Regisseur Florian Cossen über "Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch"

»Wenn ein Film bestenfalls bohrende Fragen stellen kann, dann ist es genau der richtige Moment, um sich des Themas filmisch anzunehmen.«

Florian Cossen
Florian Cossen

»Die ersten 15 Jahre meines Lebens war ich Ausländer – ein deutscher Ausländer. Mein Blick auf dieses Deutschland begann also von der anderen Seite – von außen nach innen schauend: aus Israel, Kanada, Spanien – Richtung Deutschland. Als Sohn deutscher Diplomaten, deutscher 'Staatsdiener'. In den 80ern, in Israel, wuchs ich mit dem 'einen' und dem 'anderen' Deutschland in der Ferne auf. Die Berliner Mauer fiel vor meinen Augen durch einen kanadischen Fernseher hindurch in unser kanadisches Wohnzimmer. Die Bilder von brennenden Ausländerheimen in Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen verhöhnten uns Auslandsdeutsche aus jeder spanischen Tageszeitung heraus: Schaut her – das Neueste aus der Heimat! In dieser Zeit wurde ich geübt darin, mich als Deutscher für ein Deutschland zu rechtfertigen und es zu verteidigen, in dem ich selber noch nie gelebt hatte. Ein Land, welches ich kaum kannte, dessen Reisepass und Sprache ich aber besaß.

20 Jahre später, im Jahr 2015, brennen bei uns in Deutschland erneut Häuser, die für Ausländer vorgesehen sind. Und wir haben drei Filme gemacht über ein Trio, welches sich in den Nuller Jahren mutmaßlich zur Aufgabe gemacht hatte, Ausländer in Deutschland hinzurichten, immer wieder, mit der gleichen Waffe. Sie waren in rechtsradikalen Strukturen aufgewachsen, die vom Verfassungsschutz mit aufgebaut und geduldet wurden. Und darum geht es in unserem Teil der Trilogie: ein Film über das Scheitern der Behörden im NSU-Fall. Gabriela Sperl, die Historikerin und Filmproduzentin dieser filmischen Trilogie, besitzt ein ganz besonderes Gespür dafür, wann Geschichte relevant ist für die Gegenwart. Und wann die Gegenwart nicht länger darauf warten sollte, aus ihrer Geschichte zu lernen.

Als die Idee geboren war und das Angebot stand, drei szenische Filme zum NSU aus der Perspektive der Täter, der Opfer und der Ermittler zu erzählen, habe ich kurz gehadert. Ist der Zeitpunkt zu früh? Sollte man das Ende des Prozesses gegen Beate Zschäpe und die finalen Erkenntnisse abwarten, bevor man eine filmische Interpretation des womöglich größten Ermittlungsskandals der letzten Jahrzehnte dreht?

Nein. Sollte man nicht. Denn obwohl auch ich wie besessen mich nach Aufklärung sehne, nach dem Benennen von Schuldigen, nach schlüssigen Erklärungen für das Unerklärliche – mir scheint, es steht zur Zeit auf der Kippe, ob die Ermittlungen sowohl zu den Morden als auch zu der Verstrickung des Staates in diesem Fall jemals die vollständige Wahrheit ans Licht bringen werden. Und wenn ein Film bestenfalls bohrende Fragen stellen kann, dann ist es genau der richtige Moment, um sich des Themas filmisch anzunehmen. Einen filmischen Beitrag zur fortwährenden und so wichtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung über das kollektive, das institutionelle und das persönliche Versagen zu leisten.

Im Jahr 2015 verdreißigfachte sich in Deutschland die Zahl an Straftaten mit ausländerfeindlichem Motiv gegenüber dem Jahr 2011. Es gibt also tatsächlich keine Zeit zu verlieren, die Diskussion um eine gesellschaftliche Veränderung voranzutreiben, und es ist sicher nicht zu früh für die Filmreihe zum NSU.«

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