Interview mit Semiya Şimşek

»Ich hatte insgeheim immer gehofft, dass mein Buch verfilmt werden würde. Das Ergebnis ist beeindruckend.«

Semiya Şimşek
Semiya Şimşek

Der Film "Die Opfer – Vergesst mich nicht" basiert auf Ihrem Buch "Schmerzliche Heimat". Welche Absicht haben Sie mit dem Buch verfolgt?

Seit dem Mord an meinem Vater waren wir unfassbaren Anfeindungen ausgesetzt. Die Ermittler behaupteten, mein Vater habe kriminelle Geschäfte gemacht, sei ein Drogen-Dealer gewesen. Wir durften nicht einfach "nur" Opfer sein. Dann 2011 einerseits die sichere Erkenntnis, dass alle diese Verdächtigungen unzutreffend waren, andererseits die grausame Gewissheit, dass mein Vater von Nazis getötet wurde, von Menschen, die uns einfach nicht in Deutschland haben wollten. Ich entschied mich, als Hinterbliebene endlich meine Stimme zu erheben. Jeder sollte erfahren, was Schreckliches passiert ist und wie meine Familie jahrelang zu Unrecht zu Tätern gemacht wurde. Das Buch schien mir hierfür eine geeignete Plattform zu sein. Beim Schreiben merkte ich zudem, wie sehr es mir persönlich bei der Verarbeitung der ganzen Geschehnisse half, die grausame Tat und die anschließenden, unglaublichen Verdächtigungen so noch einmal ganz nah an mich herankommen zu lassen

Nun ist Ihr Buch verfilmt worden. Wie war Ihre Reaktion, als Sie von dem Vorhaben hörten, und welche Hoffnung verbinden Sie damit?

Ich hatte insgeheim immer gehofft, dass mein Buch verfilmt werden würde. Das Ergebnis ist beeindruckend. Der Film bietet die besondere Chance, nun noch sehr viel mehr Menschen zu erreichen und ihnen vor Augen führen zu können, was hier Schlimmes passiert ist. So etwas darf sich nie wieder wiederholen und wir sind alle dazu aufgerufen, dies nach Kräften zu verhindern. Niemand darf wegen seiner Herkunft diskriminiert werden.

Wichtige Teile des Films wurden bei Ihnen zu Hause an Originalschauplätzen in der Türkei, wo Sie heute leben, gedreht. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Der Film erzählt die Geschichte meiner Familie. Er basiert auf meinem Buch, in dem alles echt ist. Und genau diese völlige Echtheit konnte meines Erachtens mit einem Film nur dadurch transportiert werden, dass er genau dort stattfindet, wo wirklich alles passiert ist. Es ist hervorragend gelungen.

Die Ermittlungen im Nachgang zu der Ermordung Ihres Vaters gingen hartnäckig jahrelang in die falsche Richtung, ein rechtsradikaler Hintergrund wurde ausgeschlossen. Ihr Vater wurde sogar beschuldigt, ein Doppelleben geführt zu haben. Wie erklären Sie sich das?

Meine Familie und ich, wir hatten schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass hinter den Morden durchaus auch ein ausländerfeindlicher Hintergrund stecken könnte. Dies wurde von den Ermittlern immer wieder ignoriert. Stattdessen warfen sie immer weitere, haltlose Vorwürfe gegen meinen Vater auf. Warum sie das Naheliegende die ganze Zeit über nicht zum Thema gemacht haben, da kann ich nur mutmaßen, um mich mal vorsichtig auszudrücken.

In ihrer Rede zum zentralen Gedenken für die Opfer der Neonazi-Terrorzelle versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel die Aufklärung der Morde und hat sich bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Ist es überhaupt möglich, einen solchen Mord zu verzeihen?

Ich denke: nein. Aber das war auch nie die entscheidende Frage. Zunächst einmal müssten die Morde überhaupt vollends aufgeklärt werden. Und dass das möglich sein soll, davon bin ich nie ausgegangen. Nicht, solange Beate Zschäpe schweigt und jede Verantwortung von sich weist. Vor wenigen Wochen hat sie zwar tatsächlich in ihrem Prozess ihre Verteidiger für sie ausrichten lassen, dass es ihr – auch ohne Schuldeingeständnis – leid tue, was da über Jahre passiert ist. Wenn sie im selben Atemzug dann aber betonen lässt, dass sie in ihrem Prozess ausschließlich Fragen des Senats beantworten wird, nicht aber etwaige der Nebenklage, dann weiß ein jeder, wie viel Wert hier so ein Geständnis wohl haben wird. Wenn Zschäpe stattdessen über ihre Anwälte sinngemäß ausführen lässt, dass sie selbst ebenfalls immer eine Art Opferrolle eingenommen habe, dann verhöhnt sie damit die Opfer und deren Angehörige.

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