Gespräch mit Leslie Malton

Sie spielen hier Becky, eine deutsche Aussteigerin. Wie würden Sie die Figur charakterisieren?

Ich habe Becky immer als ein zurückgelassenes Groupie beschrieben. Sie sollte in Pattaya eine Band treffen, die aber nicht gekommen ist, und dann ist sie einfach da hängengeblieben. Das Leben dort ist für sie ganz angenehm: Man kommt mit wenig zurecht, es ist immer warm, und die Menschen sind freundlich. Becky genießt die thailändische Lebensart und hat ihre Nische gefunden: Sie fungiert als Bindeglied zwischen den Thais und den Ausländern, die dort hinkommen, und hilft den Leuten beim Ankommen. Sie nimmt Gelegenheitsjobs an und macht zudem ihren Schmuck. Sie hat ein gutes Leben, auch wenn sie nie sagen würde, dass sie ihren Lebensabend in Thailand verbringen möchte; sie denkt nicht besonders weit in die Zukunft. Das deutsche Leben hat sie aber bewusst hinter sich gelassen.

Was hat Ihnen an Becky am besten gefallen?

Mir hat gefallen, dass Becky so ein absolut freier Geist ist. Sie hat keine Vorurteile, sondern nimmt alles, wie es kommt, und macht das Beste draus. Das ist ein sehr schöner Wesenszug. Becky holt sich aus dem Topf dessen, was ihr gerade zur Verfügung steht, immer etwas Positives, Lebendiges, um sich selbst einen Kick zu geben. Ich finde solche Menschen sehr erfrischend … sie können aber auch nerven … und trotzdem ist es wichtig, dass es sie gibt. Entsprechend hat es mir viel Spaß gemacht, sie zu spielen. Nachdem sie abgedreht war, habe ich ihr sogar ein bisschen nachgetrauert, was mir lange nicht passiert ist.

Die Deutschen, die Becky in Udo’s Biergarten trifft, sind ein völlig anderes Leben gewöhnt als sie. Wie denkt sie über sie?

Auch hier gilt: Becky urteilt nicht. Sie ist ein offener, hilfsbereiter Mensch, und wenn sie merkt, dass jemand Hilfe braucht, dann ist sie einfach da. Becky spürt schnell, dass Tanja und Ottmar Probleme haben. Sie ist die erste weibliche Person, die Tanja in Thailand kennenlernt, und ihr wird schnell klar, dass Tanja jemanden braucht, dem sie vertrauen und dem sie sich anvertrauen kann.

Wie nimmt Becky die Probleme von Ottmar und Tanja wahr?

Sie sieht, dass es für Ottmar und Tanja ein großer, mutiger Schritt war, nach Thailand zu gehen. Und sie sieht auch, dass Tanja zunächst mal die Mutigere von den beiden ist. Ottmar hat Probleme damit, loszulassen und in Thailand anzukommen. Er hält sich erst einmal an dem fest, was er kennt. Die beiden brauchen Zeit, um sich dort zurechtzufinden und auch sich selbst neu zu finden. Dass es ihnen gelingt, sich aus ihren alten Rollen zu lösen und sich diesem Land und seiner Kultur zuzuwenden, ist schön und auch schön erzählt. Das finde ich sehr tröstlich, weil ich vor Ort in Thailand eigentlich eher das Gegenteil gesehen habe.

Inwiefern?

Viele Europäer leben dort in noblen Ghettos. Ihr Interesse an der Kultur und den Thais ist eher gering, und das hat mich erschüttert. Denn andersrum fordern die meisten Europäer ein, dass man sich an ihrer Lebensweise orientiert. Dass diese Forderung an andere nicht für sie selbst gilt, finde ich, gelinde gesagt, sehr ernüchternd.

Becky ist tiefer in die thailändische Kultur eingetaucht; sie spricht Thai. Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich habe mich mit einer in Berlin lebenden Thailänderin getroffen und sie gebeten, mir die Sätze, die ich im Film auf Thai sagen möchte, beizubringen. Es war ungeheuer interessant zu verstehen, dass es für diese deutschen Sätze häufig gar keine direkte Entsprechung auf Thai gab. Die Thais sind sehr höflich im Umgang miteinander, und das schlägt sich auch in ihrer Sprache nieder. Auch wenn man sich gerade über den anderen geärgert hat, wird der Ärger offenbar nicht direkt angesprochen, sondern die Form wird gewahrt. Das hat mich beeindruckt.

In asiatischen Sprachen kann eine andere Betonung schon den Sinn eines Wortes verändern. Wie sind Sie an diese Schwierigkeit herangegangen?

Das musste ich eben pauken; das gehört zu meinem Beruf dazu. Ich hatte Aufnahmen von meinen Sätzen in der richtigen Aussprache auf dem Handy, und die habe ich dann gelernt. Tatsächlich gibt es dabei nichts, woran man sich halten kann; keinerlei lautlichen Ähnlichkeiten, mit denen man sich Eselsbrücken bauen könnte wie in anderen, verwandteren Sprachen. Aber es macht ja auch Spaß, das zu lernen.

Und wie haben Sie die Arbeit in Thailand erlebt?

Die war wundervoll. Unsere Thai-Kollegen waren wirklich ganz großartig. Wir hatten das Privileg, durch die Arbeit ein bisschen tiefer als nur an der Oberfläche zu kratzen. Spürbar ist, wie der Buddhismus dieses Land prägt.

Beckys freier Lebensstil hat eine Schattenseite, die mangelnde Absicherung. Sie kann sich nicht mal einen Arztbesuch leisten. Wie sehen Sie die ernsten Aspekte der Figur?

Becky betreibt natürlich eine Form von Verdrängung, das ist ganz klar. Sie sieht der Realität nicht ins Auge, was das angeht, aber sie kommt irgendwie immer durch. Ich habe keine Sorge um sie. Becky geht dem Beschwerlichen aus dem Weg, sie dreht es einfach anders herum. Sie ist eine Persönlichkeit, mit der man gern zusammen ist. Und wenn man Menschen um sich hat, gibt es immer einen, der einem hilft.

Können Sie nachvollziehen, was deutsche Rentner nach Thailand zieht? Und könnten Sie sich das für sich selbst auch vorstellen?

Ich verstehe, warum viele ältere Menschen dort hingehen wollen. Erst mal ist die Witterung natürlich ganz toll; es ist zwar heiß, aber das ist ja angenehmer, als zu frieren. Vor allem wird man dort aber als älterer Mensch mit Würde und Respekt behandelt, was hier in Deutschland nicht immer der Fall ist. Hier wird das Alter eher gefürchtet und zur Seite geschoben, statt es und die Lebenserfahrung der Älteren zu begrüßen als Säule, an der man sich nähren kann. Was mich persönlich betrifft, ist mir diese Frage einfach zu früh gestellt. Ich bin ja auch eine, die nicht immer an einem Ort, sondern in vielen verschiedenen Ländern gelebt hat. Vorstellen kann ich’s mir zwar, weil ich mir vieles vorstellen kann. Aber ob das mein Wunsch wäre? Eher nicht.

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