Gespräch mit Jella Haase

Auch sieben Jahre nach der Katastrophe ist Antonia (Jella Haase) immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen.
Auch sieben Jahre nach der Katastrophe ist Antonia immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen.

Was war für Sie die größte Herausforderung bei diesem Film?

Mich dem Trauma meiner Figur zu widmen, das sich zum Beispiel durch Panikattacken äußert.

Und wie haben Sie es geschafft?

Gute Frage! Ich hoffe, dass ich es geschafft habe, sag ich mal so. Ich habe mir im Vorhinein einen Coach zu Hilfe genommen und mich mit der Trauma-Therapeutin Sybille Jatzko getroffen. Sie hat mir erst einmal erklärt, was während der Panikattacken bei einer traumatisierten Person im Gehirn passiert, eben ausgelöst durch eine vorangegangene Todesangst. Ein Überlebenskampf. Ich hatte wahnsinnig großen Respekt, mich diesem Thema anzunähern, mich dem zu widmen und dem gerecht zu werden. Habe ich bis heute.

Sie selbst haben eine vergleichbare Situation noch nie erlebt?

Zum Glück nicht. In dem Gespräch mit Sybille Jatzko fiel ein Satz, der mich sehr berührt und geleitet hat: Für einen traumatisierten Menschen ist das Gefühl der Sicherheit auf dieser Welt verloren gegangen. Ich habe mich gefragt, was das für mich bedeuten würde, was mir die Sicherheit auf dieser Welt nehmen könnte. Ich glaube, dass ich ein großes, wenn nicht sogar kindliches Vertrauen ins Leben besitze. Jemanden zu spielen, dem dieses Vertrauen abhanden gekommen ist, und der auch dadurch ausgelöst ein komplett destruktives Verhalten an den Tag legt, war für mich eine absolute, intensive und sehr aufreibende Herausforderung.

Klingt schwierig…

Es war auf jeden Fall eine Reise. Wenn man sich mit so intensiven Themen und Ängsten befasst, dann öffnet man immer seine Seele. So geht es zumindest mir. Ich habe beim Drehen dann bemerkt, wie angespannt ich war, auch körperlich. Abends musste ich oft laufen gehen, um den Druck, die permanente körperliche Anspannung, die meine Figur verspürt, irgendwie abzubauen.

Haben Sie eigentlich direkt verstanden, warum sich Ihre Figur so destruktiv verhält?

spannend und interessant, aber ihr Verhalten war mir auch sehr fremd. Im Laufe des Drehs ist sie mir dann näher gekommen. Ich musste erst begreifen, was es bedeutet, nicht einfach in einen Laden hineingehen und eine Arbeit annehmen zu können, ohne Gefahr zu laufen, wieder eine Panikattacke zu durchleben, ausgelöst durch ganz einfache Trigger wie in Antonias Fall die Farbe Rosa oder das Erklingen des Martinshorn. Ebenso musste ich verstehen lernen, was es bedeutet, jemand anderen möglicherweise tot getreten zu haben. Und dieser Form von Trauma ein Ventil zu geben. Wirklich komplett erschlossen hat sich Antonia mir aller- dings erst, als ich jetzt den fertigen Film gesehen habe, also die einzelnen Szenen im Zusammenhang. Hatte ich so vorher auch noch nicht.

Ist bei solch fordernden Dreharbeiten auch die Zusammenarbeit mit den anderen Schauspielern besonders intensiv?

Mit Carlo Ljubek war das von Anfang an so. Wir haben uns vor den Dreharbeiten gemeinsam mit Regisseurin Nicole Weegmann getroffen und stundenlang über das Buch und unsere Figuren geredet. Das hat auch während des Drehs nicht abgenommen. Das war ganz essentiell, und ich bin wahnsinnig dankbar für diese Arbeit. Ich glaube, indem wir uns nichts geschenkt haben, haben wir uns wahnsinnig viel geschenkt. Ich glaube sagen zu können, dass wir uns permanent mit Themen wie Schuld, Trauma, Liebe auseinandergesetzt und dadurch nie den einfachen Weg gewählt haben. Wir wollten unseren Figuren immer gerecht werden, und das haben wir mit aller Hingabe getan. Es war eine ständige Suche, die zwar sehr anstrengend, aber unbedingt nötig war. Die Idee von den Drehbuchautoren Eva Zahn und Volker A. Zahn, die während der Drehbesprechung geäußert wurde, Liebe könne alles, war ein Leitfaden, an dem ich mich hinsichtlich der Beziehung von Sascha und Antonia entlang hangeln konnte. Aber auch die Zusammenarbeit mit Martin Brambach, Christina Große, Jeremias Meyer und Anna Drexler war toll. Über die zerrütteten Beziehungen zu den Figuren in Antonias Leben lässt sich begreifen, was für weite Kreise ein Trauma zieht.

Der Ausgangspunkt der Geschichte, die Katastrophe, ist real. War das für Sie belastend?

Natürlich war es sehr aufreibend, beispielsweise durch den Tunnel in Duisburg zu laufen, die an den Wänden aufgemalten Silhouetten der Menschen zu sehen und sich vorzustellen, was hier vor sieben Jahren passiert ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich während des Drehs an meine Grenzen komme. Um sich einer solchen Geschichte angemessen zu nähern, muss man dafür aber, denke ich, bereit sein.

Sie spielen oft extreme und intensive Rollen.

Entscheidend ist für mich, ob das Drehbuch eine Geschichte erzählt, die ich auch erzählen möchte. Es ist aber schon so, dass mich die extremen Rollen reizen. Und ich habe das Glück, dass so viele intensive Rollen an mich herangetragen werden.

Gleichzeitig spielen Sie aber auch die Chantal in "Fack ju Göhte", noch in diesem Jahr kommt der dritte Teil in die Kinos. Ist das etwas Besonderes, so unterschiedliche Figuren spielen zu können?

Ich finde, dass Tragik und Komik ganz nah beieinander liegen und auch in einer tragischen Figur ganz viel Komik verborgen sein kann und umgekehrt. Auch Chantal hat eine tragische Seite. Deswegen finde ich es eigentlich nicht so besonders. Ich bin einfach dankbar, dass ich das machen kann.

Sogar in "Das Leben Danach" gibt es witzige Dialoge.

Absolut! Das war auch für uns ganz, ganz wichtig bei so einem heftigen Stoff. Wenn alles nur tragisch ist, ist es kaum aushaltbar. Man muss eine gewisse Leichtigkeit mit reinbringen.

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