnis. An Klein hat mich das Bürokratische, das Funktionieren in Abläufen, mehr interessiert als das Ideologische. Ich glaube nicht, dass da Leidenschaft im Spiel war. Im Gegenteil, das lief verblüffend emotionslos ab. Das Ganze wird als Vorgang behandelt, in der Vorbereitung, in der Ausführung und in der Art, wie man die Angelegenheit zu den Akten legt. Auch Kleins Ausführungen vor dem Untersuchungsausschuss haben etwas sehr Beamtenhaftes. Dieses angesichts des Todes so vieler Menschen beinahe surreale Beamtendeutsch stellte mich auf die größte Probe. Offenbar ist das aber der Schlüssel, um so etwas zu bewältigen.

Wie lebt man weiter mit einer solchen Tat? Ist Klein mit sich im Reinen?

Klein hat ja nicht aus sadistischen Motiven gehandelt, sondern weil er subjektiv der Meinung war, das Richtige zu tun. Insofern kann man vielleicht von einer gewissen persönlichen Tragik sprechen. Innerhalb der Bundeswehr genießt Klein allerdings ein unverändert hohes Ansehen, teilweise wohl sogar eine Art Heldenstatus, er macht weiter Karriere. So gesehen hat es ihm nicht geschadet. Aber wie man damit lebt? Das frage ich mich auch.

Erforderte diese Rolle eine ungewöhnlich lange Vorbereitung?

Man liest in dieser Zeit mehr als sonst. Und weil mir das Militär fremd ist, habe ich viele Gespräche mit Leuten geführt, die sich in dieser Welt auskennen. Ich stelle bei den Vorbereitungen aber nicht die Stoppuhr an. Wenn man als interessierter Mensch mit offenen Augen durch die Welt geht, ist das auch ein Teil der Vorbereitung.

Wie spielt man Autorität?

Da gilt die alte Theaterregel: Den König spielen die anderen. Insofern lag die Aufgabe eher bei den Kollegen als bei mir. Das ist im Leben nicht anders, in jeder hierarchischen Konstellation merken Sie sehr schnell, wer das Sagen hat, nicht weil sich da einer als Chef aufspielt, sondern weil die anderen sich unterordnen.

Haben Sie gedient?

Es wäre natürlich für die Rolle von Vorteil gewesen, auf der anderen Seite wäre mir der Preis zu hoch gewesen. Und jetzt hätten sie mich nicht mehr genommen, wenn ich angeboten hätte, den Wehrdienst freiwillig nachzuholen.

Haben Sie verweigert?

Ja, das spielt aber in dem Zusammenhang keine Rolle. Das ist ja ein Bestandteil meines Berufs, dass ich mich in alle möglichen Welten hineindenken muss.

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