Gespräch mit Autorin Kristin Derfler

Jan (Edin Hasanovic) beim Gebet im IS-Lager.
Szene aus dem Film: Jan (Edin Hasanovic) beim Gebet im IS-Lager.

Frau Derfler, der Impuls zu den beiden Filmen "Brüder" kam von Ihnen. Was bewegte Sie, sich mit dem Weg eines jungen Mannes in den Salafismus und dann sogar in den Dschihad-Salafismus zu beschäftigen?

Im Sommer 2014 sah ich pausenlos Bilder aus dem kriegszerstörten Aleppo. Die Menschen flohen in Massen aus Syrien, zerrieben zwischen Rebellen, IS und Assads Fassbomben. Gleichzeitig zogen junge Männer, Deutsche, in den Krieg nach Syrien, um dort zu kämpfen. Diese Gegenläufigkeit hat mich nicht mehr losgelassen und sehr schnell war mir klar, das ich im Kern eine Geschichte von zwei Freunden erzählen möchte, einem syrischen Medizinstudenten und einem sogenannten "biodeutschen Konvertiten", die sich im Laufe der Handlung in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Jan Welke entspricht nicht dem typischen Klischee des "Ghettokids", das man normalerweise mit deutschen IS Kämpfern assoziiert, ich nenne nur den Fall "Deso Dog". Das wäre mir zu einfach gewesen und die Beschäftigung mit der komplexen Thematik hat dann auch gezeigt, dass es wesentlich komplizierter ist. Es gibt auch Unterschiede zwischen den jungen deutschen Männern mit Migrationshintergrund, die schon immer Muslime waren, bevor sie sich radikalisierten, und den sogenannten "biodeutschen Konvertiten", die über das salafistische Milieu erst zur Religion finden. Nehmen wir nur mal die Figur des Salafistenpredigers Abadin Hasanovic im Film – ein Deutscher, Muslim mit bosnischen Wurzeln, der als Kind das Massaker von Srebrenica miterlebt hat. Viele aus Bosnien stammende Salafisten sehen sich in der Pflicht, die Geschwister in Syrien beim Dschihad zu unterstützen, denn umgekehrt haben Muslime aus dem Ausland – Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten – vor rund 20 Jahren mit ihnen in Ex-Jugoslawien gekämpft. Bei Abadin sind also die traumatischen Kriegsverbrechen ein Faktor, der in seinem späteren Radikalisierungsprozess von Bedeutung ist. Bei anderen Muslimen ist es beispielsweise die Suche nach Emanzipation und einer eigenen Identität, die als Gegenidentität zur Mehrheitsgesellschaft und zur eigenen Elterngeneration konstruiert wird. Und bei den biodeutschen Konvertiten fehlt meist jegliche Grunderfahrung mit Religion, sie spielt ja in vielen Familien heute kaum noch eine Rolle, zumindest nicht im Alltag. Man geht in die Kirche zu Weihnachten und manchmal noch zu Ostern, das war´s. Philosophische Fragen zum Sinn des Lebens werden kaum noch besprochen und ein junger intelligenter Mann wie Jan Welke, der tief in seinem Herzen an eine bessere und gerechtere Welt glaubt, ist für Abadins Argumentation, die sich gegen den kapitalistischen Westen richtet, der solche Kriege erst möglich macht, durchaus empfänglich.

Jan (Edin Hasanovic) ist zum ersten Mal in der Moschee und lauscht, gemeinsam mit Gläubigen wie Burhan (Georg Paluza) auf die einpeitschenden Worte des Emirs.
Szenenbild: Jan (Edin Hasanovic) ist zum ersten Mal in der Moschee.

Den Drehbüchern zu "Brüder" liegt eine ausführliche Recherche zugrunde. Wie und mit wem sind Sie da herangegangen? Wo lag der Schwerpunkt der Recherche? Wo die Schwierigkeiten? Was waren Ihre prägnantesten Erkenntnisse dabei?

In der Tat stand ich anfangs vor einem riesigen Berg Fachwissen, das ich mir erst erschließen musste. Das Lesen des Koran und der Hadithe waren da noch das gerigste, aber man muss es getan haben, um die Vielfältigkeit dieser Schriften zu verstehen. Es gibt friedfertige Passagen und brutale, zum Massenmord aufrufende Verse. Diese muss man aber immer im Kontext mit der damaligen Zeit und der Situation ihrer Offenbarung lesen, in der Bibel steht ja auch manch Gewaltverherrlichendes. Wichtig ist letztlich die Frage, wie diese Texte interpretiert werden und wer als qualifiziert gilt, sie zu interpretieren. Ich bin es sicher nicht, ebenso wenig wie ein religiös ungebildeter ISSympathisant, der womöglich noch nicht einmal Arabisch spricht, oder ein Islamkritiker, der mit Hinweis auf den sogenannten Schwertvers – der mit den Worten beginnt: "Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet" – den Charakter des Islams definiert.

Im Islam gibt es eine lange Tradition, in der Gelehrte Koranverse im Zusammenhang mit ihrem Offenbarungskontext studieren und dementsprechend auf eine bestimmte Situation, Region oder Gruppe, z.B. die Frauen des Propheten, einordnen. Auch die Hadithwissenschaften sind ein fester Bestandteil der islamischen Gelehrtentradition, ebenso wie die islamischen Rechtswissenschaften und die Frage, wie aus den Haupt- und Sekundärquellen der Scharia islamische Rechtnormen abgeleitet werden können. Letztlich gibt es nicht "den Islam", sondern nur eine Vielzahl unterschiedlichster Islamverständnisse.

Insgesamt haben sich im Laufe meiner Recherchen drei Themenschwerpunkte herausgebildet: Erstens die salafistische Szene in Deutschland und die Radikalisierungsprozesse deutscher Jihadisten. Zweitens der Bürgerkrieg in Syrien und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Und drittens die Arbeit und Struktur des Verfassungsschutzes. Letzteres war wichtig, weil der syrische Medizinstudent Tariq vom Verfassungsschutz angeworben und nach Jans Rückkehr in Teil 2 auf ihn angesetzt wird. Bei den ersten beiden Punkten habe ich mich zunächst durch die umfangreiche Fachliteratur gelesen und bin dabei auf die Nahost- und Islamwissenschaftlerin Dr. Nina Wiedl gestoßen, die im Rahmen ihrer Dissertation salafistische da‘wa in Deutschland erforscht hat. Wir haben uns in Hamburg getroffen, sie hat mir Moscheen gezeigt, die auch von Salafis besucht werden, und wir haben ein Gespräch mit einem Imam über die "Architektur In Moscheen" geführt, um in Kontakt zu kommen, das war sehr aufschlussreich. Von dem Tag an hat mich Nina auf hervorragende Weise bei meiner Arbeit unterstützt, bis zuletzt hat sie mich mit aktuellen Informationen versorgt. Unsere Recherchen haben wir in einem über 100 Seiten umfassenden Recherchedossier geordnet, das später auch dem Regisseur und dem gesamten Team zur Verfügung stand.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Von den gut 4 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen gehören laut Verfassungsschutz nur etwas mehr als 10.000 Personen, also 0.25%, den von Sicherheitsbehörden beobachteten politischen und jihadistischen Trends der Salafibewegung an. Daneben gibt es noch den quietistischen Trend der Bewegung, der nicht vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Mehrheit der Salafisten lehnt die Anwendung politischer Gewalt unter den gegebenen Umständen ab, etwa 10–17% – die Zahlen sind nicht gesichert und variieren je nach Bundesland – gelten als Jihad-Salafisten, und diese sind wiederum gespalten in jene, die Terroranschläge in Europa befürworten, und jene, die den Kampf in Konfliktzonen unterstützen, aber Anschläge gegen Ziele in Europa derzeit größtenteils ablehnen. Von der etwa 24.000 Personen umfassenden islamistischen Szene in Deutschland, die neben Salafisten z.B. auch Anhänger der Hamas oder Hisbollah umfasst, werden rund 1.800 Personen dem "islamistisch-terroristischen" Spektrum zugerechnet, etwa 700 von ihnen gelten als Gefährder. 2016 hielt sich ein Drittel dieser Gefährder in Deutschland auf und war auf freiem Fuß.

An dieser Stelle muss aber auch gesagt werden, dass nicht alle Muslime, die den Kampf gegen Assad-Truppen oder schiitische Milizen in Syrien unterstützen, streng genommen Jihadisten sind, im Sinne von Anhängern einer Ideologie, den den militanten Jihad als Glaubenspflicht definiert und die Ansicht vertritt, beinahe alle Regenten muslimischer Staaten seien heute Abtrünnige, die es zu bekämpfen gilt. Am Bürgerkrieg in Syrien und im Irak sind auch gemäßigtere sunnitische Rebellen beteiligt, denen es nur darum geht, ihr Land und ihre eigene Bevölkerung zu verteidigen.

Das Allerschwierigste in der knapp drei Jahre währenden Stoffentwicklung war, einen aktuellen Film zu schreiben unter Berücksichtigung des politischen Tagesgeschehens, denn die Lage in Syrien und im Irak veränderte sich ständig. Meine prägendsten Erkenntnisse waren geheime Fotos aus den syrischen Militärgefängnissen: Gefolterte, zu Skeletten abgemagerte Leichen, mit ausgestochenen Augen und Brandwunden am ganzen Körper, sogar Kinder waren darunter. Für all das ist Bashar Assad verantwortlich, gerade vor ihm flüchten die Menschen in Scharen aus Syrien, aber die Leute reden immer nur über den IS und das ist leider eine fatale Vereinfachung der Gesamtsituation. Fakt ist, in Syrien werden Menschen ohne Grund von Assads Milizen verhaftet, gefoltert, vergewaltigt und umgebracht. Genau das hat meine Samia erlebt, sie war in einem solchen Militärgefängnis, gemeinsam mit ihrem Verlobten Rami, der dort ermordet wurde. Die weibliche Perspektive war mir wichtig – und auch Samias Entwicklung vom traumatisierten Vergewaltigungsopfer zur selbstbewussten Jurastudentin. Viele junge Frauen haben Schreckliches durchgemacht und oft sind es gerade solche Frauen, wie beispielsweise die junge Syrerin Noura Aljizawi, die ihre Stimme erheben und an das Gewissen der Welt appellieren.

Wie paradigmatisch ist denn, Ihrer Absicht und Einschätzung nach, Jans Geschichte? Jede Geschichte ist eine individuelle, aber es gibt sicherlich Merkmale, die übertragbar sind?

Richtig, jede Radikalisierung ist individuell und kommt in jeder Gesellschaftsschicht vor. Ich habe mich hierzu mit einer weiteren Berliner Islamexpertin Claudia Danschke ausgetauscht, die deutschlandweit Angehörige von sich radikalisierenden Jugendlichen berät. Es gibt Jugendliche, die sich als Verlierer fühlen und keinerlei Perspektive für sich sehen und solche, die aus einem soliden Elternhaus stammen und trotzdem bei den Salafisten landen. Natürlich gibt es bestimmte Grundkonstellationen, die jegliche Art von Radikalisierung befördern. Bei den jungen Männern sind es oft die fehlende Vaterfigur und gewisse Lebensläufe ähneln sich: Labil, frustriert, unreif, Probleme in der Familie, Drogen und Alkoholkonsum, Wut und Abscheu gegenüber einer individualistisch geprägten Welt. Jemand wie Jan Welke hätte auch bei den Linksautonomen oder dem NSU landen können. Das ist wichtig zu begreifen, es geht immer um Abgrenzung, Aufmerksamkeit, Gruppengefühl, vermeintlich starke Männlichkeitsbilder. Nicht alle radikalisieren sich hier in Deutschland, manche reisen nach Syrien mit der festen Absicht, vor Ort zu helfen. Dann aber können sie in den Ausbildungslagern des IS landen und eine gründliche Gehirnwäsche erhalten, oder ihnen wird es unmöglich gemacht, den IS zu verlassen, ohne sich in Lebensgefahr zu begeben. Wer versucht zu desertieren, wird hingerichtet und ist oft auch den Anführern eines solchen Camps ausgeliefert, wie es in Teil 2 gezeigt wird.

Abu (Sermiyn Midyat), Kommandant im IS-Lager, verpflichtet seine Truppe zum Schwur auf den Dschihad.
Szenenbild: Abu (Sermiyn Midyat), Kommandant im IS-Lager, verpflichtet seine Truppe zum Schwur auf den Dschihad.

Es gibt sicherlich viele (junge, aber nicht nur) Menschen, die ähnlich wie Jan in einer Art Vakuum zu leben scheinen. Was ist das, auf das diese Menschen ansprechen, wenn sie dem Islam dieser radikalen Art begegnen?

Zunächst begegnen sie ja keinem "radikalen Islam", sondern Menschen, die sich für sie interessieren, ihnen zuhören, wo sie auf Verständnis treffen, die ihnen Fragen beantworten und als Vorbilder erscheinen. Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter, sie gehen dorthin, wo sonst keiner hingeht und das macht es ihnen dann relativ einfach. Sei es in einem sozialen Brennpunkt, im Flüchtlingsheim oder beim Missionieren auf der Straße oder im Freundeskreis. Das alles passiert in der Sprache der Jugendlichen. Und dann gibt es über die sozialen Medien zig Möglichkeiten, junge Menschen genau dort abzuholen, wo sie sich eh schon befinden. Oft spielt aber auch der "Zufall" eine Rolle, nämlich in einer schwierigen Situation einem Menschen wie Abadin zu begegnen, der über ein spirituelles Charisma verfügt und einen erkennt. Die Verführung durch Salafisten besteht auch darin, aus der Isolation heraustreten und sich wieder einer Gruppe zugehörig fühlen zu können. Und es geht ja bei den Salafisten sehr brüderlich und schwesterlich zu, es wird viel umarmt, gebetet und gegessen, das schweißt zusammen.

Jans Geschichte wird kontrastiert durch die seines Mitbewohners Tariq, der eine ganz andere Haltung dem Islam gegenüber hat als der Konvertit Jan. Was bewegte Sie zu dieser Figur? Ist Tariqs Geschichte das Gegengewicht, damit Salafismus und Dschihadismus nicht als charakteristisch für den gesamten Islam gesehen werden?

Tariq ist für mich eine ganz wichtige Figur, in ihm spiegeln sich all die Chancen, die jungen Menschen in Syrien genommen wurden. Er ist lange vor Ausbruch des Bürgerkriegs nach Deutschland gekommen, hat Medizin studiert und hätte als Arzt nach Aleppo zurückkehren können. Der Krieg hat ihn zum Flüchtling werden lassen, genauso wie seine Familie, die nach wie vor in Syrien festsitzt. Die erste, die es zu ihm nach Deutschland schafft, ist seine jüngere Schwester Samia, aber ihr Schicksal hängt an einem seidenen Faden, er muss mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten, damit ihr Aufenthalt in Deutschland gesichert ist. Tariq sieht mit wachsendem Erschrecken, wie Jan sich verändert. Er kann aber nichts tun, weil er mit viel gravierenderen Problemen zu kämpfen hat: Das Leid seiner vergewaltigten und traumatisierten Schwester, das Leid seiner Eltern und des kleinen Bruders, die ausgebombt wurden und beim Onkel im IS Gebiet Zuflucht gefunden haben.

Tariq glaubt an gar nichts mehr und erst recht nicht an den fundamentalistischen Islam seines Freundes Jan Welke. Im Namen dieses Islams werden hauptsächlich Muslime umgebracht. Das Bestreben, dem Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt ein Ende zu setzen, verbindet den Sunniten Tariq mit der aus dem Irak stammenden schiitischen Verfassungsschützerin Najat Bidar. Sie wollen beide, dass es aufhört, dass Sunniten Schiiten töten und umgekehrt.

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