Interview mit der Produzentin Gabriela Sperl

»Dieser Film muss ein Fanal, ein Weckruf sein!«

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, einen Fernsehfilm über das Thema Kinderprostitution und Kinderhandel zu machen?

Diese Geschichte kam mehrfach auf mich zu. Ich habe sie weggeschoben, aber dann irgendwann gewusst, das musst du jetzt machen. Ursprünglich ging es um die Folgen des Tsunami in Thailand, wo Kinder, wie später in Haiti, sofort abgefangen, in die Prostituion gesteckt wurden. Meine Recherchen brachten mich zurück nach Europa, direkt nach Berlin, und ich konnte nicht glauben, was ich erfahren habe: Berlin, das Zentrum für kleine Jungs in Europa, und Drehscheibe für den Kinderhandel aus Osteuropa! Dagegen muss man aufstehen und dringend etwas tun.

Ist der Fernsehfilm überhaupt das richtige Mittel, sich mit einer solchen Thematik auseinander zu setzen? Welchen "Mehrwert" hat die Fiktionalisierung dieses Stoffes gegenüber einer klassischen Reportage?

Aus meiner Sicht ist Film immer ein sehr starkes, emotionales Mittel, um ein Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zumal, wenn sich die Geschichte der Kommissarin und der Staatsanwältin – zwei Figuren, die in der Realität männlich waren – genau so zugetragen hat. Der reale "Ronnie" konnte, im Gegensatz zu unserer Figur, untertauchen und lebt ein vollkommen neues Leben. Die Fiktion ist hier viel stärker als die Reportage, weil sie für die Reportage die Beteiligten nicht vor die Kamera bekommen. Sowohl der Staatsanwalt wie der Kommissar sind kurz nach der "Ronnie"-Geschichte versetzt worden. Betroffene Kinder sind im System. Wenn dieses sie als Pubertierende ausspuckt, sind sie meist drogensüchtig und fertig. Selbst wenn man über eine der vielen Hilfsorganisationen an sie rankommt: Man retraumatisiert sie. Deswegen haben wir die umfangreichen Recherchen fiktional sehr viel direkter einsetzen können. Und auch die Täter zeigen können, von denen an die 50 Prozent nicht mal pädophil sind.

Wie nähert man sich in der Phase der Recherche einem solchen Stoff? Woher haben Sie und der Autor Philip Koch Informationen bekommen? Wie schwer ist es, genaue Einblicke in das Netzwerk des Kinderhandels zu gewinnen?

Wie gesagt: Wenn man sich auf einen Stoff einlässt, kommen viele Informationen bei der weiteren Suche wie in Sturzbächen auf einen zu. Eine Journalistin brachte mich mit "Ronnie" in Verbindung. Dann bekam ich über die Unterlagen zum Visa-Ausschuss des Deutschen Bundestages viele Informationen, z. B. dass der Handel erst richtig losging, nachdem es keine Visumspflicht mehr gab. Dort fanden wir auch die Dokumente, die "Verträge", mit denen die Schlepper von Haus zu Haus gehen und den Eltern für 100 Dollar oder Euro ihre Kinder abkaufen, indem sie ihnen versprechen, dass die Kinder eine gute Ausbildung erhalten. Viele, viele Menschen in Rumänien sind mitten in der EU so bettelarm, was Elsbeth Müller von der UNICEF ja auch beschreibt, dass die Anfälligkeiten groß sind. Eine wichtige Informationsquelle sind natürlich auch die Streetworker und alle jene Organisationen, die sich um die Opfer kümmern. Die Ergebnisse meiner Recherchen und der von Rolf Basedow waren teilweise so krass, dass man sie gar nicht umsetzen konnte. Die Informationen, wie viele "Täter" es bis in die höchsten politischen Hierarchien gibt, sind niederschmetternd.

Der Film zeigt, wie Kinderprostitution die Opfer körperlich und seelisch zerstört und welche Seil- und Machenschaften hinter dem Kinderhandel stehen. Wie fand die Geschichte ihre Dramaturgie?

Die Recherche-Ergebnisse haben die Dramaturgie entscheidend geformt und bestimmt. Die Geschichte von einem Informanten, der zur Polizei geht, vom Kommissar unterstützt und an die Staatsanwaltschaft weitergereicht wird, man ihm dort die Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm zusagt, nur um ihm dann mitzuteilen, der Oberstaatsanwalt habe das auf Geheiß von "ganz oben" abgelehnt. Und dann verschwinden auch noch alle Akten. Diese Realität ist die Geschichte und damit zugleich die Vorlage für die Dramaturgie.

Im Film kämpfen mutige Ermittler und eine persönlich tief erschütterte Staatsanwältin gegen ein verbrecherisches System, einen Apparat, ein Netzwerk, das weit reicht und letztlich kaum zu fassen ist. Justiz, Wirtschaft und Politik sind darin verstrickt, decken sich gegenseitig und verhindern jede Aufklärung. Ist das filmische Dramatisierung oder Realität? Wie wirklichkeitsgenau ist die Fiktion des Films an diesem Punkt?

Der Tenor der Frage legt nahe, dass man das, was man sieht, kaum glauben kann. Das ging mir über Wochen und Monate auch so. In Wirklichkeit ist es aber noch viel schlimmer, als wir es darstellen. Es ist eine skandalöse, schreckliche Realität. Um die sich keiner schert, weil keiner hinschauen will. Deswegen sind wir besonders froh, dass wir den Film in dieser Klarheit genauso machen konnten. Wir betreiben keine Systemkritik, wir decken nur Strukturen auf, in der Hoffnung, dass das System endlich aufwacht und sich gegen die wehrt, die es zersetzen.

Der Film konzentriert sich auf die Opfer von Gewalt und Missbrauch, das Schicksal der zur Prostitution gezwungenen Kinder und die Motivation der Ermittler. Die Innenperspektive der Täter spart der Film aus. Ganz bewusst?

Ja, ganz bewusst. Es geht um die Opfer, es geht um all jene, die da draußen den Kindern helfen und die immer wieder gegen die Wand laufen. Weil man sie alleine lässt, weil man ihnen keine Unterstützung gewährt. Ich habe den Film der UNICEF-Chefin für "Child Protection" in New York vorgeführt: Sie war fassungslos und in Tränen, weil wir genau die Ohnmacht schildern, mit der die vielen Tausend Helfer täglich konfrontiert sind. Das Netzwerk ist überall. Deswegen muss genau das das Thema sein. Erstaunlich ist, dass vor allem Männer in höchsten Unternehmenspositionen Täter sind: Männer, die ihre Ohnmacht in ihren Machtsystemen an den Kindern auslassen. Ein weites Feld ...

Das Ende ist kein "Happy End". Zwar werden einige der Täter gestellt und verhaftet, aber ihre Taten lassen Verwüstung zurück. Warum haben sich die Filmbeteiligten für dieses Ende entschieden? Haben Sie in der Drehbuchentwicklung auch über ein Happy End nachgedacht oder darüber, die Ermittlungsarbeit ganz scheitern zu lassen? Sozusagen ein komplettes "Bad End" zu riskieren?

Die Ermittlungsarbeit ist in diesem Film komplett gescheitert. Fee wird nicht gerettet. Bran landet auf dem Strich. Das entspricht der Realität: Der echte Kommissar und der Staatsanwalt wurden versetzt. Wir schildern nur Fakten. Auch die Täter, die verhaftet werden, kommen meistens ganz glimpflich mit Geldstrafen davon. Der Kinderschutz in Deutschland ist laut UNICEF schlechter als in anderen europäischen Ländern. Hier herrscht immer noch die tief verwurzelte Überzeugung: "Wer glaubt schon einem Kind?" Die Vernehmungssituation von Bran im Film ist genauso, wie sie sich immer wieder tatsächlich abspielt. Vor diesen Tatsachen kann man lange über Happy Ends nachdenken, was wir natürlich getan haben, wir haben sie dann aber aus Authentizitätsgründen verworfen. Da waren sich alle einig. Dieser Film muss ein Fanal, ein Weckruf sein.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach beim Kampf gegen Kinderprostitution ändern, um wirkungsvolle Instrumente gegen die Täter und die Hintermänner in der Hand zu haben?

Zunächst einmal geht es darum, dass die Tatsachen einfach mal im Bewusstsein von Menschen ankommen. Und die Bereitschaft entsteht hinzuschauen. Das ist der erste Schritt. So lange dieser nicht gemacht wird, braucht man gar nicht weiterdenken. Aber diesen Anstoß, diese Notwendigkeit, die wollten wir geben.