Interview mit Iris Berben

"Es gibt noch eine Menge für die wirkliche Gleichberechtigung der Frau zu tun."

Elisabeth Selbert
Iris Berben spielt Elisabeth Selbert

Frau Berben, Sie brennen für den Film "Sternstunde ihres Lebens", in dem es um Gleichberechtigung und die Entstehung des Grundgesetzes geht. Warum?

Beim Lesen des Drehbuches war ich sofort elektrisiert. Ich fand es sehr klug, ein wichtiges Stück deutscher Geschichte um den Kampf nach Gleichberechtigung von Mann und Frau mit der heutigen Aktualität dieses Themas zu verknüpfen. Ich gebe zu, vorher selbst nichts von Elisabeth Selbert gewusst zu haben, was im Grunde sehr ärgerlich ist. Denn wir Frauen partizipieren heute von dem harten und langen Weg, den diese hessische Politikerin nach dem Krieg gegangen ist. Man kennt zwar Artikel 3, aber vielen ist nicht bewusst, wie entscheidend die Aufnahme des vermeintlich unwichtigen Zusatzes "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in das Grundgesetz war, um die Frau auch in zivilrechtlichen Angelegenheiten gleichzustellen. Auch wenn das Grundgesetz nun sein 65-jähriges Jubiläum feiert, gibt es noch eine Menge für die wirkliche Gleichberechtigung der Frau zu tun.

Welche Ungleichheiten zwischen Mann und Frau sind das aus Ihrer Sicht?

Lohngleichheit gibt es heutzutage immer noch nicht zwischen Mann und Frau. Und es ist bitter, dass wir heute wieder über Quoten reden müssen, wovon wir uns schon in den 70er Jahren verabschiedet hatten. Denn noch bis zu dieser Zeit musste eine Frau ihren Mann um Erlaubnis fragen, ob sie überhaupt einen Beruf ausüben durfte. Mir wäre es bedeutend lieber, wenn Frauen über ihre jeweilige Qualifikation in ihre Ämter kämen. Wir haben zwar inzwischen eine Bundeskanzlerin, aber es geht um Chancengleichheit, die wir Frauen brauchen, um Beruf und Familie vereinen zu können. Frauen müssen sich heute immer noch verteidigen, wenn sie trotz Kindern Karriere machen möchten. Wir müssen aufpassen, uns nicht von solchen konservativen Gedanken einlullen zu lassen. Denn ich finde es manchmal etwas beschämend, wie selbst Frauen heutzutage noch einen Vergleich zwischen einer "Karrierehexe" und einem "Hausmütterchen" ziehen. Ich würde mich sehr freuen, wenn der Film die Zuschauer anspricht. Ich bin nicht nur gespannt, wie die Männer auf dieses Thema reagieren, sondern vor allem auch auf die Reaktion der Frauen.

Wie kann es gelingen, einen vermeintlich trockenen Stoff über einen Paragraphen spannend zu erzählen?

Es war sehr intelligent und hilfreich, mit der Figur von Irma Lankwitz eine andere, emotionalere Farbe in den Film aufzunehmen. Anna Maria Mühe verkörpert diesen Frauentypus, der am Anfang sagt: "Es ist so, wie es ist"... und den vehementen Einsatz von Elisabeth Selbert zunächst einmal nicht nachvollziehen kann. Oder Lore, die Cousine von Irma, die den Kampf um Gleichberechtigung als wichtig erachtet und ein selbstbestimmtes und beruflich erfolgreiches Leben führt, bis ihr Mann aus dem Krieg zurückkehrt und sie ihm selbstverständlich ihren Job überlässt – eine damals junge Generation von Frauen, die sich sehr bewusst machte, sich ihre Chancen nehmen zu müssen. Über diese Frauenfiguren transportiert der Film, dass hinter den "trockenen" Paragraphen Menschen stecken, die sich für etwas zutiefst Menschliches einsetzen und kämpfen. Und das berührt emotional.

Wie würden Sie die Juristin Elisabeth Selbert charakterisieren?

Elisabeth Selbert setzt ihre Leidenschaft pragmatisch für die Sache ein oder anders ausgedrückt: Über ihren Pragmatismus ist Elisabeth zu ihrer Leidenschaft gekommen. Bei Elisabeths Vorstellungen und Idealen handelt es sich nicht um Hirngespinste, sondern um nachvollziehbare Lebenserfahrung. Aufgrund ihrer täglichen Berufspraxis ist sie absolut davon überzeugt, dass den Frauen Ungerechtigkeit widerfährt. Denn als Anwältin, die mit Scheidungsangelegenheiten zu tun hatte, musste Elisabeth Selbert oft miterleben, dass es immer wieder die Frauen waren, die draufzahlen mussten, wenn die Familie auseinanderbrach. Dadurch gerieten sie in eine ungesichterte Lebenslage, ohne große Chancen. Damals war der Mann das Oberhaupt der Familie. Eine Frau durfte ja nicht einmal einen größeren Kaufvertrag ohne dessen Einverständnis unterschreiben.

Woher nahm diese Frau ihre Überzeugung und ihr Selbstbewusstsein? Was war die Triebfeder von Elisabeth Selbert?

Für mich ist Elisabeth Selbert eine sehr einleuchtende Figur, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten wollte. Sie hat früh die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen erkannt und mobil gemacht. Das Rechtsbewusstsein bekam Elisabeth wahrscheinlich früh durch ihren Vater vermittelt, der im Gefängnis gearbeitet hat und Ungerechtigkeit nicht ertragen konnte. Daher kam wohl ihre Motivation, sprachlosen Menschen eine Stimme verleihen zu wollen. Elisabeth Selbert war die letzte Frau, die ihre Zulassung als Anwältin vor Hitlers Machtübernahme bekommen hat. Sie ist für mich eine der ganz frühen emanzipierten Frauen, verheiratet, was ebenso spannend ist, mit einem emanzipierten Mann.

Wie genau sah das aus? Wie würden Sie die "emanzipierte" Ehe zwischen Adam und Elisabeth beschreiben?

Elisabeth Selbert hatte einen Mann an ihrer Seite, der ihr den Rücken freigehalten hat und dessen Persönlichkeit nicht daran zugrunde ging, weil er für die Kinder sorgte. Im Gegenteil: Trotz der zwei Kinder hat er sie zum Studium ermutigt. Ein Mann, vom Krieg gebeutelt, der Arbeitsverbot hatte und Steine schleppen musste, der kaputte Hände und Diabetes hatte. Doch Adam Selbert pochte niemals darauf, in seiner eigenen Position weiterzukommen. Elisabeth hingegen stellte ihr Privatleben hinten an und das machte ihren Mann so groß. Das Wunderbare an der Geschichte ist: Elisabeth Selbert – diese außergewöhnliche Frau – hat an ihrer Seite einen ebenbürtigen Mann und ist eine heutige Figur. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Emanzipation der Frau nur möglich ist mit der Emanzipation des Mannes. Eine Emanzipation kann man nie gegen den anderen führen. Das bedeutet, Männer müssen sich mit der neuen Rolle der Frau emanzipieren. Alle klugen Männer wissen, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen müssen – und dieser ist noch nicht abgeschlossen.

Woher kommt diese Überzeugung bei Ihnen persönlich?

Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, da war das Thema Emanzipation keine Selbstverständlichkeit. Aber meine Mutter und auch schon meine Großmutter haben für damalige Verhältnisse ein sehr selbstbestimmtes Leben geführt. Meine Mutter ist sehr früh eigene private und berufliche Wege gegangen und hat mir quasi Emanzipation hautnah vorgelebt. Sie hat ihr Abitur nachgemacht und studiert. Und meine Großmutter hat mit einer großen Selbstsicherheit sieben Kinder großgezogen. Fünf davon sind früh ins Ausland gegangen, darunter meine Mutter. Diese Art von Selbstbestimmtheit hat wohl mein Leben von klein auf bis heute geprägt, und dafür bin ich sehr dankbar.

Wie haben Sie sich auf diese historische Rolle vorbereitet?

Ich habe viel historisches Material an die Hand bekommen, darunter die Biografie von Elisabeth Selbert und die Radioaufzeichnungen ihrer Reden. Mich hat fasziniert, wie ruhig und bedächtig sie ihre Worte wählte. Aber mir war von Anfang an klar, dass wir eine andere Klangfarbe wählen mussten. Wichtig war nicht das gleiche Aussehen und Stimme der Frau, sondern das, was wir als ihren Kerngedanken transportieren wollten – wofür Elisabeth Selbert stand und sich eingesetzt hat. Wir haben mit der Regisseurin und Produzentin viel darüber gesprochen, wie wir Elisabeth Selbert darstellen wollten. Schlussendlich entschieden wir uns dafür, Elisabeth Selbert nicht laut und polternd auftreten zu lassen, sondern mit leisen Tönen, doch jederzeit bestimmt und mit fester Überzeugung und Kraft. Auch unsere wunderbare Regisseurin Erica von Moeller ist eine sehr ruhige, aber bestimmende Frau, die genau wusste, wohin sie wollte. Das hat mir sehr gut getan und ich fühlte mich unheimlich eingebettet. Der gesamte Cast bis hin zur Kamerafrau und Produzentin bestanden aus einer großen Frauenpower, aus der dann "Frauenglück" wurde. Der Film kann vielleicht einen Beitrag dazu leisten, dass wir Frauen uns nicht in zuviel Sicherheit wiegen dürfen.