Interview mit Lena Stolze

"Frieda Nadig hat mich vom ersten Moment an meine Großmutter erinnert."

Frieda Nadig (Lena Stolze) und Elisabeth Selbert (Iris Berben).
Frieda Nadig (Lena Stolze) und Elisabeth Selbert (Iris Berben).

Frau Stolze, wie würden Sie Ihre Rolle der Frieda Nadig beschreiben?

Frieda Nadig hat mich vom ersten Moment an meine Großmutter erinnert, die nur um ein paar Jahre jünger als Frieda Nadig war. Sie kam aus Frankfurt Oder, war also eine waschechte Preußin, aber sie hatte das gleiche klare, auch ein wenig herbe Gesicht. Auch sie wuchs, wie Frieda Nadig, in einfachen Verhältnissen auf, erlebte und überlebte zwei Weltkriege, lernte einen Beruf, lernte einen anderen Beruf und behauptete sich als allein stehende Frau in einer von Männern bestimmten Welt. Kein einfaches Leben, kein Leben, in dem man viel geschenkt bekommt. Und das sah man ihr auch an. Etwas von diesem Leben einzufangen, war mir wichtig. Meine Großmutter war keine politische Frau. Sie hatte ihre Meinung zur Welt, aber sie hätte sich nie zugetraut, in ihr gehört zu werden. Frieda Nadig jedoch trat, geprägt durch ihr politisches Elterhaus, mit 19 Jahren in die SPD ein, engagierte sich in der Arbeiterwohlfahrt und erhielt 1933 als "bekenntnistreue Sozialistin" Berufsverbot. Ab 1936 arbeitete sie als Gesundheitspflegerin in Ahrweiler. Alle ihre langen Wege zu den von ihr betreuten Menschen hat sie, so kann man über sie lesen, zu Fuß gemacht – zu Fuß, stundenlang, auch im Winter. So wie es mir meine Großmutter beschrieben hat: "... mutterseelen alleene und allet zu Fuß, nee mein Lenchen, wat warn wir uff de Beene ..." Ich habe noch sehr gut ihren direkten, pragmatischen Ton im Ohr, den sie sich über die Jahrzehnte bewahrt hatte. Und ihren Humor, den ich versucht habe, mir als Frieda zunutze zu machen.

Was wussten Sie über Ihre Figur und den Artikel 3?

Zu wenig! Wir haben die Geschichte Deutschlands nach dem Krieg bis in die 60er Jahre ausgeblendet. Das ist sehr schade, aber umso besser, dass dieser Film den vier Frauen, die in dieser entscheidenden Zeit an der politischen Neuorientierung mitgearbeitet haben, ein Denkmal setzt. Und hoffentlich auch neugierig auf mehr macht!

Wie war aus Ihrer Sicht das Verhältnis zwischen Elisabeth Selbert und Frieda Nadig?

Ich denke, das Verhältnis zwischen diesen beiden Frauen war ein gutes und freundschaftliches auf gleicher Augenhöhe. Frieda Nadig kam mit dem Selbstbewusstsein, durch ihre politische Arbeit etwas verändern zu können, nach dem Krieg als Abgeordnete in den Parlamentarischen Rat. Obwohl sie die Gleichstellung unehelicher Kinder und die Verankerung der Lohngleichheit im Grundgesetz nicht durchsetzen konnte, hat sie mit Elisabeth Selbert die wichtige Neuformulierung des Artikel 3 erkämpft, ihr den Rücken gestärkt und mit ihr gesiegt!