Interview mit dem Regisseur Rainer Kaufmann

»Nichts wurde beschönigt.«

Sind Sie vor diesem Projekt schon einmal mit dem Thema des Films in Berührung gekommen oder war die Beschäftigung damit für Sie völlig neu? Wie war Ihre erste Reaktion darauf, als man Ihnen den Film angeboten hat?

Das Thema liegt, bildlich gesprochen, auf der Straße. Die Frage ist doch, wie nähere ich mich ihm. Ist die Idee, einen Film daraus zu machen, der richtige Umgang mit der Problematik? Die Beschäftigung mit dem Drehbuch begann deshalb für mich auch mit der Frage, benutzt die Geschichte das Thema nur oder nutzt sie ihm auch nachhaltig.

Wie haben Sie sich inhaltlich und mental dem Thema genähert? Und wie haben Sie die Schauspieler auf Ihre Rollen vorbereitet, insbesondere die beiden Kinder Paraschiva Dragus und Adrian Ernst?

Die beiden Kinderdarsteller hatten eine intensive Betreuung. Wie im Übrigen alle Kinder, die mitgespielt haben. Die Eltern wussten genau, worum es in der Geschichte geht. Nichts wurde beschönigt. Dennoch habe ich Paraschiva und Adrian nur das Nötigste erzählt. Ein Kind muss nicht traumatisiert sein, um ein traumatisiertes Kind darzustellen.

Zu welchem Zeitpunkt sind Sie bei dem Projekt eingestiegen und was war Ihnen bei der Stoff- und Buchentwicklung wichtig?

"Operation Zucker" erzählt aus drei weiblichen Perspektiven, der von Fee, von Kommissarin Wegemann und Staatsanwältin Lessing. Das hat mich beim Drehbuch besonders gereizt. Das Leben dieser drei Figuren, die alle ganz unterschiedlichen Alters sind, erfährt im Film eine radikale Wende. Mir war es wichtig, dass der Film sein Thema nicht hinter einer Dramaturgie versteckt. Kinderhandel ist organisiertes Verbrechen in ganz großem Stil. Es wäre fahrlässig gewesen, gerade bei diesem Film nicht aus den Figuren heraus zu erzählen.

Sie hatten eine Kriminalgeschichte, einen Thriller und zugleich eine genau recherchierte Story über Kinderprostitution zu inszenieren. Wieviel Dramatisierung verträgt ein so sensibles Thema? Und wie wird man in der Regie beidem gerecht – Stoff und Genre?

Dass ein Stoff genau recherchiert ist, kann mir als Regisseur ja nur helfen. In diesem Fall war es essentiell. Was hier erzählt wird, muss sich so abgespielt haben oder es muss möglich sein, dass es sich so abspielt. Ich wollte einen nüchternen Film machen. Das Genre war mir nicht wichtig. Entscheidend ist die Erzählhaltung. Einerseits aus den Figuren heraus erzählen und gleichzeitig ihnen dabei zuschauen, was ihnen passiert und wie sie handeln. Der Film sollte nicht schlauer sein als die Protagonisten oder der Zuschauer.

Der Film hat eine ganz besondere, winterlich geprägte, kühle Atmosphäre. Was war Ihnen bei der szenischen Umsetzung des Drehbuchs besonders wichtig? Worauf haben Sie vor allem geachtet?

Kälte war ein grausames Geschenk bei diesen Dreharbeiten. Natürlich wollte ich Winter und Frost, weil es zu dem Stoff passt. Aber dass wir die zehn kältesten Tage draußen bei minus 20 Grad drehen durften, war mehr als eine besondere Herausforderung an alle. Menschen und Material waren am Ende ihrer Kräfte. Aber für den Film war es großartig. Für seine Bilderwelt, das Spiel, seine Stimmung. Mir ging bei der Arbeit an "Operation Zucker" immer wieder ein Satz durch den Kopf: Du kannst dir niemals sicher sein! Das war das Gefühl, was ich erzeugen wollte. Es sollte so weit gehen, dass der Zuschauer zeitweise Schwierigkeiten hat, sich mit seinen Hauptfiguren zu identifizieren. Der Film sollte nicht zu inszeniert erscheinen, das Timing und die Bewegungen der Protagonisten eher zufällig als abgezirkelt. Was wird als Nächstes passieren? Es bleibt nichts als zuzuschauen. Du kannst dir niemals sicher sein. Die Kamera sollte den Eindruck erwecken, als sei sie erwartungsvoll, unwissend. Sie erlebt das Geschehen, als würde es sich gerade ereignen. Der Film gewinnt dadurch ein Zittern, eine Ungewissheit.