Gespräch mit Sybille Jatzko und Dr. med. Hartmut Jatzko

Therapeutin und Arzt für Innere Medizin

Als Antonia (Jella Haase) Sascha (Carlo Ljubek) als Lügner enttarnt, wird er zum Ziel ihrer destruktiv tobenden Energie.
Als Antonia Sascha als Lügner enttarnt, wird er zum Ziel ihrer destruktiv tobenden Energie.

Ihre Hilfe war unter anderem nach der Ramstein-Katastrophe 1988, nach dem Tsunami 2004 und eben nach der Loveparade 2010 gefragt. Was genau war dort Ihre Aufgabe?

Hartmut Jatzko (HJ): Wir haben mit unserer Nachsorge nach der Ramstein-Katastrophe begonnen. Die Erkenntnisse, die wir damals gesammelt haben, ließen uns seitdem in allen anderen größeren Schadensereignissen tätig werden

Sybille Jatzko (SJ): Die Hilfen, die in solchen Fällen geleistet werden müssen, sind umfangreich und langwierig. Nach der Loveparade übernahm ich die psychologische Ombudsfunktion. Damals entstand eine Hotline sowie eine Mail-Beratung. Zudem vermittelte ich Einzeltherapien und Klinikaufenthalte. Von der Stiftung Notfallseelsorge wurden die Nachsorgegruppen organisiert. In diesemTeam habe ich viele traumatisierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Loveparade betreut. Zu unseren Aufgaben gehörte es auch, die Hinterbliebenen an den Unglücksort zu begleiten und die Gedenkfeier mitzugestalten. Unter anderem haben wir versucht, mit den Traumatisierten den "Ort des Überlebens" zu finden. Überlebende wollten dort mit den Hinterbliebenen zusammenkommen, um den Angehörigen mitzuteilen, was sie von den später Verstorbenen noch wahrgenommen haben – letzte Worte, letzte Aktionen.

Wie wichtig ist es, dass sich die betroffenen Menschen in einer Gemeinschaft zusammenfinden?

HJ: In so einer Schicksalsgemeinschaft haben die betroffenen Menschen die Möglichkeit, an alle wichtigen Informationen zu kommen. Sie stützen sich gegenseitig und machen die Erfahrung, Helfer für andere Menschen sein zu können. Das Gefühl, mit ihrer Erfahrung nicht alleine zu sein, entlastet viele Betroffene nachhaltig. Es ist zudem wichtig, Orte des Gedenkens zu finden und zu gestalten. Auch das funktioniert am besten in der Gemeinschaft.

Sind Ihnen Überlebende begegnet, die ähnliche Verhaltensweisen wie Antonia aufweisen, die Hauptfigur aus "Das Leben Danach"?

SJ: Ja. Uns sind Frauen und Männer bekannt, die mit vergleichbaren Symptomen zu kämpfen hatten.

Wie erklärt sich Antonias destruktives Verhalten?

SJ: Nach einem traumatischen Erlebnis verliert man seine Lebenssicherheit. Alle nun wahrgenommenen Symptome sind neu. Viele können mit dieser Veränderung nicht umgehen und erleben sie als Kränkung. Ihr Leben und ihre eigene Persönlichkeit sind nicht mehr so wie vor der Katastrophe. Damit verlieren die Betroffenen ihre Orientierung. Die Zeit des Erwachsenwerdens wird dadurch deutlich erschwert.

HJ: Die Erfahrung, dass diese Veränderung von vielen nicht verstanden und das Leid nicht gehört wird, kann unkontrollierte Wut und Fehlverhalten auslösen. Besonders dann, wenn für diese Trauma-Erfahrung ein Mensch verantwortlich gemacht wird. Der Kontrollverlust und die Unfähigkeit, Gefühle nicht mehr beherrschen zu können, gehören zu den Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS. Ist ein Flashback besonders heftig, neigen Traumatisierte dazu, Drogen zu nehmen und viel Alkohol zu trinken, um die Bilder von ihren Erlebnissen im Kopf zu beseitigen.

Ist es schwierig, an derart traumatisierte Menschen heranzukommen?

SJ: Traumatisierte Menschen versuchen meistens, erst einmal mit der veränderten Situation alleine klar zu kommen. Nimmt die Symptomatik zu, haben sie häufig das Gefühl, verrückt zu werden. Wenn das persönliche Leid größer wird, können sie sogar zu einer Gefahr für sich selbst und andere werden.

HJ: Mit einer erfolgversprechenden Therapie kann erst dann begonnen werden, wenn man die Betroffenen darüber aufgeklärt hat, dass es sich dabei um eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis handelt.

Wie können Freunde und Familienangehörige diesen Menschen helfen?

SJ: Keine Vorurteile entwickeln und nicht beschwichtigen. Den Menschen in seinem Leid hören und ihn motivieren, Hilfe anzunehmen. An der Seite eines betroffenen Menschen stehen, ganz gleich, wie schwierig er sich auch verhalten mag. Angehörige sollten sich über dieses Störungsbild informieren, da es häufig nicht verstanden wird.

Wie viel ist im Leben danach noch vom Leben davor übrig?

HJ: Betroffene drücken es selber häufig so aus: "Nichts ist mehr so, wie es vorher war." Sie empfinden ihr gesamtes Leben durch das Ereignis verändert. Erst in langen therapeutischen Interventionen kann das traumatische Erleben in die Zukunft integriert werden. Erfolgt eine Persönlichkeitsreifung, ist es möglich, dass ein traumatisches Ereignis eine neue positive Bewertung erfährt.

Es soll im Fall der Loveparade nun doch noch vor Gericht über die Schuldfrage verhandelt werden. Kann das dazu beitragen, dass Verwundungen heilen?

HJ: Dieser Prozess kann dazu beitragen, dass Hinterbliebene und Traumatisierte durch die Verhandlung und das Urteil eine Entlastung erfahren. Heilung kann dadurch nicht geschehen, aber er kann mithelfen, im Heilungsprozess Antworten zu finden.

Sie haben dem Team von "Das Leben Danach" beratend zur Seite gestanden. Warum ist der Film aus Ihrer Sicht wichtig?

SJ: Wir haben Jella Haase erklärt, was Trauma ist und wie es dargestellt wird. Für die Zuschauer soll sichtbar werden, wie sich Menschen – je nach geprägter Persönlichkeit – nach einem traumatischen Erlebnis verändern können. Auf diese Weise bekommen sie die Chance, nachvollziehen zu können, was ein posttraumatisches Störungsbild ist und wie es sich bemerkbar macht. Und genau deshalb ist der Film wichtig.


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