Gespräch mit Andrea Frischholz

Autorin Andrea Frischholz

Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen)
Szenenbild aus dem Film: Das Ärzteteam operiert.

Andrea Frischholz wurde 1978 in München geboren. Nach ihrem Schulabschluss in Wales studierte sie zunächst Kulturwirtschaft an der Universität Passau. Darauf folgte das Master-Studium "International Relations" an der London School of Economics and Political Science. Nach einigen Jahren der Berufstätigkeit im Bereich Entwicklungspolitik nahm sie 2014/2015 an der Drehbuchwerkstatt München teil, wo sie das Drehbuch zu "Götter in Weiß" entwickelte. Daneben zählt auch die "SOKO Wismar"-Episode "Tödliche Nähe" zu ihren Arbeiten. "Götter in Weiß" ist das Debüt-Drehbuch von Andrea Frischholz.

"Götter in Weiß" ist für mich immer auch ein Film über Konformismus gewesen"

"Götter in Weiß" hatte auf dem Münchner Filmfest Premiere. Wie reagierte das Publikum?

Sehr lebhaft. Es gab insgesamt drei Vorstellungen mit anschließenden Gesprächen. Jeder hatte seine persönlichen Bezugspunkte zum Thema Krankenhaushygiene. Es war schön zu erleben, dass der Film das Publikum angesprochen und berührt hat. In einer Vorstellung saßen auch Ärzte. Einer fühlte sich durch die Aussage des Films ein wenig angegriffen. Er fand die Hauptfigur zwar sehr stimmig und konnte sich gut in sie hineinfühlen, meinte aber, dass der Film nicht genügend Verständnis für die schwierige Arbeitssituation der Ärzte weckt. Sein Eindruck war, dass der Film persönliches Fehlverhalten von Ärzten anprangert. Ich sehe das anders: Der Film erzählt davon, wie Ärzte in einen Interessenkonflikt getrieben werden. Einerseits sind sie dem gesundheitlichen Wohl ihrer Patienten verpflichtet, andererseits sind sie vom finanziellen Erfolg ihres Arbeitgebers, der Klinik, abhängig. Diesem Konflikt können sich Ärzte nicht entziehen.

Hat es einen besonderen Anlass gegeben, über Keime in Krankenhäusern zu schreiben?

Die Recherche wurde durch einen Zeitungsartikel über Todesfälle in einer Frühchenstation in Gang gesetzt. Ich fing an zu recherchieren und stieß auf Dinge, die mich wirklich wütend machten. Zugleich war ich entsetzt darüber, wie wenig ich vorher über das System gewusst habe, obwohl es uns alle betrifft. Nachdem ich mir alle Fakten angeeignet hatte, begann der schwierigste Teil der Arbeit: die Interviews mit den Medizinern. Alle Ärzte, mit denen ich sprach, teilten meine Kritik am Gesundheitswesen. Aber den meisten von ihnen wäre es nicht recht gewesen, wenn ich ihre Namen irgendwo erwähnt hätte. Es gibt eine hohe Unzufriedenheit über das System, zugleich aber große Solidarität mit den Kollegen.

Wie entsteht daraus ein spannendes Drehbuch? Systemkritik ist ja erst einmal langweilig ...

Wir erzählen die Geschichte einer Ärztin, die in ihrer Klinik dem Verdacht nachgeht, dass sich in einem OPSaal ein lebensbedrohlicher Erreger eingenistet hat und die Klinikleitung die Gefahr zu vertuschen versucht. Weil der eigentliche Gegner, der Keim, unsichtbar ist, haben wir nach antagonistischen Kräften in ihrem Umfeld gesucht: die Freundin, die Beweismittel beiseite schafft, der Ehemann und zugleich Kollege, der nicht aufmucken will, um seine Karriere nicht zu gefährden.

Was muss geschehen, bis eine Einzelne Verantwortung übernimmt und sich gegen das System stellt?

Das ist der entscheidende Punkt. "Götter in Weiß" ist für mich immer auch ein Film über Konformismus gewesen. Egal, ob man in einem Krankenhaus angestellt ist oder bei einem Automobilhersteller arbeitet, die Problematik ist die gleiche: Unterliege ich Zwängen, nehme ich Missstände wahr, wie verhalten sich Vorgesetzte und Kollegen? Im Kontext unseres Films geht es allerdings um Leben und Tod. Anna hat etwas beobachtet, was ihre Patienten in Gefahr bringt. Jetzt muss sie sich entscheiden: Schweigt sie, weil sie Angst um ihren Job habt, oder macht sie den Mund auf? Sie stellt sich gegen die Klinik, ihre Kollegen und Freunde und zahlt am Ende einen hohen Preis dafür. Hinter Whistleblowern wie Anna, die Missstände und kriminelles Handeln öffentlich machen, stehen ja immer auch persönliche Schicksale. Viele Menschen tolerieren aufgrund äußerer Zwänge Dinge, die sie moralisch zweifelhaft finden, und stehen irgendwann vor der Frage: Wie weit mache ich da noch mit? Von außen lässt es sich so leicht sagen: Hättest du doch nicht geschwiegen! Hättest du doch mit der Presse gesprochen! Es spielt auch eine Rolle, welche individuelle Schuld den einzelnen Akteuren zuzuordnen ist. Wie verorten wir den kaufmännischen Leiter ethisch-moralisch, der ständig Kostendruck ausübt? Der Mann sagt natürlich nicht: Ich verlange von euch, dass ihr im keimverseuchten OP-Saal operiert! Da ist viel Graubereich im Spiel und wenig schwarz-weiß.

"Götter in Weiß" ist ihr erstes Drehbuch. Sie sind gleich ganz oben – beim Filmmittwoch im Ersten – eingestiegen.

Es ist wirklich gut gelaufen. Mit Jörg Tensing hatte ich auch einen erfahrenen Koautor an meiner Seite. Ich habe die Geschichte an der Drehbuchwerkstatt München entwickelt. Kurz nach dem öffentlichen Pitching im Rahmen des Filmfests rief mich NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve an und fragte, ob ich schon einen Sender und einen Produzenten habe. Die Drehbuchwerkstatt kann ich jedem nur ans Herz legen. Man trifft sich regelmäßig in Kolloquien mit zehn gestandenen Betreuern, um zu besprechen, wie die Bücher vorankommen. Man lernt seinen Stoff kennen und konstruktiv darüber zu streiten. Es hagelt teils harsche Kritik. Aber man entwickelt ein dickes Fell und nimmt nicht mehr alles so persönlich. Dazu schult es ungemein im ökonomischen Schreiben, in der Fähigkeit, jeden Satz rechtfertigen zu können, der später am Set eine Menge Geld kostet. Hoffentlich werde ich noch öfter im Mittwochabendbereich landen, wo gesellschaftlich relevante Film gezeigt werden. Da zieht es mich thematisch am meisten hin.

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