Gespräch mit Elmar Fischer

Regisseur Elmar Fischer

Dr. Anna Hellberg (Claudia Michelsen)
Szenenbild aus dem Film: Das Ärzteteam operiert.

Elmar Fischer ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München. Von 1992 bis 2000 arbeitete er als Autor für verschiedene Tageszeitungen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Münchener Abendzeitung) und als Fernsehjournalist. 1995 gründete er die "hier & jetzt Film- und Fernsehproduktions GmbH" und fungierte bis 2000 als Geschäftsführer und Redaktionsleiter. Dabei konzipierte und realisierte er Reportagen, Unterhaltungssendungen und Dokumentationen. 2001/2002 war er Produzent und Leiter der Entwicklungsredaktion von jetzt:film, einer TV-Reihe vom Jugendmagazin "jetzt" der Süddeutschen Zeitung. 2002 realisierte er mit "Fremder Freund" seinen ersten Kinofilm (das Drehbuch schrieb Fischer gemeinsam mit Tobias Kniebe), der mit dem First Steps Award, dem Publikumspreis beim 14. FilmKunstfest Schwerin und dem 1. Preis im Internationalen Wettbewerb beim Filmfestival Terra de Siena, Italien, ausgezeichnet wurde. Es folgten zahlreiche Fernsehfilme u. a. für die Reihen "Bloch", "Tatort" und "Der Kriminalist". 2010 entstanden der mehrfach nominierte Fernsehfilm "Im Dschungel" und der Kinofilm "Offroad" (Buch u. Regie, Ko-Autorin: Susanne Hertel). Der Thriller "Unterm Radar" (Regie u. Buchbearbeitung) von 2015 wurde mit dem Hamburger Krimipreis und der Goldmedaille beim York World’s Best TV & Films ausgezeichnet und war für den Grimme-Preis nominiert. Hauptdarstellerin Christiane Paul gewann für ihre Interpretation den International Emmy Award 2016. Aktuelles Projekt ist die NDR "Tatort"-Folge "Borowski und das Haus der Geister" (2017).

"Meine Hoffnung wäre es, dass der Zuschauer sagt: Das kenne ich, das ist bei uns genauso!"

Sie zeigen in "Götter in Weiß" ein differenziertes Ärztebild, Hauptfigur Anna Helwig ist eine ambivalente Heldin. Was treibt Anna an?

Ihre moralische Haltung und ihre starke Persönlichkeit. Sie hat etwas Rebellisches. Im Grunde erzählen wir eine klassische Heldengeschichte: Eine Frau ist in einen Sumpf geraten und zieht sich am eigenen Schopf heraus, um die Dinge für die Allgemeinheit wieder in Ordnung zu bringen. Claudia Michelsen hat die Figur allerdings ganz zart, an vielen Stellen fragil angelegt. Sie hat den rebellischen Charakter nicht übertrieben, sondern unterschwellig spürbar werden lassen. Das finde ich sehr spannend. Wir haben in der Drehbuchphase intensiv daran gearbeitet, dass es für die Ärztin nicht zu einfach sein darf, wenn sie etwas bewegen will. Dass sie eine Menge zu verlieren hat: ihre berufliche Existenz, ihre Ehe, die Zukunft ihres manchmal verhaltensauffälligen Sohnes. Anna muss einen hohen Einsatz bringen, um ihrer Moral zu genügen. Sobald sie den Finger in die Wunde legt, gerät sie auf die Abschussliste.

Was zeichnet Claudia Michelsen aus?

Obwohl sie die Dinge beim Spielen sehr reduziert angeht, entfaltet sie eine wahnsinnig intensive Wirkung. Das ist sicherlich ihr Markenzeichen. Wie sie die Szenen durchdringt, ist für mich die hohe Kunst. Es ist unser zweiter gemeinsamer Film. Nie habe ich erlebt, dass sie in irgendeiner Form "overacten" würde. Sie ist immer glaubwürdig. Man geht mit ihr mit, man glaubt an sie. Sie trägt diesen Film und seinen Spannungsbogen auf ihren Schultern.

Sie erzählen die Geschichte wie einen amerikanischen Thriller: Die Heldin kämpft im Innern gegen eine kriminelle Organisation an ...

Ich bin ein großer Fan von Sydney Pollack. Seine Filme inspirieren mich. Sie dienten mir aber nicht als Vorlage. Wir haben im Vorfeld überlegt, welche Krankenhaus- Thriller gibt es überhaupt? Dabei fielen uns eher Filmbeispiele ein, von denen wir uns entfernen wollten, auch wenn sie zum Teil gut gemacht waren. Zugleich wollten wir weg von der allzu bekannten Krankenhausästhetik der Fernsehserien.

Wie erzählt man emotional, wenn der Hauptschurke, der Keim, winzig klein und unsichtbar ist?

Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man ihn visualisieren kann. Bis wir auf den Gedanken gekommen sind, dass er überhaupt nicht der Bösewicht ist. Dafür ist der Keim in seinen Handlungsmöglichkeiten viel zu beschränkt. Er ist seit Jahrzehnten einfach da. Ein Störenfried, der nicht ins System passt. Er ist nicht der Schurke, das wäre zu banal. Es geht doch um Akteure, um Mediziner und Manager, die miteinander ringen, weil sie mit dem Keim nicht umzugehen wissen. Das ist viel spannender zu sehen, als einen Keim unter dem Mikroskop zu beobachten. Oder ihn durch die Luft fliegen zu lassen.

Anneke Kim Sarnau spielt die OP-Schwester Franziska. Sie tritt auf und man denkt sofort: Besser kann man die Rolle nicht besetzen.

Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, ein dreiviertel Jahr vor Beginn der Dreharbeiten, war für mich klar: Anneke Kim Sarnau muss diese Rolle spielen. Anneke ist ein sehr kraftvoller Mensch. Sie verfügt über eine enorme Körperspannung. Man fühlt sich sicher bei ihr und spürt, dass sie Patienten Schutz geben kann. Sie strahlt im Film auf eine sehr natürliche Weise aus, dass sie nur das Beste will und in ihrem Beruf genau das tut, was sie immer schon immer machen wollte. Es ist faszinierend, wie emotional und ernsthaft sich Anneke ihre Rollen erarbeitet, wie sie in die Biografie, das Umfeld und die Motivation einer Figur hineingeht und alles auf eine sehr plastische Art vermittelt. Auch in dieser Rolle ist es ihr großartig gelungen.

Jedes Jahr sterben in deutschen Krankenhäusern Zehntausende Menschen an Keimen, die gegen Antibiotika resistent sind. Warum ist das Problem nicht in den Griff zu bekommen?

Ich habe bei der Recherche mit Fachleuten gesprochen, Zeitungsartikel über Hygiene-Skandale gelesen und Krankenhäuser besucht. Es mangelt nicht an Problembewusstsein, im Gegenteil: Die meisten Ärzte haben eine klare Vorstellung davon, wie die Gefahren zu beseitigen sind. Was fehlt, ist das nötige Geld, um die Standards anzuheben und die Risiken auf ein Minimum zu reduzieren. Im Film sagt unser Chefarzt Dr. Barna: Ich kann das Krankenhaus nicht mehr halten, wir müssen schließen. Leute wie Barna müssen heute auch die Zahlen und Bilanzen einer Klinik im Blick haben. Geht man davon aus, dass Krankenhäuser mit weniger als 400 Betten langfristig finanziell nicht überlebensfähig sind, dann ist es verständlich, dass er überlegt: Wo kann ich sparen, um den Betrieb möglichst lange aufrechtzuerhalten? Unbestritten geht er falsche Risiken ein und bringt seine Patienten in Gefahr, aber seine Ausgangsposition ist erst einmal vertrackt.

Ein Mädchen stirbt beinahe nach einer OP in einem keimverseuchten Saal, dessen Schließung sich das Krankenhaus nicht leisten kann. Ist der Sparzwang schuld am Zustand der Patientin, oder ist der Chefarzt dafür verantwortlich?

Das geht Hand in Hand. Natürlich gibt es systemische Zwänge. Aber die interessante Frage ist, wie geht man mit diesen Zwängen um? Passt man sich dem System an oder versucht man, die Umstände seiner eigenen Haltung anzupassen? Es ist ein grundsätzliches Problem, vor dem wir in unserer Gesellschaft stehen, in der Medizin sind die Folgen nur besonders schlimm. In vielen Bereichen werden berufliche Standards abgeschmolzen, um sie profitabel oder rentabler zu machen. Es muss immer schneller, immer billiger und immer sicherer gehen, ungeachtet dessen, dass die drei Aspekte sich womöglich gegenseitig ausschließen.

Du sollst deinen Patienten nicht schaden, heißt es in der medizinischen Ethik. Sind die Kliniken zu schlecht ausgestattet, um dieser Richtlinie noch folgen zu können?

Ja, das ist die Fläche, auf der wir uns im Film bewegen. Darunter ist aber viel mehr verborgen. Meine Hoffnung wäre es, dass der Zuschauer, egal ob er als Arzt, Busfahrer oder Journalist arbeitet, sagt: Das kenne ich, das ist bei uns genauso! Auch wir bauen immer mehr Personal ab, auch wir fahren immer längere Schichten und halten immer seltener Sicherheitsstandards ein. Insofern beansprucht unser Film Allgemeingültigkeit.

Verhalten sich Ärzte und Klinikleiter kriminell?

Steht nicht jedem Einzelnen die Entscheidung frei, passe ich mich an oder lehne ich mich auf?Sie verhalten sich kriminell, weil die Umstände sie dazu treiben. Ihr Handeln ist alles andere als akzeptabel, aber ich kann nachvollziehen, aus welcher Not heraus sie agieren.

Steht nicht jedem Einzelnen die Entscheidung frei, passe ich mich an oder lehne ich mich auf?

Absolut. Eine Filmszene liegt mir sehr am Herzen, die fast beiläufig daherkommt. Die Ärztin Anna und die OP-Schwester Franziska paddeln mit dem Kajak über den See. Anna sagt, es wird Jahr für Jahr schlimmer, aber wir merken es nicht, weil die Schraube jedes Jahr nur einen Millimeter angezogen wird. In diesem Moment wacht sie auf und erkennt, das System hat sie nach und nach konform und korrupt gemacht. Die Grenze ist überschritten, und sie fasst den Entschluss, etwas gegen die Missstände zu tun. Anna widersetzt sich, andere schaffen es nicht. Ihre Freundin Franziska hat Existenzsorgen und als alleinerziehende Mutter große Angst, ihren Job zu verlieren. Annas Ehemann wägt seine zwei Möglichkeiten vergleichsweise nüchtern ab: Entweder kämpfe ich gegen das System an und setze meine Karriere aufs Spiel, oder ich arrangiere mich und führe ein wohlhabendes Leben. Er entscheidet sich in gewisser Weise egoistisch.

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