Gespräch mit Carlo Ljubek

Sascha (Carlo Ljubek) behauptet, dass auch er bei der Loveparade-Katastrophe dabei war, mittendrin, auf der Rampe.
Sascha behauptet, dass auch er bei der Loveparade-Katastrophe dabei war, mittendrin, auf der Rampe.

Wie haben Sie sich der Figur Sascha angenähert?

Der Ansatz, der mich sehr interessiert hat, war die Frage, wie sich das Wissen, sich schuldig gemacht zu haben, auf die Psyche von Menschen – in diesem Fall von Sascha – auswirkt. Inwieweit man sich schuldig fühlt, wie man mit den Konsequenzen der Schuld umgeht, ob man die Schuld annehmen kann. Sascha hat seine Familie verlassen, kerkert sich in seiner Wohnung ein, nimmt mit einer Kamera in seinem Taxi Menschen auf und glaubt, dass ihm das alles irgendwie hilft; dass er eine Scheinwelt aufbauen kann, um dem permanenten Gefühl der Schuld zu entfliehen. Aber dieses Gefühl lässt sich nicht dauerhaft beiseiteschieben. Und dann taucht Antonia auf, und mit einem Mal sind all die Barrikaden, die Sascha um sich errichtet hat, nicht mehr zu halten.

Es hat dabei wahrscheinlich sehr geholfen, dass Sie sich gut verstanden haben.

Ich weiß gar nicht, ob das so wichtig ist. Man kommt auch zu einem Ergebnis, wenn man sich nicht so gut versteht. In erster Linie geht es um die Sache, die Geschichte und um jede Situation, die man erzählen will. In unserem Fall war es so, dass wir ein sehr gutes Verhältnis hatten und ich mich von Jella und Nicole menschlich und künstlerisch beschenkt gefühlt habe. Zusammen haben wir eine Vertrauensbasis geschaffen, welche einen nicht zögern ließ, über Grenzen zu gehen, sich gegenseitig zu fördern und alles Ausgedachte beiseite zu legen. Das hatte auch mit Alexander Fischerkoesen, dem Kameramann, und anderen Menschen am Set zu tun, die nicht so sehr öffentlich in Erscheinung treten. Zum Beispiel mit Anselmo Antonello Di Meo, der die Garderobe mitbetreut hat und immer wie ein kleiner Schutzengel um uns herum war, um auf uns aufzupassen und uns aufzufangen. Da entsteht dann so eine kleine künstlerische Welt für sich.

Was hat Sie in dieser kleinen Welt besonders herausgefordert?

Sascha hält sich ja ganz lange zurück, versteckt sich hinter der Fassade des Taxifahrers und redet kaum – erst recht nicht über sich. Gleichzeitig sucht er aber die Nähe und den Kontakt zu Antonia. Die Herausforderung bestand darin, der Figur in dieser Stille etwas Aktives mitzugeben; diese scheinbare Passivität, das In-sich-Gekehrte dieser Rolle einen aktiven Prozess durchlaufen zu lassen.

Zieht sich eine solche Annäherung an eine Figur durch den gesamten Dreh?

Ja, in diesem Fall geht das nicht anders. Auch mal mit Meinungsverschiedenheiten, auch mal mit einer Suche, die sich vielleicht zunächst ein wenig verläuft. Aber das meinte ich vorhin: Wenn man Menschen um sich hat, denen man auf einer persönlichen Ebene und auch künstlerisch vertraut, dann ist die Furcht des Scheiterns nicht mehr so groß. Das Scheitern erlaubt man sich dann einfach und hat damit überhaupt kein Problem. Aus dem Scheitern kann auch wieder etwas Neues entstehen.

Gehörte es auch zu Ihrer Vorbereitung, sich mit der Katastrophe von 2010 auseinanderzusetzen?

Ja. Dem muss und will man sich stellen. Allein aus Respekt gegenüber all den betroffenen Menschen dieser geschehenen Katastrophe. Es gab jedoch den Punkt, an dem ich die Bilder und Aufnahmen, welche uns zur Verfügung standen, diese Schreie, nicht mehr hören, sehen und aushalten konnte. Das Unglück vom 24. Juli 2010 war immer gegenwärtig. Das hat uns den ganzen Dreh begleitet und darüber hinaus beschäftigt. Und wenn man dann durch diesen Tunnel geht und zu der Gedenkstätte kommt, dann wird man dermaßen von der Realität eingeholt… dafür findet man schwer Worte. Wir haben versucht, diesem Thema und den Menschen, die bei dem Unglück umgekommen sind, Angehörige verloren haben, oder mit den Folgen der Katastrophe weiterleben, mit höchstem Respekt zu begegnen. Ich spüre eine solche Wut gegenüber den Menschen, die es bis heute nicht schaffen, ‚Entschuldigung‘ zu sagen.

Kann man denn einen Menschen spielen, auf den man wütend ist?

Ihre Frage beantwortet sich von selbst. Spielen kann man. Will man. Wie Kinder Sandburgen bauen und sie wieder eintreten und von vorne beginnen. Schauspieler recherchieren, suchen, spielen, verkörpern, leihen, wissen um ihr Handwerk und sind auf der Suche nach dem magischen Denken und Erleben, welches Kinder bis zum sechsten Lebensjahr besitzen. Bei "Das Leben Danach" war der Ansatz, mich grundsätzlich dem Thema Schuld zu stellen. Ob Sascha wirklich schuld daran ist, dass so viele Menschen umgekommen sind, ob es auch ohne ihn genau so passiert wäre oder seine Entscheidung keinen Einfluss hatte – das weiß man nicht. Sicher ist nur, dass ihn das Gefühl, schuldig zu sein, immer begleiten wird. Denn ein bisschen schuldig gibt es nicht.

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