Gespräch mit Murathan Muslu über seine Rolle des Cem Balta

Murathan Muslu in seiner Rolle als Cem Balta
Murathan Muslu in seiner Rolle als Cem Balta | Bild: NDR / Daniela Incoronato

Was zeichnet einen Imam aus? Wie spielt man einen geistlichen Führer?

Als ich 12 oder 13 Jahre alt war, zeigte mir mein Cousin die Moscheen von Istanbul. Er betete fünfmal am Tag und strahlte eine sehr große Ruhe aus. Wir haben miteinander viele Gespräche geführt. Damals dachte ich, ein Imam muss diese innere Gelassenheit haben wie mein türkischer Verwandter. Als ich dann das Drehbuch zu "Das deutsche Kind" las, hatte ich ihn vor Augen. Nach seinem Vorbild wollte ich die Figur des Cem Balta auslegen: ruhig, nachdenklich, verlässlich. Hinzu kommt: Cem trägt Verantwortung gegenüber seiner Familie und seiner muslimischen Gemeinde, deshalb muss von ihm auch eine gewisse Kraft ausgehen.

Seiner Gemeinde missfällt, dass ihr designierter Imam ein christliches Pflegekind aufnehmen will. Entscheidet sich Cem gegen die Karriere und für das Kind?

Das sehe ich anders. Cem ist einfach ein gutmütiger Mensch. Aber er ist auch seiner Gemeinde verpflichtet. Deshalb überlegt er lange, bis er "Ja"“ dazu sagt, die kleine Pia aufzunehmen. Cem macht sich einen Kopf darüber, wie er das alles unter einen Hut bringen soll. Familie und Arbeit. Er kalkuliert und rechnet, bis er zu dem Ergebnis kommt: Wir schaffen das! Es geht ihm nicht darum, einen religiösen Gedanken zu verwirklichen. Er handelt aus reiner Menschlichkeit. Dass es in Folge so viele Komplikationen gibt, bis hin zum Ausstoß aus der Gemeinde, kann er nicht voraussehen.

Für welchen Islam steht Cem?

Er steht für einen modernen, in Europa integrierten Islam, der offen ist für Begegnungen mit Andersgläubigen. Also schlägt er dem Gemeindevorstand vor, Nichtmoslems in die Moschee einzuladen, um ihnen einen anderen, den wahren Islam zu zeigen. Aber die alten Gemeindevorsteher lehnen ab. Cem ist sogar bereit dazu, Weihnachten einen Tannenbaum aufzustellen, weil er seinem Pflegekind eine Freude machen will. Und weil es Pia tröstet, ihre Mutter im Himmel zu wissen, bestärkt er sie in ihrem Glauben.

Als Zuschauer sind wir 90 Minuten an Ihrer Seite. Man darf sagen: Sie tragen diesen Film.

Ich bin 23 Tage lang, die gesamte Drehzeit, am Set gewesen und es ging immer hochkonzentriert zu. Umut Dag, unser Regisseur, brach beim Drehen so gut wie nie ab. Wir spielten die meisten Szenen in einem Stück durch, die Kamera blieb sehr lange auf uns drauf. Im Grunde habe ich den ganzen Film nach Bauchgefühl gespielt. Ich habe die Schauspielerei ja nicht gelernt. Es scheint aber so, dass ich öfter mal den Nagel auf den Kopf treffe. Vielleicht weil ich mir nicht so viele Gedanken über den Hintergrund einer Figur mache: Woher kommt sie oder was glaubt sie? Ich sehe nur ihre Taten und ihr Verhalten innerhalb einer Szene, in der die Konfliktparteien aufeinander crashen.

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