Regisseur und Autor Jan Georg Schütte im Gespräch

Therese Pönsgen (Anke Engelke) und Thomas Leber (Sebastian Blomberg) mit Regisseur Jan Georg Schütte (r)
Therese Pönsgen und Thomas Leber mit Regisseur Jan Georg Schütte

Ihr Ansatz ist bei "Wellness für Paare" der gleiche wie bei "Altersglühen". Ich kann mir vorstellen, dass sich die Dreharbeiten dennoch deutlich unterschieden haben.

Ja, der Dreh war deutlich aufwendiger. Bei "Altersglühen" waren wir in einem Raum und hatten dort 20 Kameras auf festen Positionen. Vom Drehablauf konnte da gar nichts schiefgehen: Sitzen sich zwei Leute gegenüber und reden; wenn ihnen etwas einfällt, ist gut, wenn ihnen nichts einfällt, ist auch gut – dann rückt einer von den beiden halt einen Tisch auf. Das war bei "Wellness für Paare" ganz anders. Die Paare gehen ins Hotel, sie gehen auf die Zimmer, dann in die Therapie, dann wieder auf die Zimmer, abends das Essen, dann wieder auf die Zimmer – das war ein unglaublicher logistischer Aufwand, was Kameras und Ton angeht. Das ganze Produktionsbüro hing schon Monate vor Drehbeginn voll von Plänen. Tatsächlich gedreht haben wir dann aber eigentlich nur einen Tag für die gesamten Therapie-Szenen, die Zimmer, das Essen. Und am zweiten Tag dann eher so technische Sachen. Totalen und Reinund Rausgehen, kleine Passagen draußen und die Wellness-Szenen.

War es nach "Altersglühen" einfacher, Schauspieler für diese Art von Filmproduktion zu gewinnen?

Es war auf eine Art einfacher und gleichzeitig komplizierter.

Fangen wir doch mal mit dem Einfachen an ...

Die Schauspieler sind alle in meinem Alter, und ich kenne sehr viele Kollegen aus dieser Generation. Mit Bjarne Mädel habe ich schon ganz oft vor der Kamera gestanden, Michael Wittenborn kenne ich seit Ewigkeiten vom Theater. Gabriela Maria Schmeide kenne ich auch vom Theater und habe auch schon mal ein Hörspiel mit ihr gemacht. Es war also verhältnismäßig einfach, an gute Schauspieler zu kommen.

Und was war kompliziert?

Die Auswahl zu treffen. Es gibt einfach so viele tolle Leute in dem Alter, und dann mussten ja auch noch die Paarungen zusammengestellt werden. Für den Film ist wichtig, dass jedes Paar wirklich von der ersten Sekunde an überzeugt. Also haben wir wahnsinnig lange herumgetüftelt, wer zu wem passen könnte und bei wem man sich vorstellen kann, dass sie Spaß miteinander haben, dass sie sich gegenseitig befruchten und dass auch eine gewisse Reibung da ist. Mir war es wichtig, bei diesen Überlegungen auch die Schauspieler miteinzubeziehen und sie zu fragen, mit wem sie denn gerne ein Paar spielen würden.

Mit wie viel Vorbereitung sind die Schauspieler dann in den Drehtag gegangen?

In diesem Fall war das etwas mehr als bei "Altersglühen", weil die Figuren ja nicht neue Leute kennenlernen, über die sie nichts wissen müssen; sie gehen mit ihrem festen Partner zur Therapie. Es war deshalb notwendig, dass sich die Schauspieler pro Paar mindestens einmal getroffen haben. Wir haben uns dann zu dritt zusammengesetzt und einige Stunden lang herumfantasiert, woher die beiden sich kennen, was ihre Beziehung ausmacht, wo ihre Stärken und Schwächen liegen ... Und dann habe ich mit jedem von ihnen noch einmal alleine besprochen, wo denn die Geheimnisse der Figur liegen könnte, etwas, was sie ihrem Partner noch nie gesagt hat, jetzt aber zur Sprache kommt.

Das heißt, Gabriela Maria Schmeide zum Beispiel hatte keine Ahnung, dass ihre Figur betrogen worden ist?

Bei dem Paar war es so ein bisschen komplizierter, weil das ja doch eine sehr vertrackte Geschichte ist. Ich habe ihr eine Fährte gelegt, dass da wohl etwas vor 25 Jahren war – einfach, damit wir uns im Therapiegespräch dorthin bewegen konnten.

Hat ja dann auch geklappt.

Nun, das war sehr lustig. Ich hatte mit Michael Wittenborn verabredet, dass er von der Affäre nicht reden will, und er hat das so ernst genommen, dass er jeden Vorstoß seiner Partnerin abgewehrt und alles geleugnet hat. Letzten Endes ist sie dann kurz aus ihrer Rolle ausgestiegen und hat sich an mich gewandt mit der Bitte, dass Michael irgendwann zugeben muss, dass da was war, sonst kann das hier noch stundenlang so weitergehen! Er war so sehr drin in seiner Rolle, dass sich der Dramaturg in ihm verabschiedet hatte.

Sie selbst sind als Schauspieler dieses Mal nicht so präsent wie in "Altersglühen". Hatten Sie deswegen weniger Kontrolle über das Geschehen?

Ich habe mich immer mal wieder dazu gesetzt und zugehört. Hier und da konnte ich auch mal etwas klären, wenn sich ein Paar festgefressen hatte. Aber im Grunde bin ich auch nur Zuschauer, wenn das Ding einmal läuft.

Waren Sie überrascht, wohin das Ding gelaufen ist?

Ja, insbesondere bei Anke Engelke und Sebastian Blomberg. Dass der Sebastian so nach vorne gegangen ist mit dem "Ich will mit Dir ein Kind!" Ankes Job war ja eigentlich, sich von ihrem jüngeren Partner vorbeugend zu trennen, weil sie denkt, dass er sie sowieso früher oder später verlassen wird. Irrsinniger Weise hat Sebastian Blomberg das ganz früh herausgefunden und Anke mit so viel Liebe überhäuft, dass sie das mit der Trennung nicht mehr hinbekommen hat und die Geschichte in eine ganz andere Richtung gegangen ist. Fand ich aber auch toll.

"Vorbeugend trennen" – kaum zu glauben ...

Ja, Anke fand das natürlich auch höchst befremdlich. Wir haben lange darüber geredet, ob so etwas denkbar ist, auch unter uns herumimprovisiert, wo das denn hingehen kann. Schließlich hat sie Blut geleckt und die Herausforderung angenommen. Es ist ja auch wirklich ein authentischer Fall.

Tatsächlich? Gilt das für die anderen Paarbeziehungen auch?

Ich habe mich vorher mit Therapeuten unterhalten, und das sind alles Fälle, von denen sie wussten, die also einen wahrhaftigen therapeutischen Hintergrund haben.

Apropos Therapeuten: In "Wellness für Paare" wirken sie, nun ja, wie echte Therapeuten.

Sind sie auch. Sie haben zwar nicht Psychologie studiert, haben aber alle eine entsprechende Ausbildung. Martin Horn ist darüber hinaus auch noch ein recht renommierter Schauspieler, und mit Martha Nelle habe ich während meines allerersten Engagements vor, ich glaube, 25 Jahren in Castrop-Rauxel auf der Bühne gestanden, ich war d’Artagnan und sie Milady de Winter – "Die drei Musketiere". Der dritte, Jörg Pannenbäcker, ist nur Therapeut. Ich kenne ihn, weil ich bei ihm selbst mal Klient war und er mir wahnsinnig geholfen hat. Vor "Wellness für Paare" hat er noch nie vor der Kamera gestanden.

Wir sprachen vorhin über den Aufwand bei der Vorbereitung des Drehs. Der Schnitt dürfte nicht weniger fordernd gewesen sein ...

Ja, die Zeit im Schneideraum war schon sehr, sehr intensiv. Wir hatten ja 111 Stunden Material, und das bei 90 Minuten Sendezeit. Da mussten wir schon vieles hin- und herschieben, bis wir wussten, wie die Paargeschichten für den Zuschauer am besten funktionieren.

Wen meinen Sie, wenn Sie von wir sprechen?

Schnitt, Regie, Redaktion und Produktion natürlich.

Wie lange saßen Sie letzten Endes im Schneideraum?

Wir haben Ende November gedreht und waren bis Mitte August mit dem Schnitt beschäftigt. Natürlich mit Unterbrechungen, ich war ja zwischendurch auch immer wieder vor der Kamera, darunter zwei Monate lang in der Bretagne für die "Dupin"-Reihe.

Und Ihre Regie- und Autorenarbeiten ohne Drehbuch gehen weiter?

Es ist etwas in der Mache, aber noch nicht spruchreif. Aber ja, ich will auf diese Art unbedingt weiterarbeiten. Für mein Gefühl funktioniert das ziemlich gut.

Was wäre aus "Wellness für Paare" geworden, wenn es ein ausformuliertes Drehbuch gegeben hätte?

Ich glaube, dass man vieles von dem, was diesen Film ausmacht, dann nicht hätte. Viele überraschende Wendungen dieser Art kann man sich nicht am grünen Tisch ausdenken. Und dann ist da natürlich die Gesamtatmosphäre. Die Art, wie gesprochen wird, wie man sich ins Wort fällt zum Beispiel. Eines meiner Hauptprobleme beim Drehen besonders in Deutschland ist, dass immer diese Schnittpausen gelassen werden und das Gesagte im Schnitt nachher auch nicht wieder übereinandergelegt wird. Wenn Paare miteinander reden, fallen sie sich nun mal ständig ins Wort. Wenn das auch die Schauspieler machen, wird für mein Gefühl alles gleich sehr viel glaubwürdiger. Und das ist nun mal mein Thema: der glaubwürdige Umgang zweier Menschen miteinander.

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