Kommentar von Regisseur Züli Aladag

»Der Stoff mit dem sich das Spielfilmprojekt "Brüder" befasst hat, war mir nicht fremd, da mich das Thema Radikalisierung bereits seit längerer Zeit beschäftigt. Als ich zum Projekt dazukam, ging es zunächst darum, gemeinsam mit Kristin Derfler und der Redaktion, den Stoff und die Drehbücher auf Herz und Nieren zu überprüfen, zu hinterfragen, den eigentlichen Stoff und die eigentliche Erzählung herauszuarbeiten. In den folgenden Monaten vor Drehbeginn haben wir die Geschichte, die Drehbücher und die Charaktere noch einmal definiert und neue Drehbücher geschrieben. Bis zum Schluss und während der Dreharbeiten habe ich auch mit den Schauspielern und meinen Beratern Szenen weiterentwickelt.«

Jan (Edin Hasanovic) in einer Moschee
Szene aus dem Film: Glaube war Jan (Edin Hasanovic) bisher stets fremd und so hat er erst mal Vorbehalte, als er Hasanovic (Tamer Yiğit) und seiner Gemeinde beim Gebet zuhört.

»Warum ein Film über einen deutschen Konvertiten, aus bürgerlichem Milieu, der vom Führer einer kleinen islamistischen Gemeinde radikalisiert wird und nach Syrien reist, um dort mit der Waffe für den islamischen Staat zu kämpfen? Und was kann die Fiktion, was ein Dokumentarfilm oder ein Zeitungsartikel zum selben Thema nicht können? Zum einen war mir wichtig die Konversion und anschließende Radikalisierung eines jungen Deutschen Studenten glaubwürdig zu schildern, zum anderen wollte ich auf keinen Fall eine klassische Nacherzählung auf der Basis bekannter Fälle. Die Fiktion kann den Rahmen der Realität sprengen und muss es meines Erachtens auch. Dann wird filmisches Erzählen spannend für mich und kann eine tiefere Wirkung entfalten. Ein sehr komplexer Stoff, bei dem ich sehr viele Aspekte bedenken und berücksichtigen musste. Was ist die Relevanz dieses Stoffes? Wie kann ich ihn spannend, filmisch und glaubwürdig erzählen?«

»Ich habe zwei Fachberater hinzugezogen, einen Experten im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus sowie einen Islamwissenschaftler. Mit ihnen haben die Schauspieler intensive Coachings und Trainings absolviert, die enorm wichtig für die detailgetreue Verkörperung ihrer Rollen waren. Ich wollte sowohl präzise sein, was die Darstellung des Islam als reinem Glauben angeht, als auch präzise sein, was die Interpretationen der Extremisten angeht. Die überwältigende Mehrheit der Muslime weltweit ist nicht extremistisch. Sie möchten ein friedliches Leben für sich und ihre Familien. Allerdings gelingt es den Extremisten sehr gut, die Ängste vor dem Islam und den Muslimen weltweit zu schüren. Diese Ängste sollen zur Diskriminierung von Muslimen führen, die sich wiederum von diesen Gesellschaften entfremden und abwenden sollen und sich einem radikalen Islam gegenüber öffnen sollen.«

»Einen solchen Stoff kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es ist eine große Verantwortung, einen so komplexen Stoff mit der gebotenen Sensibilität, dem Respekt einer Weltreligion gegenüber und mit Überblick und Weitblick zu erzählen. Wie verhält es sich mit den möglichen Wirkungen auf den Zuschauer? Wie schaffe ich es eine Identifikation mit einem Konvertiten herzustellen, der sich radikalisieren wird? Nicht gerade eine klassische Identifikationsfigur für einen Film. Wie gelingt es mir, den Zuschauer für die Geschichte, die Entwicklung und das Schicksal von Jan Welke zu interessieren? Ein Mensch, mit dem wir im Normalfall nichts zu tun haben wollen und mit dem wir uns schon gar nicht identifizieren wollen. Welche Ängste treiben uns um, in Zeiten eines global agierenden islamistischen Terrorismus, der vom IS in Syrien erneut entfacht wurde und auch in unsere Länder und Städte und unsere Köpfe und Herzen getragen wurde? Wir erzählen zwei zeithistorische Spielfilme, die kaum näher an den realen historischen Ereignissen in Syrien sein könnten. Wie gehen wir mit den IS-Anhängern und Kämpfern um, die aus unserer Gesellschaft in den Jihad nach Syrien gezogen sind, die überlebt haben und nun wieder zu uns zurückkehren? Haben wir es mit tickenden Zeitbomben zu tun, die bereits so viele Grenzen der Menschlichkeit überschritten haben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie explodieren?«

Bilder vom Dreh einer Szene mit Edin Hasanovic.
Szene aus dem Film: Jan (Edin Hasanovic) ist mit weiteren Kämpfern unterwegs.

»Mir ist klar, dass "Brüder" mehr Fragen aufwirft, als Antworten geben zu können. Ich wünsche mir eine Diskussion darüber, wie wir als moderne demokratische Gesellschaft auf Radikalisierung reagieren können. Was wir dagegen tun können, um der Verführung anfälliger junger Menschen entgegenzuwirken? Wenn eine Radikalisierung bereits erfolgt ist, ist es fast unmöglich diese Menschen "zurückzuholen". Wie anfällig sind wir selbst für Ideologien, wie verführbar sind wir selbst? Jan Welke ist ein bürgerlicher Deutscher Informatikstudent aus einem liberalen Elternhaus. Er hat das Herz eigentlich am richtigen Fleck. Ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit. Seine Werte scheinen grundsätzlich intakt zu sein. Er ist weitgehend aufgeklärt und scheint aus seiner Sicht nicht anfällig für Ideologien und Religionen zu sein und will mit "Gott und Allah und so ..." nichts zu tun haben. Doch jeder Mensch hat Schwächen in sich. Wenn diese Schwäche groß genug ist, können radikale Verführer genau an dieser neuralgischen Schwäche ansetzen. Man muss also kein ausgegrenzter, chancenloser Migrant mit islamischem Hintergrund sein, um aus Wut gegen Ausgrenzung für Radikalität anfällig zu sein. Es sind die ganz persönlichen Schwächen, Erfahrungen, Erlebnisse jedes einzelnen, die ihn oder sie für eine Radikalisierung anfällig machen.«

»Die Figur Abadin Hasanovic ist ein kluger und sensibler Missionar, der bei jungen Menschen da ansetzt wo er ihre Verletzungen erkennt. Er ist charismatisch, aber nicht zu aufdringlich. Er stellt gute Fragen. Klingt manchmal wie ein Globalisierungskritiker, spricht die Sprache der jungen, sich ausgegrenzt fühlenden Einwandererkinder mit muslimischem Background. Jan zur Konversion zu bewegen, ist nicht einfach für ihn. Aber er spürt die Leere, Aufgekratztheit und Wut in Jans Augen. Er missioniert junge Menschen für den heiligen Krieg. Und auch Jan wird ihm folgen. Von selbst. Sind die Voraussetzungen gegeben und werden die Trigger und Dynamiken erst einmal in Gang gesetzt, erfolgt eine Verwandlung, die selbst nahestehende Menschen wie Eltern, Geschwister und Freunde schockiert und entfremdet. Dasselbe geschieht zwischen den beiden Freunden und Mitbewohnern Jan und Tariq, Entfremdung. Tariq kam vor acht Jahren aus Syrien zum Medizinstudium nach Deutschland.«

Hasanovic (Tamer Yiğit) und Jan (Edin Hasanovic)
Szene aus dem Film: Hasanovic (Tamer Yiğit) zockt mit Jan (Edin Hasanovic) und zeigt ihm damit eine unerwartete Seite seiner Persönlichkeit, an die Jan leicht andocken kann.

»Er ist kurz davor Arzt zu werden. Seine Eltern, seine Schwester Samia und sein Bruder Ahmad sind in Syrien zurückgeblieben und leiden unter dem Krieg dort. Tariq gelingt es nicht seinen Freund vor der Annäherung zu islamistischen Extremisten zu bewahren. Er selbst ist gläubig aufgewachsen. Aber seine Eltern sind liberale Muslime. Er hat sein ganz eigenes Verhältnis zur Religion. Tariqs Schwester gelingt die Flucht nach Deutschland, traumatisiert in einem Gefängnis des Assad Regimes und vom Terror des IS. Doch seine Eltern und sein Bruder bleiben in Al Bab, einer Islamisten-Hochburg, hängen. Als Jan Tariq mitteilt, dass er mit einem Hilfskonvoi seiner Moscheegemeinde nach Syrien reist und Tariq seine Familie aus Al Bab herausholen könnte, entscheidet sich Tariq für den kühnen Plan nach Syrien zu reisen. Doch an einem IS Checkpoint wird Jan vom IS entführt. Tariq gelingt es im Tausch mit den Hilfsgütern seine Eltern aus Al Bab herauszuholen. In einer Extremsituation muss auch er eine Grenze überschreiten und handeln, um seine Familie zu retten. Nach Jans Rückkehr nach Deutschland ist Tariq skeptisch Jan gegenüber. Er glaubt ihm seine Geschichte nicht. Er versucht vergeblich an ihn heranzukommen. Auch der Verfassungsschutz setzt Tariq als Informant ein, doch Jan hat alles schon längst durchschaut und hat seinen ganz eigenen Plan, in den er niemanden einweihen kann. Er funktioniert nach seiner Rückkehr wie ein Uhrwerk um das, wozu er sich bereits in Syrien entschieden hat, durchzuführen.«

»Die Umsetzung beider Filme war sehr aufwendig. Vom Casting der Hauptrolle und den Nebenrollen bis hin zur Besetzung der kleinsten Rolle habe ich lange und sorgfältig gesucht und einen spannenden deutschen und internationalen Cast zusammengestellt. Meine Anforderungen an alle Rollen und an die Hauptrolle waren enorm groß. Alle Schauspieler mussten sich nach einem ihnen angemessenen Programm intensiv auf ihre Rollen vorbereiten. Ob es Islamunterricht war, Einführung in die Gebete und Rituale, in die Sprache, Sprachen und arabischen Dialekte. Einen jungen Schauspieler für die Rolle von Jan Welke (23) zu finden, der all diesen Anforderungen gerecht werden konnte und all die Potentiale und Fähigkeiten mitbrachte war schwer. Mit Edin Hasanovic habe ich zum Glück genau denjenigen gefunden der alles mitbrachte was ich mir für die glaubwürdige Verkörperung von Jan vorgestellt und gewünscht habe. Es ist sehr beeindruckend wie Edin das gemeistert hat, wie intensiv und diszipliniert er sich vorbereitet hat. An etlichen Szenen der Drehbücher haben wir noch während der Dreharbeiten gemeinsam mit den Schauspielern und mit meinen Beratern gearbeitet. Von 54 Drehtagen haben wir über drei Wochen in Marokko gedreht bei Temperaturen zwischen 40 – 46 Grad auch eine klimatische Herausforderung an Cast und Team. Dort haben wir alle Szenen gedreht, die in Syrien spielen. Der gesamte Syrienkomplex und die Kampfszenen waren sehr aufwändig. Wir haben hier mit einem großen Aufwand daran gearbeitet, so realistisch wie nur möglich zu sein. Vom speziellen militärischen Training der Schauspier bis hin zur Choreographie der Kampfsequenz und visuellen Umsetzung mit realen Spezialeffekten und VFX.«

»Mit Roland Stuprich habe ich einen großartigen Bildgestalter gefunden, mit dem ich meine Vision von der visuellen Gestaltung der Filme teilen konnte. Das gesamte Team, sowohl alle Mitarbeiter des SWR, als auch die freien Mitarbeiter, die ich mitgebracht habe, wie Tim Pannen (Szenenbild), Frauke Firl (Kostüm), als auch mein großartiger Regieassistent Raimond Schultheiß, haben hervorragende Arbeit geleistet und waren eine enorme Unterstützung für unser großes Vorhaben. Auch meine beiden Cutterinnen Saskia Metten und Sabine Garscha haben großartige Arbeit geleistet sowie mein VFX-Supervisor Frank Kaminski. Wir haben beide Filme parallel geschnitten. Ich bin zwischen den Schneideräumen beim SWR hin- und hergesprungen. Drehbeginn war am 25. April und Drehende am 20. Juli 2017. Die Sendetermine sind am 22. Und 29. November 2017. Das war eine spannende und intensive Zeit. Ich möchte Martina Zöllner, Jan Berning, Franziska Specht und Manfred Hattendorf vom SWR ausdrücklich für das große Vertrauen danken das sie mir und meiner Vision von diesem Zweiteiler entgegengebracht haben. Beide Filme sind ohne Kompromisse entstanden und genau so geworden, wie ich sie mir vorgestellt habe.«

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