Gespräch mit Anneke Kim Sarnau

"Es geht um den Verlust von Standards in der Gesellschaft"

Anneke Kim Sarnau in ihrer Rolle als Franziska Wagner
Szenenbild aus dem Film: Anneke Kim Sarnau in ihrer Rolle als Franziska Wagner

Ein Mädchen ist verunglückt, aber schon erscheint mit strahlendem Lächeln Schwester Franzi auf dem Bildschirm, sie gratuliert einem Arzt noch kurz zum Geburtstag, dann eilt sie in den OP-Saal, um der Kleinen zu helfen. Eine heile Krankenhauswelt. Alles Lüge, oder?

Ich denke, es ist komplexer. Franziska ist nicht so verlogen wie Sie vielleicht denken. Sie liebt ihren Beruf wirklich und mag den Alltag im Krankenhaus. Der Arzt ist der Mann ihrer besten Freundin Anna. Es steckt keine Böswilligkeit hinter dem, was sie tut, sondern Schutzverhalten. Sie verhält sich so, damit ihr Leben als OP-Schwester und der Betrieb in der Klinik irgendwie weitergehen.

Bei der OP verabreicht sie dem Mädchen ohne Wissen der Chirurgin ein Antibiotikum, das einen anaphylaktischen Schock auslöst und das Kind in Lebensgefahr bringt. Ist das nicht kriminell?

Klar, gleichzeitig ist es interessant zu sehen, dass sich in unserem Krankenhaus alle kriminell verhalten. Der OP-Saal ist mit Keimen verseucht. Weil die Leitung und der private Träger der Klinik aber Geld sparen müssen, werden auf Teufel komm raus Operationen durchgeführt und Komplikationen in Kauf genommen. Ethische Regeln werden über Bord geworfen, um die Wirtschaftlichkeit zu steigern. Diese Unsitte grassiert nicht nur in der Medizin. Es geht um den Verlust von Standards in der Gesellschaft, und der Film schärft das Bewusstsein dafür, wo sie überall preisgegeben werden. Wenn eine Person gegen das System aufmuckt, ist sie sofort draußen. Im Film ist die Ärztin Anna die einzige, die sich korrekt verhält und den Mund aufmacht. Dafür wird sie angefeindet und ausgeschlossen.

Begreift die OP-Schwester nicht, was sie tut, oder ist sie ganz schön durchtrieben?

Sie ist ein Verdrängungstier, und als alleinerziehende Mutter fürchtet sie mehr als andere um ihren Arbeitsplatz. Franziska wird in die Machenschaften eingeweiht und unter Druck gesetzt. Sie lässt sich bestechen, sonst könnte sie die riesige Carrera-Bahn nicht bezahlen, die sie ihrem Sohn zum Geburtstag geschenkt hat. Gleichzeitig redet sie sich die Verhältnisse schön. Ich gebe den Patienten Antibiotika, die schaden ja nicht, denkt sie. In meinen Augen ist sie ein Opfer der Verhältnisse. Wo soll sie denn hin mit ihrem Kind, falls sie den Job und ihre Wohnung verliert? Schuld daran ist ein System, das die Menschen dazu zwingt, sich aus existenziellen Gründen so zu verstricken.

Dass sie ihre beste Freundin verrät, könnte man ihr auch persönlich ankreiden.

Es ist perfide, wie sie Anna hintergeht. Franziska lügt und lügt und lässt Beweise verschwinden. Feige und niederträchtig verhält sich auch Annas Ehemann. Er lässt seine Frau im Stich, liefert sie aus und gibt nach außen den Revoluzzer. Es ist ein Verrat von fast biblischem Ausmaß. Was ich bei Franziska verurteile: Sie hätte anonym ein Zeichen geben können, dass sich im OP-Saal ein Keim festgesetzt hat. Stattdessen verwischt sie die Spuren.

Warum gehen Sie als so erfahrene Schauspielerin zum Coaching?

Beim Coaching stelle ich die Figuren auf wie die Mitglieder einer Familie. Ich gucke in sie hinein, um herauszufinden, was ist los mit dir? Wie stehst du zu den anderen? Indem ich über meine Figur spreche, erste Gedanken formuliere und meinen Instinkten folge, werden mir schon viele Sachen klar. Meistens geht es bei mir um die emotionalen Ebenen. In diesem Fall stand ich vor der Herausforderung, eine Frau zu spielen, die eine große menschliche Kraft besitzt und zugleich eine Verräterin ist. „Götter in Weiß“ ist kein Film, in den ich einfach so reingegangen bin. Ich habe mich abgesprochen und lange überlegt, in welchen Momenten ist es wichtig, dass sie etwas zeigt, was echt ist, und wann kommt es darauf an, im Zusammenspiel mit Anna etwas ganz anderes drunterzulegen. Beim Drehen kam es sehr auf die leisen Töne an. Es war ein konzentriertes Spielen aus großer Ruhe heraus. Beide Figuren bleiben ja total auf dem Boden. Während der Umbauarbeiten zwischen den Szenen ist der Regisseur Elmar Fischer immer an unserer Seite geblieben, um uns abzuschirmen, damit die Konzentration nicht nachlässt. Damit wir in der Rolle bleiben konnten. Er hat in den richtigen Momenten an den richtigen Schrauben gedreht und war immer aufmerksam, dieses Gespür mochte ich besonders.

Haben Sie Ihre Energie ein wenig bremsen müssen?

Wenn es am Set heißt, wir drehen gleich, dann ist es so, als würde ich ein Transistorradio anschalten. Der Strom fährt langsam hoch, bis die Energiespeicher voll aufgeladen sind. Heißt es dann "Bitte!", ist im Idealfall der Sender dran, den man hören möchte. Die Körperlichkeit und die Energie sind bei mir immer da. Die muss ich nicht herstellen. Wenn man mich ließe, würde ich jedes Mal ein verbales Feuerwerk abbrennen. Claudia Michelsen könnte das auch, sie hält ihr Spiel aber lieber klein. Bei ihr passiert ganz viel, ohne dass sie viel tut. Man sieht der Ärztin Anna ihre Verzweiflung an, Claudia hat diese Momente aber bescheiden gehalten und nicht riesig gespielt. Das fand ich sehr berührend.

Fühlen Sie sich in Krankenhäusern unwohl, auch wenn Sie dort nur drehen?

Der Ort ist unangenehm. Früher fand ich ihn spannend. Doch seit ich von dem Risiko weiß, sich multiresistente Keime einzufangen, schätze ich es sehr, nicht in einer Klinik zu liegen. Ich finde auch, dass Krankenschwester eigentlich ein toller Beruf ist, wenn man sich nur nicht so abrackern müsste für viel zu wenig Geld, wie im Film dargestellt.

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