Gespräch mit Nicole Weegmann

Regie

Antonia (Jella Haase) ist seit der Loveparade traumatisiert. Sieben Jahre später ist sie immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen. Sie lernt den Taxifahrer Sascha Reinhardt (Carlo Ljubek) kennen, dessen Leben ebenfalls vor sieben Jahren zerbrach.
Antonia ist seit der Loveparade traumatisiert. Sieben Jahre später ist sie immer noch unfähig, ein normales Leben zu führen. Sie lernt den Taxifahrer Sascha Reinhardt kennen, dessen Leben ebenfalls vor sieben Jahren zerbrach.

Sie haben schon mehrere Drehbücher von Eva Zahn und Volker A. Zahn verfilmt. Warum wollten Sie auch bei "Das Leben Danach" Regie führen?

Ich gehe immer von den Figuren aus. Und ich liebe Figuren mit Abgründen: wenn sie nicht holzschnittartig für einen bestimmten Charaktertypus stehen, sondern vielschichtig sind und eine gewisse Ambivalenz in sich tragen. Deshalb mochte ich von Anfang an diese Antonia. Wie gebrochen sie ist und in vielen Szenen einfach nur unmöglich. Solche Figuren sind interessant, und ich glaube, ich kann mich auch ganz gut in sie einfühlen.

Und das Thema Loveparade-Katastrophe?

Ich finde es unfassbar und skandalös, wie mit dieser Katastrophe im Nachhinein umgegangen wurde. Bei der Auswahl meiner Filme gehe ich allerdings weniger vom Thema aus, sondern von der Art, wie dieses Thema im Drehbuch behandelt wird. Mir ist wichtig, dass nichts eindimensional erzählt wird, dass der Zuschauer unterschiedliche Perspektiven angeboten bekommt. Im Fall von "Das Leben Danach" hat mir auch das Radikale in der Beziehung der beiden Hauptfiguren gefallen, wie weit sie da gehen. Das fand ich aufregend und berührend.

Was schätzen Sie sonst noch an den Zahns?

Ich mag die Art, wie sie auf Menschen sehen. Da gibt es eine deutliche Schnittmenge zwischen ihnen und mir. Außerdem sind sie schlau und recherchieren unglaublich gut; man merkt, dass sie früher als Journalisten gearbeitet haben. Und sie sind privat sehr lustig! Das spiegelt sich auch in ihrem Werk wider, vor allem in den Dialogen. Es kommt ja nicht oft vor, dass man bei so schweren Themen noch die Kurve kriegt, auch noch Humor in das Buch miteinfließen zu lassen.

Wie sind Sie auf die Besetzung Jella Haase und Carlo Ljubek gekommen?

Wir haben sehr umfassend gecastet. Was die Rolle von Carlo angeht, schwebte mir zunächst ein ganz anderer Typ vor – so ein Normalo, ein Langweiler. Weil ich aber wusste, was für ein großartiger Schauspieler Carlo ist, haben wir ihn dennoch mit eingeladen. Beim Casting hatte er als Sascha dann so viel Herz und Wärme, dass ich mich von meinen ursprünglichen Vorstellungen verabschiedet habe. Für die Besetzung der Antonia-Rolle haben wir tatsächlich auch sehr umfassend gecastet und am Ende die besten Frau/ Mann Kombinationen noch einmal miteinander vorspielen lassen. Die Konstellation Jella/Carlo hat uns schließlich am meisten überzeugt.

Wie präsent war Ihnen bei den Dreharbeiten der Gedanke, dass bei der Ausstrahlung des Films Menschen vor den Fernsehern sitzen werden, die bei der Loveparade-Katastrophe dabei waren oder Angehörige verloren haben?

Ich hatte das ununterbrochen im Hinterkopf, vor allem, als wir die Szenen im Tunnel nachgestellt haben. Da sind 2010 tatsächlich Menschen gestorben! Ich habe mir ständig darüber Gedanken gemacht, dass sich die Betroffenen in unserem Film wiederfinden müssen und dass wir ihnen gegenüber eine Verantwortung haben, der wir gerecht werden müssen. Es war mir wirklich enorm wichtig, dass wir das angemessen hinbekommen, zumal wir mit den Leuten ja auch teilweise ins Gericht gehen. Wir reduzieren die Betroffenen nicht auf liebe, arme Opfer, sondern zeigen sie in ihrer ganzen Ambivalenz, mit Licht und Schatten. Der Film soll schließlich eine Wahrhaftigkeit haben. Damit gehen wir natürlich auch an Grenzen.

Ich stelle mir vor allem den Dreh der Sequenzen schwierig vor, in denen Antonia wieder die schrecklichen Bilder aus dem Tunnel vor Augen hat. Das sind ja sehr beklemmende Szenen.

In der Tat, das war eine Riesenherausforderung. Ich hatte mich mit einer Trauma-Therapeutin getroffen, die spezialisiert ist auf solche Fälle und schon viel gesehen hat. Diese Therapeutin – Sybille Jatzko – hat mich beraten und mir privates Bildmaterial gezeigt: Smartphone-Videos von der Loveparade. Es war hart. Meinem Kameramann habe ich es auch gezeigt, er ist echt ein hartgesottener Kerl. Er hat mir später gesagt, dass er die ganze Nacht nicht schlafen konnte.

Und wie haben Sie diese Szenen dann nachgestellt?

Wir haben eine Stuntcrew engagiert, die hat das eingeübt. Bei den Aufnahmen haben zusätzlich noch Komparsen von außen gedrückt, während wie bei der Katastrophe von 2010 "Sweet Dreams" lief. Mir schossen die Tränen in die Augen, wir waren alle total angefasst. Das war so unglaublich schrecklich, ein Horrorerlebnis, und gleichzeitig war mir klar, das ist nicht das, was ich in den Smartphone-Videos gesehen hatte. Diese Aufnahmen vom 24. Juli 2010, die haben mich wirklich verfolgt.

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