Gespräch mit Neshe Demir über ihre Rolle der Sehra Balta

Neshe Demir in ihrer Rolle als Sehra
Neshe Demir in ihrer Rolle als Sehra | Bild: NDR / Daniela Incoronato 

Sie spielen die selbstbewusste Ehefrau eines liberalen Imam – und tragen Kopftuch. Wie passt das zusammen?

Sehra lebt nach den Richtlinien ihrer Religion, glücklich und zufrieden, weil sie es aus freien Stücken macht. Sie ist eine moderne, mutige Frau, die sich weder von ihrer Familie noch von der türkischen Gemeinde unter Druck setzen lässt. Das Kopftuch ist für sie kein Zeichen der Unterwerfung, sondern Ausdruck ihrer spirituellen Lebenshaltung. Warum sollte sie keine fortschrittliche Frau sein? Nur weil sie ein Kopftuch trägt?

Was ist das Kopftuch für Sie als Schauspielerin? Ein Kostüm?

Es ist ein sehr starkes Kostüm gewesen, an das ich mich erst gewöhnen musste. Das Kopftuch und auch die weit geschnittene Kleidung hatten einen starken Einfluss auf mein Körpergefühl. Meine Einstellung zur Weiblichkeit und dazu, wie ich sie zum Ausdruck bringe, war plötzlich eine völlig andere. Vor den Dreharbeiten habe ich es einen Monat lang privat getragen, es war ein Experiment, um herauszufinden: Was stellt das Kopftuch mit mir an? Tatsächlich machte es mich ruhiger und half mir, mehr auf meine inneren Werte zu achten. Frauen berichteten mir in dieser Zeit, dass sie fast zwei Jahre gebraucht hätten, um ihre Persönlichkeit und ihre Weiblichkeit in Einklang mit dem Kopftuch zu bringen.

Ein deutsches Kind soll sich in eine muslimische Familie integrieren. Hätte aus diesem Stoff nicht gut eine Komödie werden können?

Ich finde es zunächst einmal ganz toll, dass der Film nicht mit den türkischen Klischees spielt. Es ärgert mich wirklich, wenn ich im Fernsehen türkische Filmfiguren sehe, die gebrochen Deutsch sprechen, im Gemüseladen arbeiten oder Drogen verticken. Die jetzige Generation spricht im Allgemeinen akzentfrei Deutsch. Viele sind Akademiker, arbeiten in hohen Positionen und haben deutsche Lebenspartner. Im Alltag wechseln wir Deutschtürken schnell von einer Sprache in die andere, weil wir bilingual aufgewachsen sind. Auch das zeigt der Film authentisch. Wenn es emotional wird, springt man ins Türkische, für das Sachliche bleibt man im Deutschen.

Auch ihr Regisseur kennt beide Welten.

Ich wollte bei diesem Film unbedingt mitmachen, vor allem weil Umut Dag Regie führte. Er kennt das Milieu und porträtiert die türkische Gemeinschaft authentisch. Das war mir wichtig. Die Zusammenarbeit mit Umut war großartig. Beim Drehen forderte er uns Schauspieler immer wieder auf, unsere Möglichkeiten noch mehr auszuschöpfen. Und er räumte uns viel Zeit ein, bis wir die richtigen Emotionen entwickelt hatten. Umut suchte immer das Authentische, in jedem Take.

Eine deutsche und eine deutschtürkische Familien streiten um ein Kind. Was hat das mit Religion zu tun? Mich hat das Drehbuch sofort begeistert, weil die Religion nicht im Vordergrund steht. Es geht um große menschliche Gefühle. Die Liebe der muslimischen Pflegeeltern zu einem Kind, das sie nach dem Tod der Mutter bei sich aufnehmen. Und die Angst der deutschen Großmutter, ihre Enkelin an eine Familie zu verlieren, die aus einem fremden Kulturkreis stammt.

Steht dieser Konflikt für die tiefen Gräben zwischen den Religionen?

Ich glaube, die Konflikte rühren daher, dass man die andere Seite nicht kennt und Angst hat vor dem Unbekannten. Man möchte das Vertraute sichern, aus Angst, seine eigene Identität zu verlieren. Wenn die Menschen stattdessen neugierig und offen aufeinander zugehen würden, so wie die Protagonisten am Endes unseres Films, dann wären die Ängste bald verschwunden. Ich habe für den Begriff Integration wenig übrig und spreche lieber von Neugier und Offenheit. Und ich behaupte: Je zufriedener die Menschen mit sich selber sind, desto toleranter verhalten sie sich gegenüber anderen und Andersgläubigen.

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