"Wenn man sich nicht kennt, fällt man eher darauf herein, was über andere gesagt wird"

Statement von Halima Krausen, islamische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltregionen der Universität Hamburg.

Halima Krausen
Halima Krausen | Bild: NDR / Daniela Incoronato / Halima Krausen

In unseren Moscheen vollzieht sich ein spannender Generationswechsel. Ich erlebe in Hamburg, dass immer mehr junge Imame tätig werden. Es sind aufgeschlossene Geistliche wie der Deutschtürke Cem Balta im Fernsehfilm "Das deutsche Kind". Sie sind in Deutschland zweisprachig aufgewachsen und verstehen die muslimische und die christliche Kultur. Die neuen Imame kommen bei den jungen Gemeindemitgliedern gut an, weil sie deren Sprache sprechen. In der Seelsorge und in der Beratung ist der Wechsel bereits geleistet. Nun sollte als Nächstes die Lehre auf die nachfolgende Generation übertragen werden, und es wäre klug, die Lehrer hier in Deutschland aus- und weiterzubilden. So hätten sie ausreichend Erfahrung in der Begegnung mit Andersgläubigen. Wenn man sich nicht kennt, fällt man eher darauf herein, was über andere gesagt wird. In dieser Sache ist noch viel zu tun.

Es sind vor allem die älteren Muslime, die sich den Neuerungen entgegenstellen. Sie verfügen nicht unbedingt über eine theologische Bildung oder über eine lange religiöse Praxis. Sie haben schlicht Angst davor, das zu verlieren, was sie haben oder zu haben glauben. Diese beiderseitige Dynamik des "Bloß nicht annähern!" macht der Film sehr schön deutlich. Allerdings sind es nicht die Imame, die in den Gebetshäusern den Ton angeben, sondern ihre Arbeitgeber – die Vorstände der Vereine, die eine Moschee leiten.

Sind die Gräben zwischen Christentum und Islam zuletzt tiefer geworden? Zum einen beobachte ich eine Polarisierung und Abgrenzung, zum anderen sehe ich Ansätze von Dialogoffenheit und ein starkes Interesse daran, aufeinander zuzugehen. Wenn etwas Schlimmes passiert, zum Beispiel ein Gebetshaus angegriffen wird, steht eine andere Glaubensgemeinschaft zur Seite, bekundet ihre Solidarität und bietet Hilfe an. Ein weiteres positives Beispiel: An unseren theologischen Fakultäten werden heute viele Projekte ins Leben gerufen, um Studenten verschiedener Religionen gemeinsam zu unterrichten. An der Universität Osnabrück, dem Abraham Geiger Kolleg in Berlin oder der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal besuchen jüdische, christliche und moslemische Studenten zusammen Seminare. An unserer Akademie der Weltreligionen in Hamburg fördern wir dieses Miteinander schon seit Langem. Man studiert, lehrt und forscht gemeinsam.

Aber es bedarf keiner theologischen Debatten, um Brü- cken zu bauen. Man kann die Gräben auf eine ganz einfache Art überwinden: indem man seine Nachbarn kennenlernt und sich umeinander kümmert. Eine iranische Bekannte erzählte mir einmal, wie ihr als Mädchen von den Eltern aufgetragen wurde, ihren jüdischen Nachbarn am Schabbat Essen herüberzubringen, weil die an diesem Ruhetag nicht kochen durften. Solche nachbarschaftlichen Gesten, denen man schon in traditionellen Gesellschaften begegnet, sind der Schlüssel für ein Miteinander.

Das Gebot, Religion und Politik zu trennen, gilt für alle Richtungen. Ich bin strikt dagegen, mit religiösen Slogans Politik zu machen. Wer es tut, spielt mit den Emotionen von Menschen. Aber ich fände es fatal, wenn die Ethik, wie sie in der Religion gelehrt wird, in der Politik überhaupt keine Rolle mehr spielen würde. Wenn das Gewissen weitgehend ausgeschaltet werden würde, sobald es in die Politik geht. Es gibt universelle ethische Werte, auf die wir uns alle – auch mit säku laren Akteuren – verständigen können. Sie werden in den Weltreligionen nur unterschiedlich bezeichnet. Die einen sprechen von Barmherzigkeit, die anderen von Gerechtigkeit. In diesen Werten, nicht in den Glaubensvorstellungen, liegen die Gemeinsamkeiten der Religionen.

Sie kommen aber nur dann zum Tragen, wenn wir einander zuhören. Mehr miteinander reden statt übereinander. Mehr Informationen aus erster Hand einholen. Mehr auf den Kontext achten. Im Film wird der Konflikt gelöst, indem die christliche Großmutter und der muslimische Pflegevater zum ersten Mal ein richtiges Gespräch miteinander führen. Das finde ich genial. Ist es reines Wunschdenken, dass am Ende alle zusammen den Geburtstag der kleinen Heldin Pia feiern? Nein. Es gehört zu einer normalen Nachbarschaft, wie ich sie schon oft erlebt habe.

Halima Krausen ist islamische Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Weltregionen der Universität Hamburg. Bis 2014 leitete sie als Imamin die deutschsprachige islamische Gemeinde in der Hamburger Imam-Ali-Moschee.

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