SENDETERMIN So, 10.01.16 | 21:45 Uhr | Das Erste

Der gute Göring

Hermann Göring (Francis Fulton-Smith), Olga Rigele (Anna von Berg), Komparse, Paula Hüber (Lena Münchow), Albert Göring (Barnaby Metschurat)
Zwei Brüder. Den einen kennt jeder – er war Reichsmarschall und die Nummer zwei nach Adolf Hitler: Hermann Göring. Der andere ist vergessen – zu Unrecht, denn er hat im Dritten Reich zahlreiche Menschenleben gerettet: Albert Göring.

Im filmischen Teil des Dokumentarspiels begegnen sich Hermann und Albert Göring in fünf Szenen, die historisch belegt sind. Bei einem dieser Treffen, das im Jahr 1935 spielt, bittet Hermann seinen um zwei Jahre jüngeren Bruder um Hilfe für die Schauspielerin Henny Porten, deren Mann Jude ist. Bei einer Begegnung im Dezember 1944 muss Hermann Göring seinen kleinen Bruder vor der Gestapo schützen, die ihn lange schon bespitzelt und mit dem Tode bedroht. Am 13. Mai 1945 sehen sich Hermann und Albert Göring zum letzten Mal in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Die Spielszenen ergänzen Interviews mit Albert Görings Tochter, seiner Stieftochter und den Kindern von Geretteten. Dazu kommt ein Interview mit Irena Steinfeldt, der Leiterin der Abteilung der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Albert Göring ist heute vergessen, weil sein Name Göring ist. Sein Name war in der Nachkriegszeit vergiftet. Mit Gelegenheitsübersetzungen musste sich Albert Göring durchschlagen; er starb verarmt 1966. Die Menschen, die er gerettet hatte, unternahmen schon in den 60er Jahren Versuche, ihn ins richtige Licht zu rücken. In Yad Vashem liegt seit etlichen Jahren ein Antrag vor, Albert Göring in die Reihe der "Gerechten unter den Völkern" aufzunehmen.

Mit dieser Auszeichnung ehrt der Staat Israel Nicht-Juden, die in der Hitlerzeit Juden vor Verfolgung, Deportation und Ermordung retteten. Über den Antrag für Albert Göring ist bis heute noch immer nicht entschieden.

Kommentar von Sandra Maischberger, Produzentin Vincent TV

»Wieso haben wir ihn nicht gekannt?«

»Albert Göring starb 1966 in München, verarmt, vergessen und vermutlich mit einiger Verbitterung. Zahllosen Menschen hatte er das Leben gerettet, sein eigenes riskiert. Und doch blieb ihm jegliche Anerkennung dafür versagt, in den dunklen Jahren der Nazidiktatur seinen Prinzipien und denen der Menschlichkeit treu geblieben zu sein. Wieso haben wir ihn nicht gekannt? In den 1960er-Jahren wollte sich in Deutschland niemand für ihn interessieren. Und so fand seine Geschichte über erstaunliche Umwege zu uns, mit einer schier unglaublichen Verspätung.

Eine britische Dokumentation zur Jahrtausendwende, das Buch eines australischen Forschers im Jahr 2012, schließlich ein langer Artikel im 'Spiegel', den ich im Frühjahr 2013 las. Darin schrieb Gerhard Spörl unter dem Titel 'Görings Liste': 'So ließe sich der ganze Wahnsinn dieser Zeit am Beispiel dieses Brüderpaars erzählen. Darin steckt wunderbares Material für eine Doppelbiografie und natürlich auch für einen Film.' Diese Zeilen waren der Anfang unseres Filmprojekts. Es kommt spät – 50 Jahre nach Albert Görings Tod, 70 Jahre nach Ende der Nazidiktatur. Und doch gerade zur rechten Zeit, da wir mit einer neuen, jungen Generation über Nationalismus und Menschlichkeit wieder streiten wie lange schon nicht mehr.«

Statement des Produzenten Matthias Martens (Vincent TV)

»Wir haben schnell gesehen, dass die Geschichte der zwei ungleichen Brüder viel hergibt.«

»Im Unterschied zu unserem Porträt über Otto Weidt muss der Film über die Görings ohne Zeitzeugen auskommen, die die Ereignisse aus erster Hand schildern könnten: Sie leben allesamt nicht mehr. Zu Wort kommen daher Angehörige der Menschen, die Albert Göring gerettet hat, sowie seine Tochter und Stieftochter.

Während naturgemäß viel Archivmaterial über Hermann Göring existiert, gibt es praktisch keine bewegten Bilder mit dem jüngeren Bruder. Verbürgte Ereignisse sind daher nachgestellt worden – der Spielanteil liegt bei rund 70 Minuten.

Für das Drehbuch waren zwei Autoren zuständig: Gerhard Spörl deckte den historischen Teil ab, Jörg Brückner war für die Spielszenen zuständig. Regie führte wie schon bei 'Ein blinder Held – die Liebe des Otto Weidt' Kai Christiansen. Er bringt einen journalistischen Blick mit, den man in diesem speziellen Genre auch braucht. Bei derart komplexen Geschichten genügt es nicht, wenn ein Regisseur inszenatorische Fähigkeiten hat, weil auch der historische Hintergrund sehr wichtig ist. Darüber hinaus bin ich sehr froh, dass es gelungen ist, einen derartig hochkarätigen Cast zu gewinnen und ihn mit unserer Begeisterung für den Stoff anzustecken.«