Gespräch mit Dr. Christian Handrock

"Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis es zu einem Umdenken kommt"

Gespräch mit "Götter in Weiß"-Fachberater Dr. Christian Handrock, bis 2015 im Vorstand der Berliner Ärztekammer. Heute arbeitet Handrock als niedergelassener Arzt in einer gynäkologischen Praxis in Berlin-Kladow.

Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen) und ein Kollege
Szenenbild aus dem Film.

Die Hauptursache für die Verbreitung gefährlicher Krankenhauskeime ist mangelnde Hygiene. Das ist seit Jahrzehnten bekannt. Warum gelingt es nicht, die Missstände zu beseitigen?

Anfang der 90er-Jahre haben die Kommunen damit begonnen, ihre Krankenhausbetriebe zu privatisieren. Einrichtungen der Grundversorgung wurden in Profitcenter umgestaltet. Das ist der entscheidende Sündenfall gewesen. Gekoppelt wurde das Ganze an ein neues Abrechnungssystem: Krankenhäuser wurden nicht länger nach der Zahl der Liegetage entlohnt, die ein Patient bei ihnen verbrachte, sondern nach Fallpauschalen pro Patient und Prozedur. Im Zentrum des Interesses der ökonomischen Leitung der Krankenhäuser steht die Erzielung von Gewinn und nicht die bestmögliche Gesundheitsversorgung. Es handelt sich aus meiner Sucht um eine eklatante Fehlentwicklung. Und es ist dringend an der Zeit, eine Korrektur vorzunehmen.

Wie wirkt sich die Gewinnorientierung im Alltag einer Klinik aus?

Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Eine Krankenschwester, die ich kenne, musste sich in einer Berliner Klinik stationär behandeln lassen und bat ihre Mutter, ihr Bett und den Nachttisch noch einmal gründlich mit Desinfektionsmittel zu reinigen. Denn die Putzkolonne, die vorher da durchgegangen war, hat mit einem einzigen Putzlappen drei Zimmer hintereinander gewischt. Auch das Reinigungspersonal steht unter einem hohen Kostendruck.

Im Film wird den Patienten gegen ihr Wissen ein Antibiotikum verabreicht, weil der Operationssaal keimverseucht ist. Ist dieses Szenario realistisch?

Durchaus üblich ist eine One-Shot-Antibiotika-Vergabe, wenn Sie unter der Operation feststellen, dass ein erhöhtes erhöhtes Infektionsrisiko vorliegt. Man hat die Erfahrung gemacht, dass es unter dem Strich den Patienten mehr nützt als schadet. Im Film liegt der Fall aber etwas anders. Wegen des Problems eines OP-Saals werden allen Patienten, die dort operiert werden, prophylaktisch Antibiotika gegeben. Das ist Ausdruck eines kriminellen Komplotts. Ärzte und Klinikbetreiber wissen von dem untragbaren Zustand dort und versuchen ihn zu vertuschen. Der Krimi spitzt das Problem zu, um es deutlich zu machen. Das finde ich legitim. In Deutschland hat es im Übrigen tatsächlich Fälle gegeben, in denen die Ausbreitung lebensbedrohlicher Keime verschleppt und verheimlicht worden ist. Die Rahmenbedingungen, unter denen Krankenhäuser heute stehen, tragen dazu bei, dass solche Missstände in einigen Fällen wohl unter den Teppich gekehrt werden, so wie im Film dargestellt.

Welches Verhalten wäre korrekt gewesen?

Wenn sich ein multiresistenter Keim erst einmal festgesetzt hat, bleibt nichts anderes übrig, als den OP-Saal zu schließen. Um dann zu entscheiden: Können wir den Saal überhaupt noch betreiben, oder ist der Abriss unvermeidlich? Finanziell bedeutet die Schließung in jedem Fall einen Riesenverlust. Das macht der Chefarzt im Film auch unmissverständlich klar. Ein kleines Krankenhaus mit 400 Betten müsste vielleicht sogar komplett zumachen, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr trägt.

Wie viele Menschen sterben im Jahr an einem multiresistenten Erreger?

Schätzungen gehen von 15000 Toten in Deutschland aus. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Kliniken führen Statistiken über ihre operativen Eingriffe und nehmen hin und wieder eine Verifizierung der Daten vor. Bei Gallenblasenentfernungen zum Beispiel mussten viele der Todesfälle neu bewertet werden.

Brauchen wir mehr Personal in den Krankenhäusern, um das Infektionsrisiko einzudämmen?

Wir erleben im pflegerischen Bereich eine unendliche Arbeitsverdichtung. In den 50er-Jahren hatten wir einen Pflegeschlüssel von einer Schwester auf fünf Patienten. Heute kümmert sich eine Schwester um 20 Patienten. Viele Pfleger sind verzweifelt, weil sie ihre Arbeit bestmöglich erledigen wollen, was ihnen unter den Bedingungen einer ökonomisierten Medizin aber nicht gelingen kann. Auch die Ärzte stehen unter einem erheblichen Zeitdruck. Die Qualität der Operateure wird unter anderem nach der Schnitt-Naht-Zeit bewertet, das heißt, je schneller Sie operieren, desto mehr Bewertungspunkte erzielen Sie. Ein weiteres Problem ist der Ärztemangel. Daher werden Ärzte aus anderen Ländern eingestellt, die der deutschen Sprache zum Teil nicht mächtig sind. Das hat schon zu Todesfällen geführt. Wenn der Arzt nicht versteht, was der Patient sagt, kann er auch nicht richtig handeln.

Wie ist das Problem mangelnder Krankenhaushygiene zu lösen?

Indem man das System wieder vom Kopf auf die Füße stellt. Das Gesundheitswesen muss wieder Teil unserer Grundversorgung werden. Ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich arbeite seit 40 Jahren in der Gynäkologie und habe schon viele Paradigmenwechsel erlebt. Die Probleme sind allfällig bekannt und die Fachleute haben es trefflich formuliert. Ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis es zu einem Umdenken kommt.

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