Gespräch mit Claudia Michelsen

"Eine meiner schönsten Arbeiten der letzten Jahre"

Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) und Franziska Wagner (Anneke Kim Sarnau)
Szenenbild aus dem Film: Claudia Michelsen mit ihrer Kollegin Anneke Kim Sarnau

Sie spielen eine Ärztin, die sich ganz allein gegen die Missstände in ihrer Klinik auflehnt. Woher nimmt die Frau den Mut dazu? Was treibt sie an?

Wahrscheinlich hat sie nicht genau hingeschaut oder sogar weggeschaut, aus Bequemlichkeit, aus Angst. Unbewusst oder auch bewusst tun wir das doch alle immer wieder.

Gibt es einen Erweckungsmoment, in dem die Ärztin erkennt: Ich muss etwas dagegen tun?

Es gibt für mich mehrere Momente in dieser Geschichte, die die Figur zu dieser bedingungslosen Konsequenz führen. Natürlich angefangen mit der Verantwortung diesem Kind gegenüber und dann die innere Notwendigkeit, sich verhalten zu müssen. Der Zweifel ist in dem Fall der erste große Partner.

Die Ärztin wird zur Heldin, zugleich wirkt sie zart und zerbrechlich. Selbstzweifel nagen an ihr. Wie haben Sie die Figur angelegt? Ist sie eine große Idealistin?

Es fällt mir schwer zu erklären, wie ich ein Bild einer Figur male oder anlege – das überlasse ich gern der Fantasie der Zuschauer. Ich bin natürlich auch sehr abhängig von Buch, Regie und Kamera. Was sind die Vorgaben, wie weit kann ich gehen trotz Vorlage? Wie weit entwickelt die Regie im besten Falle eine gemeinsame Neugier mit mir? Es war ganz wunderbar mit Elmar Fischer: eine meiner schönsten Arbeiten der letzten Jahre.

War es Ihnen wichtig, der Heldenfigur eine möglichst große Natürlichkeit zu verleihen?

Ja, vielleicht war es das. Sie ist eine unaufgeregte, uneitle Frau, die für mich etwas sehr Zurückgenommenes und Zartes hat. Vielleicht nennen wir das dann Natürlichkeit.

Haben Sie selber Recherchen zu den Arbeitsumständen in Krankenhäusern betrieben?

Ich habe mehrmals mit einer praktizierenden Chirurgin gearbeitet, das war sehr wichtig und hilfreich für mich.

Ist es in Ihren Augen kriminell, wie sich Ärzteschaft und Management der Klinik verhalten?

Es ist mehr als das. Es ist im höchsten Maße unverantwortlich, in dieser Form mit dem Leben von Menschen umzugehen, die um Hilfe bitten und vertrauen wollen. Aber was treibt das Gesundheitswesen in diese Situation, in einem Land wie unserem?

Würden Sie die Ärztin eine Whistleblowerin nennen? Übt sie Verrat an ihrem Arbeitgeber?

Sie übt keinen Verrat mehr am Menschen, am Patienten. Ich denke, das ist das einzig Wichtige für sie.

Zahlt die Ärztin – so wie viele Whistleblower – einen hohen Preis dafür, dass sie den Skandal aufdeckt und öffentlich macht?

Ja natürlich, sie verliert ihre Arbeit. So ist das, wenn man gegen profitbringende Regeln verstößt. Haltung zu zeigen, ist einfach nicht mehr erwünscht.

Hat die Ärztin am Ende Ihre Freiheit wiedergefunden, indem sie Verantwortung für ihr Handeln übernimmt?

Ich würde sagen, ja. Aber der Preis dafür war sehr hoch. Insofern bräuchte es eigentlich ein weiteres Kapitel, um genau zu erfahren, wie es ihr jetzt geht. Das überlassen wir nun ihrer Fantasie.

Gibt es in der Film- und Fernsehindustrie vergleichbare systemische Zwänge, denen sich die Akteure unterordnen und die womöglich im Widerspruch zu ihren Idealen stehen?

Das ist schwer zu vergleichen, da es hier um Menschenleben geht. Es wäre ein anderes Gespräch. Aber sicherlich auch spannend und notwendig.

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