Gespräch mit Autor Paul Salisbury, Regisseur Umut Dag und Produzent Ulrich Stiehm

Gespräch mit Autor Paul Salisbury, Regisseur Umut Dag und Produzent Ulrich Stiehm

Sie erzählen ein Drama aus der Perspektive einer muslimischen Familie. Hat es Bedenken gegeben, einen Imam und dessen Ehefrau in den Mittelpunkt zu stellen?

Paul Salisbury: Am Anfang haben viele in der Produktion gesagt, die Geschichte sei zwar spannend, aber man müsste sie für das Fernsehen aus der Perspektive der deutschen Großeltern schildern. Das ist nicht mein Ansatz gewesen. Ich wollte von der Mehrheit der Muslime erzählen, jenseits des dauerpräsenten Themas Extremismus. Von Menschen, die ihre zum Alltag gehörende Religion im positiven Sinne leben. Die Idee zu der Geschichte kam mir nach der Geburt meiner Tochter. Ich habe mich gefragt; Würde ich unser Kind einem befreundeten Nachbarn zum Babysitten anvertrauen, der Moslem ist? Spielt dessen Glauben für meine Entscheidung überhaupt eine Rolle?

Ulrich Stiehm: Im Fernsehen werden Muslime für gewöhnlich in Nebenrollen als ambivalente oder verdächtige Charaktere gezeigt. Der Stoff hätte auch Potenzial für einen Kinofilm gehabt, aber ich glaube, Geschichten dieser Art erreichen im Fernsehen um 20.15 Uhr ein größeres Publikum. Der Sender trat dann mit dem ausdrücklichen Wunsch an uns heran, im Rahmen der Buchentwicklung das Leben in den türkischmuslimischen Gemeinden und die Imam-Ausbildung in Deutschland intensiv zu recherchieren.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Recherche?

Paul Salisbury: Junge progressive Imame wie unsere Hauptfigur Cem, die hier aufgewachsen sind, haben in ihren Gemeinden einen extrem schweren Stand. Nach ihrem Studium sind die Chancen gering, von den Moschee-Vereinen angestellt zu werden. Die meisten Gemeinden unterstehen einer Dachorganisation wie etwa dem türkischen Islamverband Ditib, der seine Imame aus der Türkei bezieht. Insofern ist Cem, der Brücken bauen will, gewissermaßen eine Wunschfigur, auch wenn es in vielen Vereinen progressive Kräfte wie ihn gibt und wir den Anspruch verfolgt haben, so realistisch wie möglich zu erzählen.

Ulrich Stiehm: Wir haben die Hauptfigur Cem bewusst als Nachwuchsimam angelegt, der sehr idealistisch ist und für einen modernen Islam kämpft. So konnten wir den Generationenkonflikt innerhalb der Gemeinde deutlich machen. Die alten, rückwärtsgewandten Kräfte im Moschee-Vorstand lehnen seine Vorstellungen von einem Dialog der Religionen ab. Ist Cem am Ende mit seinem Konzept gescheitert? Zumindest ist er nicht so erfolgreich, wie er es sich wünscht.

Am Ende feiern Moslems und Christen gemeinsam Pias Geburtstag. Ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens?

Umut Dag: Wenn Sie mit Wunsch meinen, dass unsere Geschichte mit der Realität nichts zu tun hat, dann muss ich widersprechen. Solche Begegnungen gehören zum Alltag. Und es gibt da draußen auch Imame wie Cem, die für ein Miteinander werben. Aber sie bekommen medial nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie andere, die für eine repressive und konservative Auslegung stehen. Über Imame wie Cem zu berichten ist leider nicht so breitenwirksam wie eine künstlich aufgeheizte Debatte um Parallelgesellschaften. Es ist wichtig, dass in den Moscheen mehr Leute wie Cem predigen, die in Deutschland ausgebildet sind und mit Andersgläubigen respektvoll umzugehen wissen. Man muss den jungen Imamen auch eine Chance geben, um ihre Gemeinden aus der Abschottung herauszuholen. Der Prozess der Modernisierung kann jedenfalls nur von innen heraus in Gang kommen.

Paul Salisbury: Ich würde lieber von einer parabelhaften Erzählung sprechen, die einem spannenden Grund gedanken folgt: dem einer umgekehrten Integration. Die sogenannten Migranten sind längst zugehörig, alles ist gut – bis zu dem Moment, wo sie die Entscheidung treffen, dieses Waisenkind deutscher Eltern aufzunehmen. Das deutsche Kind muss in die muslimische Familie integriert werden. Damit beginnen die Schwierigkeiten, und da reicht es nicht, einfach zu sagen: Alles, was ein Kind braucht, ist Liebe.

Der Film strahlt eine große Ruhe aus.

Umut Dag: Ich spüre die Angst, die Betroffenheit, die Hysterie in den Köpfen und Herzen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Deshalb brauche ich keine zusätzliche Unruhe in der Inszenierung und in der Schnittarbeit, um die allgemeine Aufgeregtheit bei diesem Thema zu befeuern. Das wäre ja so, als würde ich Musik einsetzen, um die Emotionen zu verdoppeln, die ich sowieso schon durch die Arbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler spüre.

Wäre es falsch, "Das deutsche Kind" einen Themenfilm zu nennen?

Umut Dag: Ja, dieser Begriff hat einen starken didaktischen Beigeschmack. Wir wollten aber nie einen Debattenfilm drehen, der dem Zuschauer durch die Hintertür beibringt, worin die Unterschiede zwischen der Bibel und dem Koran liegen. Unser Zugang war immer: Wir konzentrieren uns auf die emotionalen Konflikte der Protagonisten, die einen Sorgerechtsstreit ausfechten, der uns aufwühlt. Die deutsche Großmutter auf der Gegenseite ist in dieser Auseinandersetzung aber nicht die böse Fremdenhasserin. Sie äußert die gängigen Ressentiments und Vorurteile aus einer eigenen Motivation heraus, die ihrer Familiengeschichte geschuldet ist.

Kann Religion überhaupt progressiv sein?

Umut Dag: Es ist ja nichts Neues, dass die Religion oft dazu missbraucht wird, die Menschen an der kurzen Leine zu halten. Ihre Weiterentwicklung zu verhindern. Aber ich respektiere und bewundere an gläubigen Moslems, Christen oder Juden, wie sie ihren Glauben dazu nutzen, Halt und innere Stärke zu gewinnen.

Durften Sie in einer Moschee drehen?

Ulrich Stiehm: Die aufgeschlossene arabische Moscheegemeinde vom "Haus der Weisheit" in Berlin-Moabit hat uns freundlicherweise ihre Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Der Vorstand hat sich sehr kooperativ gezeigt. Wir sind mit der Gemeinde so verblieben, dass wir eine gemeinsame Veranstaltung ausrichten werden, auf der wir "Das deutsche Kind" zeigen. Auf unsere Anfragen um eine Dreherlaubnis haben auch türkische Gemeinden zunächst positiv reagiert. Doch die Moscheen sind oft in Hinterhöfen oder Industrievierteln untergebracht und haben nur wenig Platz. Drei Tage Drehzeit plus zwei Tage fürs Um- und Rückbauen – das wollten sie jenen Gläubigen nicht zumuten, die jeden Tag zum Beten kommen.

Ist es Ihr Wunsch als Filmemacher, Anstöße an die türkischen Gemeinden zu geben?

Ulrich Stiehm: Na klar. Es würde mich sehr freuen, wenn wir auch das breite türkisch-stämmige Publikum erreichen. Ehrlich gesagt fehlt mir da die Zuversicht, aus dem einfachen Grund, dass die meisten türkischen Zuschauer türkisches Fernsehen bevorzugen. Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

Paul Salisbury: Ich hoffe stark auf eine Resonanz von deutsch-türkischen Zuschauern. Denn ich habe immer gewisse Bedenken gehabt, eine Geschichte aus einem anderen Kulturkreis zu erzählen, den ich nur von außen kenne, egal, wie gut ich recherchiere. Glücklicherweise konnte ich mit Umut und unseren deutsch-türkischen Schauspielern bis zum Schluss an der Authentizität des Buches arbeiten. Dann hieß es schon mal: So etwas machen wir bei uns zu Hause nicht. In den Dialogen sprechen sie jetzt so einen Mischmasch aus Deutsch und Türkisch. So wie es tatsächlich viel gemacht wird.

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