Interview mit der Hauptdarstellerin Nadja Uhl

»Ein monströses Thema.«

Karin Wegemann und Uwe Hansen
Karin Wegemann und Uwe Hansen observieren den Club.

Wie sehr waren dieser Film und sein Thema auch ein persönliches Anliegen von Ihnen?

Gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen, ist eine wichtige Möglichkeit, vielleicht auch Aufgabe der Kunst. Künstler sind Seismographen der Gesellschaft, Spiegel ihrer Zeit. Will man nicht nur Entertainer sein, gehen das eigene persönliche Sein und die künstlerische Haltung ineinander über. Abgründe, wie wir sie in unserem Film beschreiben, sollten in ihrer derzeitigen Potenzierung im Bereich des "Marktes" für Kinderhandel für keinen Menschen mit auch nur durchschnittlichem Moralanspruch gesellschaftlich und ethisch vertretbar sein. Die Entscheidung, sich mit diesem schwierigen Thema beruflich auseinanderzusetzen, ist immer auch eine persönliche.

Was treibt die Kommissarin im Film an, alle Sicherheiten aufzugeben und bis zur Selbstaufopferung für die Befreiung und den Schutz der Kinder zu kämpfen?

Die Figur der Kommissarin Karin Wegemann macht – dramaturgisch – eine Entwicklung durch. Von anfänglicher Nüchternheit und Ironie geprägt, gewinnt die emotionale Auseinandersetzung in ihrem Handeln immer mehr Raum. Die persönliche Verstrickung ergibt sich aus Wegemanns Erkenntnis, sich in einem Spannungsfeld zwischen einer rechtlichen Grauzone zugunsten der Täter und der unvorstellbaren Not der Kinder zu bewegen. Aufgrund von Defiziten in der Gesetzgebung hat sie als Kripobeamtin keinen wirklichen Handlungsspielraum. Dass akribische Polizeiarbeit in der Auseinandersetzung mit Gewalt an Kindern oft nahezu wirkungslos bleibt, trotz genauester Erkenntnisse in Bezug auf die Täter, ist meines Wissens nach sehr realistisch. Eine Änderung der Gesetzeslage wäre ein erster Schritt und ein klares, dringend erforderliches Signal unserer Politiker.

Der Regisseur Rainer Kaufmann führt die Zuschauer sehr dicht an die Hauptfiguren, ihre Emotionen und Reaktionen heran. Wie haben Sie zu der Intensität gefunden, die nötig war, um solche extremen emotionalen Situationen zu spielen? Wie entstand eine solche Intensität in der Arbeit mit dem Regisseur?

Zum einen aus dem eigenen emotionalen Abstand. Ich kann mich nicht auf so eine Arbeit einlassen, wenn mich jede Welle der Empathie mit den betroffenen Kindern wegspült. Aber die ehrliche emotionale Beteiligung setzt eine gute rationale Energie frei. Man muss sozusagen einen "kühlen Kopf" bewahren. Sie sehen, was dann immer noch an Emotionen übrig bleibt. Es ist ein wahrlich monströses Thema. Rainer Kaufmann weiß um die Dinge im Leben. Er agiert ruhig, liebevoll, präzise, er ist eine Künstlerseele und verbindet das mit der Rationalität und Autorität des Spielleiters. Man fühlt sich sicher, weil man gesehen wird. Sehr motivierend war auch, dass Morten Søborg die Kamera machte. Er hat sich in wunderbaren Filmen wie "In einer besseren Welt" und "Nach der Hochzeit" mit großen Themen auseinandergesetzt und sich bereits sehr früh zu unserem Projekt bekannt.

Gibt es charakterliche Gemeinsamkeiten zwischen der Kommissarin im Film und der Schauspielerin Nadja Uhl?

Wahrscheinlich. Ich fülle die Figur ja sozusagen mit mir als Menschenmaterial. Aber der Rest ist Vorgabe durch das Buch und Phantasie. Ich habe nie das Gefühl, eine meiner Figuren wäre zu mir selbst geworden. Sie bleiben Gäste in meinem Leben.

Hat die Beschäftigung mit dem Thema während der Vorbereitungen auf den Film und der Dreharbeiten auch in Ihrem Leben etwas verändert?

Nun ja, man wird bei diesen bitteren Seiten menschlichen Seins immer ein Stück aus dem Paradies vertrieben. Die Entscheidung fällt im Augenblick des Entschlusses hinzusehen. Ich glaube, wegzuschauen ist manchmal eine Option, wenn man denkt, dass man Dinge nicht ändern kann und Angst vor der Ohnmacht hat. Im Spiel kann ich aber aktiv werden und so auf meine Art, künstlerisch und persönlich einen Anstoß bieten. Ich habe mich mit der Armut in Osteuropa beschäftigt. Wir sind mit UNICEF nach Rumänien gereist und haben uns sozusagen an den Quellen dieses expandierenden "Marktes" – man muss das leider so deutlich sagen – umgeschaut. Große Armut, fehlende Bildung und fehlende organisatorische Strukturen, wie eine geregelte Geburtenregistrierung, ergeben Hand in Hand mit unseren massiven Gesetzeslücken ein gefährliches Gemisch für die Kinder in armen Regionen. Und letztlich steht am Ende der Kette eine steigende Zahl von "Verbrauchern", "Kunden", "Konsumenten" in der westlichen Welt.

Glauben Sie, dass ein Film gesellschaftlich etwas bewegen kann? Was wünschen Sie sich, was dieser Film bei den Zuschauern bewirken soll?

Der Film besitzt gesellschaftliche Relevanz. Meine Entscheidung zum Projekt fiel mit dem Satz meiner Produzentin: "Nadja, eine Gesellschaft, die ihre Kinder frisst, ist am Ende." Wir entmenschlichen in so vielen Bereichen, die Gier der Finanzmärkte ist allgegenwärtig. Aber das Gute ist: Keiner muss zuschauen, alles nur hinnehmen. Die positiven Kräfte können sich verbinden und konstruktiv an anderen Signalen für unser Sein arbeiten. So ordne ich den Film ein. Er legt den Finger in eine Wunde. Das ist unsere Aufgabe als Künstler, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich wünsche mir Politiker, die diese Zeichen aufgreifen und den Mut zu neuen Gesetzen aufbringen.