Gespräch mit Regisseurin Julia von Heinz, dem Drehbuchautor Christian Schnalke und der Kamerafrau Daniela Knapp

Katharina will bei den Marktfrauen anschreiben lassen, sie schicken sie weg, weil sie ihre Heirat mit Luther für Sünde halten.
Katharina will bei den Marktfrauen anschreiben lassen, sie schicken sie weg, weil sie ihre Heirat mit Luther für Sünde halten.

Was ist als Regisseurin besonders zu beachten, wenn man einen historischen Stoff wie "Katharina Luther" inszeniert – ein Film, der eine Zeit und ein Thema spiegelt, das vor 500 Jahren Europa verändert hat?

Julia von Heinz: Bei "Katharina Luther" war es mein Anliegen, die Ereignisse ganz ins Hier und Jetzt zu holen. Die Zeit der Reformation war eine Zeit des Aufbruchs und gesellschaftlicher Umwälzungen voller Dynamik und Unruhe. Dies haben wir in ein filmisches Konzept übersetzt. Wir haben Totalen weitestgehend vermieden und erzählen in Naheinstellungen und Details, wollten den Zuschauer reinholen in die Handlung, haptisch erzählen und nah am menschlichen Seheindruck, so wie wir in die Welt schauen, in der wir ja mittendrin leben. Eine distanzierte Draufsicht wollte ich um jeden Preis vermeiden.

Welches besondere Bildkonzept haben Sie für diesen historischen Film entwickelt? Gab es besondere Herausforderungen an die Bildgestaltung?

Daniela Knapp: Die besondere Herausforderung war, dass das Spätmittelalter so selbstverständlich und beiläufig erzählt werden sollte, dass es den Emotionen der Figuren nicht im Wege steht. Man sollte schon in den ersten Minuten mit Katharina mitfühlen und nicht ständig denken "Ach, so hat Wittenberg damals ausgesehen." Man sollte eher über eine besondere Haptik des Bildes, den Dreck auf den Straßen und der Patina an den Wänden ein Gefühl für diese Zeit bekommen. Das erfordert ein nahezu perfektes Szenenbild, weil man sich nicht auf opulent ausgestattete Totalen konzentriert, sondern in jedem noch so kleinen Detail die Zeit miterzählt wird, und die Kamera mal auch mit Katharina in eine Ecke schwenkt, die man vorher nicht unbedingt geplant hat. Um die Haptik zu verstärken, haben wir viel mit Filtern an der Kamera, aber auch gezielt mit Staub und Partikeln in der Luft gearbeitet.

Wie haben Sie sich dieser historischen Figur Katharina Luther genähert? Welche erzählerischen Freiheiten bieten historische Persönlichkeiten? Oder schränken sie durch ihre Faktizität eher die Entfaltungsmöglichkeiten ein?

Christian Schnalke: Vieles, was über Katharina von Bora erzählt wird, ist unverständlich und vor allem widersprüchlich. Ein Historiker kann diese Widersprüche beschreiben und unaufgelöst stehen lassen. Als Dramatiker habe ich sowohl die spannende Chance als auch die Pflicht, den Menschen hinter diesen Widersprüchen zu finden. Ihre Beweggründe, ihre Hintergründe und ihre Abgründe zu begreifen, um sie in eine bewegende Geschichte zu führen. Den Menschen Katharina von Bora zu finden, in seiner mittelalterlichen Prägung und in seiner allgemeingültigen (und damit auch modernen) Psychologie. Ihre Ängste, ihren Antrieb, ihre Hoffnungen, ihre Liebe, und nicht zuletzt ihren Willen, trotz aller Rückschläge und Widerstände ihren Weg zu gehen.

Wie modern ist die Figur Katharina Luther? Welche Lebensentscheidungen hat Katharina zu treffen, die heute noch genauso aktuell sind?

Julia von Heinz: Selbst in heutigen Zeiten ist es noch ungewöhnlich, dass eine Frau ihren Handlungsspielraum derartig ausweitet, wie Katharina es getan hat. Sie hatte ein enormes Streben nach Unabhängigkeit, die sie vor allem durch Absicherung mittels Grundeigentum erreichen wollte. Bis heute halten Frauen nur einen Bruchteil des Grundbesitzes in Deutschland, der meiste Grund gehört Männern. Zwar dürfen Frauen, anders als Katharina, inzwischen erben, aber auch das noch nicht lange! Auch dass Katharina eine Ehe mit Luther eingehen will und ihm deshalb selbst einen Heiratsantrag macht, ist für heutige Zeiten modern. Viele Frauen meinen, auf einen Antrag warten zu müssen, haben gelernt, es sei unweiblich, selbst diesen Schritt zu tun. Diese Erziehung sitzt tief. Katharina hat ihr Leben durch verschiedene Entscheidungen extrem mitgestaltet.

Welche Stilmittel erlauben es, einer Figur nahe zu kommen?

Daniela Knapp: Durch das Stilmittel der begleitenden Kamera wollten wir der Figur von Katharina besonders nahe kommen. Wir wollten durch ihre Augen sehen, mit ihr in Wittenberg ankommen oder das "Schwarze Kloster" durchwandern. Oft haben wir mit Einstrahlungen auf der Linse gearbeitet, die Katharina und auch dem Zuschauer die klare Sicht auf die Dinge ein bisschen verstellen. Dadurch fühlen wir auch mit ihr, wenn eine Situation für sie unklar oder bedrohlich ist. Die Zuschauer haben nie einen Wissensvorsprung vor unserer Hauptfigur. Wir arbeiten auch sehr viel mit extremen Details, die die Stimmung der Figuren widerspiegeln oder aber ihren Blick auf die Welt darstellen.

Die Geschichte Katharinas spiegelt natürlich auch einen wichtigen Teil des Lebens von Martin Luther. Was wollten Sie über den Reformator erzählen?

Christian Schnalke: Wir wollten hinter dem Reformator den Menschen finden. Auch Luther steckt voller Widersprüche. Seinen Mut und seinen unumstößlichen Glauben kennt jeder. Aber vieles erschließt sich erst aus seinen Ängsten, aus Zweifeln und inneren Kämpfen und sogar aus Verzweiflung. Ein Beispiel: Man weiß, dass im Mittelalter viele Kinder gestorben sind und geht immer – ohne weiter darüber nachzudenken – davon aus, das sei irgendwie "normal" gewesen. Aber in Briefen und Zeugnissen über Luther lässt sich sehen, dass er am Tod seiner zwölfjährigen Tochter Magdalena abgrundtief gelitten hat. Was wiederum Auswirkungen auf seine Arbeit hatte. Indem wir uns Luther von dieser Seite nähern, gelingt es uns vielleicht, ein Fenster des Verständnisses zu öffnen.

Gibt es eine ganz spezielle Stimmung, die Sie kreieren wollten?

Daniela Knapp: Wir wollten ganz bewusst an manchen Stellen ein Gefühl der Unsicherheit herstellen – es war eine Zeit, in der Menschen beispielsweise glaubten, dass sie tatsächlich ein "Teufelsbalg" gebären könnten! Diese Unsicherheit sollte man spüren. Deshalb haben wir oft Handkamera eingesetzt, manchmal ist das Bild unscharf oder die Kamera schwenkt weg und man bekommt nicht die ganze Information. Es war auch eine "dunkle Zeit" – wir wollten nicht alles im klaren hellen Licht zeigen, sondern vieles auch im Dunklen lassen. Die partielle Beleuchtung durch Kerzen verstärkt natürlich auch das Gefühl, nicht alles sehen zu können und deshalb nicht alles zu wissen. Wir haben auch "alte" Objektive benutzt, die durch ihre Ungenauigkeit genau den Effekt erzielten, den wir wollten – nicht alles klar und scharf zu sehen.

Wie schaffen Sie es, einen religiösen Sprengstoff, wie Luthers vor 500 Jahren formulierte Thesen, so anzusprechen, dass die damalige Brisanz dem heutigen Zuschauer verständlich wird?

Christian Schnalke: Indem wir die zeitlichen Zusammenhänge deutlich machen. Luthers Denken ist heute selbstverständlich, und vieles ist allgemeiner Konsens – ob man seinem Glauben folgt oder nicht. Erst indem wir das damalige Umfeld spürbar machen, den Zeitgeist, alles, was damals als gegeben und normal empfunden wurde, wird Luthers Denken wirklich brisant und "Sprengstoff". Erst durch die Dramatisierung fühlt man, wie revolutionär sowohl sein Glauben war als auch die Art und Weise, wie er für ihn gekämpft und ihn den Menschen nahegebracht hat.

Sie haben mit Karoline Schuch und Devid Striesow bereits sehr erfolgreich zusammengearbeitet, entwickeln Sie die Rollencharaktere mit ihnen gemeinsam?

Julia von Heinz: Beide Schauspieler vertrauen mir und sie wissen, dass ich mich monatelang mit den Figuren beschäftigt habe, wenn wir die gemeinsame Arbeit beginnen. Gleichzeitig lerne ich auch von ihnen, denn sie fügen Charakterzüge hinzu, geben den Figuren Eigenheiten, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre. Dies entsteht in gemeinsamen Gesprächen, bei den Proben und auch, während man eine Szene gerade dreht.