Gespräch mit den Machern

Inga (Silke Bodenbender) und Inga (Helena Pieske).
Inga und Inga. | Bild: NDR/Degeto / Christiane Pausch

Daniela Mussgiller im Namen der Redaktion: Was hat Sie bewogen, das "Teufelsmoor" anzugehen?

Das "Teufelsmoor" ist die Rückkehr zweier Frauen ins Leben an einem Punkt, an dem es entscheidend ist, den Blick einmal zurück zu werfen, um überhaupt weiter machen zu können. Uns interessieren die psychischen Entwicklungen eines Menschen nach seinen Kindheitserfahrungen. Schlussendlich tragen wir alle wie Inga und Anna mit uns herum.

Produzentin Heike Streich: Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Als die Autorin Corinna Vogelsang mir 2013 die Idee zu diesem Psychothriller pitchte, war ich sofort elektrisiert. Eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn über alles liebt und doch keinen stabilen und sicheren Kontakt zu ihm findet, weil sie die Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit verdrängt - das ist ein Phänomen, das viele Frauen kennen. Natürlich überhöhen wir in unserer Geschichte das Schicksal der Hauptfigur und erzählen den Rückblick in ihre konkrete Vergangenheit als spannenden und hochemotionalen Thriller. Auch die zweite Hauptfigur Anna leidet, ohne Mutter zu sein, sehr an der verdrängten Vergangenheit. Ich glaube an die kathartische Wirkung von Geschichten und bin daher dankbar für die Chance, diesen Film gemeinsam mit meinen klugen und mutigen Mitstreiterinnen produziert haben zu können. Ich wünsche ihm eine großes Publikum, das diesen Film nicht nur als gute Unterhaltung sondern auch als Denkanstoß versteht.

Brigitte Maria Bertele: Welche Mittel haben Sie genutzt, um die erlebte subjektive Wahrnehmung der Hauptfiguren auszudrücken?

Wichtig für mich war, dass eine objektive Wirklichkeit nicht existent ist. Wahrnehmungen werden von Biographie und subjektiver Lebenserfahrung geprägt, ‚pure‘ Wahrnehmung ohne Interpretation ist schwer oder vielleicht nur mit einiger Übung zugänglich.In Ingas Fall werden ihre Wahrnehmungen zunehmend von der Vergangenheit durchsetzt, im Zusammenspiel von Sinneserfahrung und ihrer gedanklichen Interpretation vollzieht sich eine schleichende Übertragung, derer sie sich nicht gewahr ist. Diesen subjektiven Blickwinkel Ingas haben wir einige Male mit – ebenfalls subjektiven – Blickwinkeln von Anna oder Max konterkariert oder mit einer "Objektiven" kombiniert, die ein etwas anderes Bild zeichnet.

Das wirft jedoch die Frage auf, wessen Perspektive nun aber wiederum diese "Objektive" ist. Die des Filmautors, des Regisseurs, des Kinematographen? Zeigt sie uns eine intraoder extradiegetische "Wirklichkeit"? Die Objektive im Sinne eines wissenden Erzählers erschien uns im Kontext dieser Geschichte nicht ganz ausreichend, daher haben wir phasenweise auch Elemente unzuverlässigen Erzählens eingearbeitet.

Daniela Mussgiller: Warum das Genre "Psychothriller"?

Das Genre Psychothriller ist eher selten in der deutschen Krimi-Landschaft. Für mich ist es aber die perfekte Möglichkeit, auf spannende Art und Weise einen dringlichen Appell auszusprechen: Schaut hin auf Eure Verletzungen der Vergangenheit, auf Eure Themen, die Euren Alltag erschweren. Der Psychothriller berührt emotional an einer Stelle, die viel eindringlicher wirkt, als z.B. das Drama oder der Krimi es über den Verstand tun. Dazu gehört auch der leichte Schauer des Gruselns, das Erspüren von Angst in einem selbst. Filme sollen in unseren Augen berühren und tiefer eingreifen als die bloße Geschichte, die in 90 Minuten erzählt wird.

Drehbuchautorin Corinna Vogelsang: Die Spannung wird durch eine Wechselwirkung von Innen und Außen, Erinnern und Geschehen erzeugt: Auf welche Erzählweise und Handlung kann ein solcher Film, der ins Genre Psychothriller zielt, nicht verzichten?

Gehe ich von mir selbst aus, mag ich am liebsten Filme, die mich mit auf die Reise ihres Helden nehmen. Wenn man als Zuschauer Ereignisse chronologisch vorgesetzt und erklärt bekommt, verliert sich der Reiz einer Geschichte sehr schnell. Man braucht ein Geheimnis, das die Hauptfigur umgibt, und Elemente der Gefahr. Durch die Verschachtelung zeitlicher Ebenen und unterschiedlicher Handlungsstränge regt man den Zuschauer hoffentlich dazu an, gemeinsam mit dem Helden die einzelnen Puzzleteile der Handlung aneinanderzulegen. Im günstigsten Fall gerät man so in den Bann einer Geschichte und ist erst zufrieden, wenn man weiß, wie sie ausgeht.

Brigitte Maria Bertele – Das Moor als Ort der Gefahr und des Ungewissen ist ein klassisches Sujet des Genres. Welche Räume des "suspense" haben Sie für Ihren Film noch erschlossen?

Das Moor als einer der Schlüsselorte der Geschichte stand für mich neben dem Genreaspekt in erster Linie als Metapher für Ingas Amnesie.

An die Stelle einer lebendigen Erinnerung an die traumatische Situation in ihrer Kindheit ist buchstäblich ein schwarzes Loch getreten, der Moorschlamm hat sich wie ein schwarzer Mantel des Vergessens über das Unfassbare gelegt. Im Laufe der Filmerzählung greift das Verdrängte sukzessive nach Inga, es drängt an die Oberfläche, will konfrontiert und gesehen werden. Ein Teil von ihr scheint zu wissen, dass sie nur darüber zu innerem Frieden und gelingenden Beziehungen finden kann. Suspense erwächst für mich zum einen aus der inneren Spannung der Protagonisten, die Reibungsflächen mit der Außenwelt mit sich bringen, zum anderen aus den während des Handlungsverlaufs hervortretenden Konfliktlinien und Divergenzen zwischen den agierenden Figuren.

Corinna Vogelsang: Sind Psychothriller Frauensache? Drehbuch, Regie, Redaktion, die Hauptdarstellerinnen: alles Frauen. Zufall oder eher nicht?

Wenn Drehbuchautor, Regisseur, Redakteur und Hauptdarsteller Männer wären, würde man dies wahrscheinlich nicht als Besonderheit hervorheben. Der umgekehrte Fall scheint dagegen immer noch bemerkenswert zu sein. Vielleicht war es also ein glücklicher Zufall für uns, dass sowohl Produktion als auch Sender von Beginn an auf diese hohe weibliche Beteiligung gesetzt haben. Dass Psychothriller grundsätzlich Frauensache sind, glaube ich nicht. Mir ist allerdings aufgefallen, dass alle weiblichen Beteiligten begeistert auf speziell dieses Genre reagiert haben. Hinzu kommt, dass die Geschichte vermutlich eher Identifikationsfiguren für Frauen bietet. Aber natürlich hoffe ich, dass der Film auch Männern gefällt.

Daniela Mussgiller: Sieben Frauen in kreativen Entscheider- Rollen? War das Absicht?

Ehrlich? Nein! Das ergab sich so. Ohne Zweifel bin ich für die Gleichberechtigung der Geschlechter, aber es ist kein Grund für mich, auf dieser Basis Entscheidungen für die Team- Zusammenstellung zu treffen. Es kommt für mich immer darauf an, die oder den richtigen für die Position zu finden. Das war auch in diesem Fall so.

Corinna Vogelsang: Die Handlung beschränkt sich fast nur auf das Haus am Moor und auf wenige Ausblicke ins Dorf. Welche Stilmittel haben Sie genutzt, um dieses "Kammerspiel" so spannend zu machen?

Durch den Tod ihres Vaters ergibt sich für Inga eine Zwangsläufigkeit, die sie in das Geschehen der Geschichte hineinzieht und sie durch weitere Ereignisse zwingt, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auf Bedrohung von außen reagiert Inga mit Rückzug. In diesem Fall ist das die Rückkehr in das Haus. Man könnte auch sagen, dass sie sich damit in sich selbst zurückzieht. Wenn man als Zuschauer versucht, sich in den weitläufigen und verwinkelten, düsteren und oft unübersichtlichen Räumen des Hauses zurechtzufinden, kann man hoffentlich etwas von Ingas innerer Orientierungslosigkeit erahnen. Dass die Figur, der wir durch die Handlung folgen, fürchten muss, verrückt zu werden und ihren eigenen Sinnen nicht trauen zu können, macht sie für uns zu keiner verlässlichen Begleitung. Man sollte also aufpassen, wohin man ihr folgt.

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