Interview mit Regisseurin Erica von Möller

"Eine positive, visionäre, zupackende Nachkriegsgeschichte."

Regisseurin Erica von Moeller bei der Preview von "Sternstunde ihres Lebens"
Regisseurin Erica von Moeller bei der Preview von "Sternstunde ihres Lebens"

Was macht für Sie persönlich den Reiz historischer Drehbücher aus?

In "Sternstunde ihres Lebens" geht es um eine positive, visionäre, zupackende Nachkriegsgeschichte – aus der Sicht der Frauen – mit einer solchen Relevanz bis heute. So lange wir auch 65 Jahre später eine ungleiche Teilhabe von Frauen im Hinblick auf berufliche Karrieren, politische Entscheidungsmacht und die häusliche Arbeitsteilung zu verzeichnen haben, ist ein solcher Film mehr als notwendig und überaus aktuell.

Was hat Sie besonders an dieser Geschichte interessiert?

Von Anfang an war ich begeistert, als mir die Produzentin Juliane Thevissen von diesem Stoff erzählt hat! Hier verbinden sich meine politische Haltung und eine prallvolle Geschichte – was für ein Geschenk! Zudem ist für mich gerade die Nachkriegszeit hoch spannend und bislang in wenigen Filmen behandelt. Hier eine Geschichte des Aufbaus zu erzählen, zwischen der Sehnsucht nach Tanz und Zigaretten, dem Ringen um Lebensentwürfe und tragfähige Werte, macht es besonders reizvoll.

Inwieweit war Ihnen Artikel 3 im Grundgesetz vorher bekannt?

2008 habe ich mich mit dem Grundgesetz für ein anderes Projekt befasst. Dabei ist mir aufgefallen, wie wenig ich über die Zeit der Entstehung wusste, beispielsweise, welch besondere Aufgabe dem Parlamentarischen Rat zukam: in Windeseile eine tragfähige Struktur für Deutschland zu erarbeiten. Was den Artikel 3 betrifft, so ist mir mit dieser Arbeit wieder klar geworden, wie mühsam es ist, selbst ein bestehendes Recht politisch umzusetzen, insbesondere wie lange die zivilrechtliche Gleichstellung gedauert hat. Deshalb war es uns wichtig, den beschwerlichen Weg nach 1948 bis heute am Ende des Films stichpunktartig nachzuzeichnen.

Solch ein politisches Thema zur Primetime – wie bekommt man so einen Stoff unterhaltend aufgearbeitet?

Mich berührt auch heute noch, mit welch visionärem Geist Elisabeth Selbert für die Gleichberechtigung gekämpft hat, um dann – mehr oder weniger – in Vergessenheit zu geraten. Insofern hat mich im Besonderen gereizt, dieses essenzielle und politisch immer noch brisante Thema für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In den beiden Hauptfiguren Elisabeth und Irma kommen zwei konträre Lebensentwürfe deutlich zum Tragen. Schon das Buch erzählt den politischen Kampf sehr emotional und mit viel Humor. Mit den Schauspielerinnen haben wir genau diese Bewegung weitergeführt und versucht, authentische Figuren mit nachvollziebaren Bedürfnissen zu zeigen. Der Zuschauer bekommt dadurch einen völlig anderen Blick auf die Nachkriegszeit, die sonst immer mit den Schicksalen der Trümmerfrauen gleichgesetzt wird.

Was galt es bei der Umsetzung des Drehbuchs zu beachten?

Das Ringen um eine juristische Formulierung ist tatsächlich ein sehr komplexer und abstrakter Vorgang. Für mich war es sehr wichtig, genau das für den Zuschauer plastisch nachvollziehbar zu machen. Da ich schon von Anfang an bei der Drehbuchentwicklung dabei sein durfte, konnte ich zusehen, wie die Autorin Ulla Ziemann dramaturgisch die einzelnen Stränge sehr klug verwoben hat. In der Arbeit mit den Schauspielern und dem Team ist daraus eine emotional berührende Heldenreise geworden.

Was war Ihre persönliche Herausforderung bei diesen Dreharbeiten?

Für alle Abteilungen ist es eine große Herausforderung, den Zuschauer glaubhaft in eine andere Zeit zu versetzen. Szenenbild, Kostüm und Maske auf der einen und die herausragende Bildgestaltung auf der anderen Seite haben Großartiges geleistet, diese besondere Ästhetik der "End-40er" Jahre zu treffen – und das trotz des engen Budgets. Vor Drehbeginn kamen dann nicht nur die Hautdarsteller, sondern das gesamte Ensemble und sogar die Komparsen zu Treffen, bei denen wir uns Wochenschaumaterial, Fotos sowie Zeitzeugendokumente angeschaut haben, um auch die Haltung und den Tonfall der Nachkriegszeit zu treffen.

Wie ist der Cast zustande gekommen? War die Besetzung von Elisabeth Selbert gleich zu Beginn klar?

Iris Berben war von Anfang an unsere absolute Traumbesetzung. Sie ist nicht nur eine grandiose Schauspielerin, sondern auch ihr Leben lang ein politisch agierender Mensch. Dass sie nicht nur sofort zugesagt, sondern sich auch sehr intensiv und klug mit der Rolle auseinandergesetzt hat, war ein großes Glück für meine Arbeit und den Film. Anna Maria Mühe war ebenfalls schon in der Entwicklungsphase meine erste Idee für die Rolle der Irma. Sie spielt mit solchem Witz und Charme, schafft den Bogen von der naiven Sekretärin zur selbstbewussten jungen Frau, die Selbert im politischen Kampf unterstützt. Bei den Dreharbeiten haben sich dann beide so wunderbar ergänzt und beflügelt, dass es für uns alle die reine Freude war, ihnen zuzuschauen. Auch mit den weiteren sehr hochkarätig besetzen Rollen war es die gleiche Erfahrung: Alle wollten diese Geschichte erzählen und sind mit großem Engagement dabei gewesen.