Fragen an Florian David Fitz

Der Schriftsteller Erich Kästner (Florian David Fitz) ist scharfsinnig und politisch, Lebemann und Frauenheld.
Szenenbild: Florian Davin Fitz als Erich Kästner | Bild: ARD Degeto/Dor Film/Anjeza Cikopano

Herr Fitz, macht es für Sie für einen Unterschied, eine rein fiktionale oder aber – wie in diesem Film – eine reale Figur zu spielen? Wenn ja, wie würden Sie diesen beschreiben?

Der Unterschied ist, dass man ganz viel Futter hat, in das man sich hineinlesen kann. Was natürlich hinter dem übermächtigen Bild Kästners als "Märchenonkel der Nation" und dem riesigen Wust an Material zurückweicht, ist der private Mensch, vor allem in jungen Jahren. Und der war natürlich brüchiger und vielschichtiger. Und dann muss man entscheiden, wie genau man Kästner in Bild und Stimme nachbilden will. Nun sehe ich Kästner überhaupt nicht ähnlich und bin auch nicht aus Sachsen, es geht also weniger um die dicken Augenbrauen, sondern eher darum, einen Zipfel von seiner Essenz zu erwischen. Und wissen Sie, was erstaunlich ist? Einige der Menschen, die über Kästners Erbe wachen und verständlicherweise einen sorgenvollen Blick auf die Umsetzung dieser Rolle hatten, haben am Ende genau das wahrgenommen. Sie haben 'ihren' Kästner gesehen und waren fast überrascht. Das hat mich natürlich gefreut, da war ja ein gewisser Druck drauf.

Bevor Sie diesen Film gedreht haben, wie war Ihr persönlicher Bezug zu Erich Kästner?

Kästner lebte ja seine letzten Jahre in München, wo ich aufgewachsen bin. Er hat die Jugendbibliothek in der Blutenburg ins Leben gerufen und ich war dankbarer Abnehmer, das war gleich bei uns um die Ecke. Außerdem fand ich, dass er mich als Kind ganz selbstverständlich ernst nahm. Ich konnte ja für mich selbst denken und das ist ja im Kern das, was Kästner Kindern zuspricht. Meine Mutter war mit einem Ziehsohn von ihm befreundet, und ich habe sie natürlich in der Vorbereitung ausgequetscht. Da kam dann ein anderes Bild dazu, das war kein bürgerliches Leben, das war schon etwas wilder.

"Kästner und der kleine Dienstag" erzählt eine wahre, bislang unbekannte, Geschichte aus Kästners Leben. Inwieweit hat das Ihr Bild vom Schriftsteller verändert?

Sein Verhältnis zu Kindern war ja zwiespältig. Dadurch, dass er sie ernst nahm, waren sie quasi die besseren Erwachsenen für ihn. Er wusste auch, dass sie seine besten Kritiker waren und nahm das dankbar an, indem er Hans Löhr und seine Schwester seine Manuskripte gegenlesen lies. Aber so persönlich, in Fleisch und Blut, wusste er vielleicht gar nicht so viel mit ihnen anzufangen. Kästner war in den Zwanzigern ein Star und das hat er auch ausgelebt. Er hat sich auch gar nicht als Kinderbuchautor gesehen. Dass sich der "kleine Dienstag" so in sein Herz schlich, hat ihn – so erzählen wir es zumindest – fast überrascht. Die Zeiten änderten sich rapide und plötzlich war es gefährlich, mit Kästner befreundet zu sein. Plötzlich übernahm er Verantwortung für diesen Jungen. Ob es in Wirklichkeit auch so war, weiß ich natürlich nicht.

Gibt es Charakterzüge an Ihrer Filmfigur Kästner, bei denen Sie Parallelen zu sich selbst feststellen?

Das trennt sich gar nicht so sauber. Ich merke mit zunehmendem Alter, dass man viel mehr Charakterzüge bei sich feststellen kann, als man denkt. Man kann sich durch dieses ständige berufliche Hineindippen in fremde Leben mehr und mehr vorstellen. Man weiß, dass wir gar nicht so fertig sind, wie wir uns das vorstellen. Und dann begebe ich mich mit meinen Erfahrungen und Eigenschaften in die Schuhe von jemand anderem und gucke, was passiert. Die Mischung ist ja spannend. Was wäre wenn? Ältestes Spiel der Welt.

Wie haben Sie das Zusammenspiel mit Nico Ramon Kleemann empfunden?

Ach, das war ein großer Spaß. Nico hat fast beängstigend viel auf dem Kasten. Ich habe mich dabei ertappt, dass ich ihn anpackte wie einen Großen. Selber schuld, wenn er so gut ist.

In einer Szene sagt Erich Kästner "gute Geschichten liegen auf der Straße" – Sie selbst schreiben auch Drehbücher, woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Geschichten?

Es gibt einen großen Ordner, da kommt alles herein, was mir auffällt, Figuren, kuriose Begebenheiten, seltsame Berufe, Träume, Zeitungsgeschichten. Ich glaube, das ist mit 'auf der Straße' gemeint. Nichts darf beurteilt werden, das kommt später.

Im Film fällt das Zitat aus "Das fliegende Klassenzimme": "An allem Unfug, der geschieht, sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch diejenigen, die ihn nicht verhindern!" – dennoch ist Erich Kästner weder aufgestanden als seine Bücher verbrannt wurden, noch war er aktiv im Widerstand. Ist er an seinem eigenen Anspruch gescheitert?

Ich glaube, Kästner hat genau gewusst, dass der eigene Satz auf ihn zutrifft. Genau das begreift doch jeder gute Schriftsteller, oder? Dass es diese absoluten Menschen eigentlich nur in der Phantasie gibt, die immer aufstehen, die für ihre Ideale ins Grab gehen. Die Realität ist dann doch sehr viel bescheidener. Der Mensch möchte gerne leben und wird alles tun, um sich dabei noch selbst in die Augen blicken zu können. Entweder im Kleinen subversiv zu kämpfen, oder die Moral ein wenig zurechtzustutzen, bis sie wieder zu den Realitäten passt. Das machen wir alle ständig. Ich glaube nicht, dass Kästner sich irgendetwas vorzuwerfen hatte. Was hätte er im Ausland gemacht? Auch Thomas Mann und die anderen waren da nicht glücklich. Sie waren ja in der deutschen Sprache zuhause und die war von den Nazis besetzt worden. Das war genauso schlimm wie die physische Besetzung. Wenn man den Film sieht, fragt man sich automatisch: Wie hätte ich das gemacht? Und das ist das Wichtigste: sich an der eigenen Nase fassen. Wenn wir nicht alle die Hand in fremden Gesichtern hätten, wäre die Welt schon ein dickes Stückchen besser.

Gibt es eine Szene, an die Sie sich heute noch ganz besonders gerne erinnern?

Erstmal muss man wissen, dass es in Wien zur Drehzeit 40 Grad hatte und wir mit dicken alten Wintermänteln und Wollanzügen herumliefen. Sobald also die Kamera näher kam, fielen Stück für Stück die Kleidungsstücke. Erst die Schuhe, dann die Hose. Unten hatten wir dann kalte Wadenwickel, sonst hätten wir ja die Perücken runtergeschwitzt.

Es gab auch noch eine Begebenheit, die mich vielleicht nicht erfreut, aber erschüttert hat: Wir drehten die sogenannte 'Reichskristallnacht' 1938. Es liefen also überall die Braunhemden herum und warfen Fensterscheiben ein. Plötzlich war da eine Frau, weit über 80 und die war komplett verwirrt und bestürzt. Sie dachte, das alles sei real, als wäre sie durch ein Wurmloch gefallen und plötzlich wieder in diese Zeit zurückkatapultiert worden. Da wurde mir klar: Das ist ja gar keine Fiktion, das ist kein Kinderfasching, das war ja mal real. Gar nicht so lange her. Ist klar, wir wissen das alle, aber wissen und am eigenen Leib erfahren – zwei unterschiedliche Dinge.

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