Blick in die Werkstatt zur Realisierung von "Brüder"

Bilder vom Dreh einer Szene mit Edin Hasanovic.
Bilder vom Dreh einer Szene mit Edin Hasanovic.

Die Vorbereitung eines Zweiteilers dauert natürlich, aber die politische Lage wartet ja nicht, bis ein Film fertiggestellt ist. Wie sind Sie damit umgegangen?

Jan Berning, Redakteur: Ich habe es auch als Herausforderung, vor allem aber als Chance wahrgenommen, dass nicht nur ein Film zur politischen Lage produziert wird, sondern zwei Filme, die einen längeren politischen Prozess abbilden und verdichten. Zu Projektbeginn hatte der sogenannte "Islamische Staat" gerade sein "Kalifat" ausgerufen. Die Terrormiliz war auf der Höhe ihrer Macht, viele junge Menschen aus der ganzen Welt schlossen sich den Jihadisten an. Der erste Teil von "Brüder" trägt dieser frühen Entwicklung Rechnung. Der zweite Teil hingegen spiegelt eher die aktuelle Entwicklung wider, die wir seit letztem Jahr beobachten: Der IS wird in Syrien und im Irak zurückgedrängt. Europäische Kämpfer kehren teils desillusioniert zurück. Vor allem an der Geschichte des zweiten Teils haben Kristin Derfler und Züli Aladağ bis wenige Wochen vor Dreh gearbeitet und sie immer wieder an die damals gegenwärtigen Ereignisse angepasst. Entsprechend trägt der Zweiteiler auf der gesellschaftlichen Ebene der über mehrere Monate andauernden politischen Entwicklung Rechnung und erzählt zugleich parallel dazu auch die innere, psychische Entwicklung seines Protagonisten.

"Brüder" spielt sowohl in Stuttgart als auch in Syrien. Die Stuttgarter Szenen entstanden vor Ort. Wie und wo wurden die syrischen Szenen gedreht? Und wie würden Sie die Unterschiede im Arbeiten beschreiben?

Franziska Specht, ausführende Produzentin: Wir mussten landschaftliche Gegebenheiten finden, die Syrien sehr ähneln. Wir erzählen ja unter anderem das Flüchtlingslager im Grenzgebiet Türkei – Syrien und ein Kampfgebiet in Syrien, außerdem spielen viele Szenen in dem IS-Lager. Grundsätzliche Fragen standen da im Raum: Wo siedeln sich solche IS-Camps an, sind sie eher alleinstehend oder gebunden an eine dörfliche oder städtische Struktur und sucht der IS sich Statussymbole. Eine ideale Situation für den Dreh haben wir in Marokko in und um Marrakesch gefunden. Damit einhergehend gab es dann weitere motivische Herausforderungen. Beispielsweise sind die Farben von Häusern in Marokko tendenziell rot-braun, aber in Syrien eher gedeckt grau. Oder die Frage, wie deutlich im Juni/Juli während unseres Dreh das Atlas-Gebirge zu sehen sein würde.

Im zweiten Teil geht es über weite Strecken um den IS. Wie haben Sie sichergestellt, dass die IS-Szenen glaubhaft und realitätsnah sind? Und wie wurden die Schauspieler vorbereitet?

Franziska Specht: Für "Brüder" wurden im Vorhinein ausführliche Recherchedossiers erstellt. Diese umfassen eingehende Hintergründe zum Syrienkrieg, zum Salafismus in Deutschland, zum Islamischen Staat und allgemeine Informationen zum Islam. Biografien von Konvertiten wie Christian Emde oder Hassprediger wie Ibrahim Abou Nagie sind ebenso darin abgebildet wie Bildmaterialien und Links zu allen detaillierten Themen wie Kleidung, Waffen, Fahrzeuge des IS und vielem mehr.

Für die konkrete Vorbereitung der Schauspieler wurden zu den Übersetzungen mit Lautschriften vorab Tonaufnahmen hergestellt. Darauf konnten die Schauspieler bei Bedarf zurückgreifen. Ganz wichtig waren in der Vorbereitung auch die von uns so genannten "Bootcamps", bei denen alle Schauspieler, die mit einem IS- und/oder salafistischen Hintergrund spielen, teilnahmen. Inhalt dieser Bootcamps war die konkrete Einübung von Gebeten, Aussprache, Gesten, Ausdrucksweisen und Riten. Bestandteil war beispielsweise auch das gemeinsames Sichten und Auswerten von Videos des IS oder der berüchtigten Salafisten in Deutschland. Am Drehort hatten wir meist mindestens einen Fachberater, die z. B. die Schauspieler in der korrekten Aussprache, Gestik und Haltung betreuten. Die Kampfszenen wurden vor Ort den Gegebenheiten angepasst und die Taktiken dafür wurden ausgiebig geprobt, damit es so authentisch wie möglich aussieht. Die Fachberater überprüften auch die Requisiten und Schriftzüge auf Glaubwürdigkeit. Da schleicht sich schnell der Fehlerteufel ein, nicht zuletzt bei Schriftzügen.

Eine der Kernszenen des zweiten Teils ist der bewaffnete Kampf, in den die IS-Kämpfer verwickelt werden. In deutschen Fernsehfilmen kommen ja eher Krimi-Schießereien als Kriegsfilmszenen vor. Welcher Aufwand war für die sogenannte Battlefieldszene notwendig?

Jürgen Weissenrieder, Produktionsleiter: Erst mal war es wichtig ein geeignetes Motiv zu finden. Offenes Gelände mit Häusern in denen sich das Militär verschanzen und die anfahrenden IS-Kämpfer unter Beschuss nehmen konnte. Waffen und Munition waren ein großes Problem, denn in Marokko gibt es ein absolutes Waffenverbot. Nur die Staatsgewalt darf Waffen besitzen – es gelten harte Strafen bei Verstößen. Spiel- bzw. Filmwaffen zählen ebenfalls zu diesem Verbot, d. h. es gibt keine Waffenmeister, die Spielfilme ausstatten könnten. Nur eine Firma in Frankreich hat die königliche Prokura erhalten, nationale wie auch internationale Filme, die in Marokko gedreht werden, zu beliefern. Diese Firma war auch für uns aktiv. Alle Bedürfnisse mussten vorab genaustens angemeldet werden. Während des Drehs 100 Schuss mehr Munition zu bekommen, ging nicht. Das bedeutet ein genaues Storyboard und genaues Wissen, was man mit VFX-Shots verstärken möchte. Unser VFX-Supervisor hat mit einem eigenen Kamerateam viele Aktionen vor blue screen nachgestellt. SFX war natürlich auch notwendig, um das Spiel der Schauspieler zu intensivieren. Und die Sounddesigner waren weit über dem Standard gefordert.

Normalerweise sind die Cutterinnen beim SWR einzeln für den Schnitt von Fernsehfilmen oder Dokus verantwortlich. Den Zweiteiler "Brüder" haben Sie zu zweit geschnitten. Wie lief das ab?

Saskia Metten und Sabine Garscha: Als die Redaktion mit der Idee zu uns kam, mussten wir kurz überlegen, ob das für uns wirklich in Frage kommt. Aber nachdem wir eine Nacht darüber geschlafen hatten und feststellten, was für ein wichtiger Film "Brüder" in der heutigen Zeit ist, war es eine der besten Ideen überhaupt. Denn angesichts des engen Zeitrahmens (Drehbeginn Anfang Mai 2017) konnten wir uns auf diese Art komplett auf unsere Arbeit konzentrieren. Ursprünglich hatten wir ausgemacht, dass jede die volle Verantwortung für einen Teil der "Brüder" übernimmt. Bis wir im Laufe des Schnitts merkten, dass es viel effizienter ist, wenn wir uns auch gegenseitig zuarbeiten, da ja nie chronologisch gedreht wird. Dadurch kam einmal mehr Material für Teil 2 und einmal mehr für Teil 1 im Schneideraum an. Wir teilten uns also die Bilder auf, zeigten sie uns gegenseitig in einem sehr frühen Stadium und tauschten uns aus. Das ist eine sehr interessante Erfahrung gewesen. Denn normalerweise ist eine Cutterin in diesem Prozess ganz auf sich alleine gestellt. Erst zum Feinschnitt haben wir uns dann wieder aufgeteilt. Das war sehr lustig, denn Züli Aladağ musste in den drei Wochen Feinschnitt (diese Zeit hat man normalerweise für einen 90 minütigen Spielfilm, hier waren es zwei Filme!) jeden Tag zwischen unseren Schneideräumen hinund herswitchen.

Unser Fazit: Das sicherlich Wichtigste war, dass wir uns voll vertrauen konnten und alle Entscheidungen immer zusammen getroffen haben. Es war sehr inspirierend, sich in so frühem Stadium über einen Film auszutauschen. Und sowohl fachlich wie menschlich bereichernd, gemeinsam an einem Film zu arbeiten. Wir würden in dieser Konstellation jederzeit wieder einen Zweiteiler schneiden. Und da wir gerade bei den wichtigen Dingen sind, nicht zu vergessen ist, dass wir in Lukas Smiatek einen sehr guten Assistenten hatten, der sich komplett auf unsere Arbeitsweise einlassen konnte. Sicherlich nicht immer so einfach, bei gleich zwei energischen Frauen. In gewisser Weise sind wir zu dem geworden, was der Name unserer Whatsapp-Gruppe bezeichnet: "Geschwister«".

3 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.