"Die Zuschauer zu Schöffen machen"

Produzent Oliver Berben, Regisseur Lars Kraume und Redakteur Sasche Schwingel im Gespräch

Ein Gerichtsverfahren mit weitreichenden Konsequenzen: Ist Lars Koch (Florian David Fitz, li.) ein Held oder ein Mörder und durfte er das Leben von 164 Menschen opfern, um 70.000 zu retten? Ist
Oliver Berben: "Wir wollen aus dem Stück nicht nur einen Film machen, sondern ein mediales Ereignis."

Ferdinand von Schirach hat mit "Terror" sein erstes Theaterstück geschrieben, Sie machen daraus einen Film. War der Weg vom Stück zum Drehbuch ein weiter?

Lars Kraume: Eigentlich nicht. Der Drehbuchtext ist etwas gekürzt, weil wir im Fernsehen etwas schneller auf den Punkt kommen müssen als im Theater – schließlich muss ein Film den Zuschauer so stark fesseln, dass er nicht umschalten will. Allerdings schafft das auch das Stück von Ferdinand von Schirach schon von ganz alleine, einfach weil es sehr spannend ist und den Zuschauer von Anfang an einbindet.

Oliver Berben: Wir wollen aus dem Stück nicht nur einen Film machen, sondern ein mediales Ereignis. Und schon deshalb mussten wir die Theaterfassung abändern. Die große Qualität des Textes liegt aber in der Sprache von Ferdinand von Schirach. Auf der einen Seite erklärt er sachliche Dinge und Fakten, gleichzeitig bindet er aber seine Leser und Zuschauer auch emotional. Das allein macht das Theaterstück schon besonders. Der Film und das Drehbuch perfektionieren das noch, wir führen die Emotionalität noch weiter.

Terrorismus ist eines der brisantesten Themen unserer Zeit und als solches sehr angstbehaftet. Hatten Sie anfangs Bedenken, das Thema könnte zu heikel sein? Und was hat Sie letztendlich überzeugt, "Terror" umzusetzen?

Sascha Schwingel: Die Art und Weise, wie Ferdinand von Schirach mit diesem Thema umgeht, hat uns sehr schnell und trotz aller Bedenken überzeugt. Es ist neben einem klugen und spannenden Text vor allem der Geniestreich, die Zuschauer zu Schöffen zu machen und durch sie das Urteil fällen zu lassen. Wenn man diese Verantwortung annimmt, beschäftigt man sich differenzierter mit dem Thema und mit vielen verschiedenen Aspekten. Man gelangt zu einer substanzielleren Haltung. Das ist ein spannender Prozess, den wir mit diesem Projekt anstoßen wollen.

Berben: Sich mit dem Thema Terror filmisch auseinanderzusetzen, ist komplex. Mir ist bewusst, dass das kein Thema ist, mit dem sich automatisch alle Türen öffnen. In unserem Film geht es aber nicht allein um den Umgang mit Terrorismus und was der Terrorismus in seinen schrecklichen und brutalen Ausmaßen anrichtet, sondern es geht maßgeblich darum, wie sich unsere Gesellschaft dadurch verändert. Also, wie möchten wir in Deutschland oder Europa heute leben? Wie viel Kontrolle über unser Leben sind wir bereit abzugeben? Wenn Sie heute also beispielsweise in einer langen Schlange vor einem Kino stehen, fühlen Sie sich anders als noch vor zehn Jahren. Ich bin sowohl in Deutschland als auch in Israel groß geworden, dort lebt man mit dieser Unsicherheit schon immer. Vor jedem Club, vor dem Sie stehen, oder in jedem Bus, in den Sie steigen. Diese Angst oder dieses Gefühl ist jetzt überall in Europa und in der Welt angekommen. Damit spielt dieses Werk. Es geht um die Gefahr der Zerstörung unserer Gesellschaft an sich.

Kraume: Meiner Meinung nach ist es unsere Pflicht, diese Themen im Drama zu behandeln, weil man damit eine breite Öffentlichkeit auffordert, sich mit komplizierten Fragen zu beschäftigen: Wie wollen wir diesen Rechtsstaat gegen Angriffe verteidigen? Was bedeutet uns unsere Verfassung? Ich halte es für sinnvoll, diese Fragen im abstrakten Raum einer Fiktion zu stellen, denn wenn es konkret wird und ein Angriff stattfindet, sind alle Menschen wesentlich emotionaler als in so einer "Versuchsanordnung".

Im klassischen Gerichtsdrama ist meist recht eindeutig, wer "gut" und wer "böse" ist. In "Terror" lässt sich diese Frage nicht so leicht beantworten. Das Medium Film verfügt aber über viele subtile Mittel, um den Zuschauer zu beeinflussen. Auf der anderen Seite durfte eine Beeinflussung aber gerade nicht geschehen, um dem Zuschauer am Ende eine möglichst vorurteilsfreie eigene Meinungsbildung zu ermöglichen. Hat das eine besondere Herausforderung dargestellt?

Kraume: Nun, wir haben uns tatsächlich um große Neutralität bemüht. Wir haben darauf geachtet, keine Perspektive einzunehmen. Die Kamera behandelt alle Figuren gleich, beobachtet sie nur in ihren Haltungen, ohne sie zu bewerten. Und es gibt zum Beispiel auch keine Musik, die den Zuschauer unterbewusst manipuliert.

Berben: In unserem Gerichtsverfahren geht es darum, ob die Entscheidung, die Major Koch fällt, die Maschine abzuschießen, ihn im rechtlichen Sinne schuldig macht oder nicht. Und diese Frage ist nicht eine Frage von Gut oder Böse. Die Beeinflussung des Zuschauers werden Sie nie gänzlich ausschließen können, aber das können Sie im wahren Leben auch nicht. Mit Ferdinand von Schirach habe ich darüber gesprochen, dass je nachdem, wie sympathisch oder unsympathisch ich den Piloten besetze, das Urteil demensprechend anders ausfallen kann. Seine Antwort: "Das ist vor jedem Gericht und bei jedem Verfahren auch so. Die Äußerlichkeiten oder die Gegebenheiten beeinflussen die Menschen. Wichtig ist es, sich trotz dieser Beeinflussung auf die Fakten zu konzentrieren und danach sein Urteil zu fällen."

Sie haben für den Film "Terror" eine erstklassige Darstellerriege versammeln können. Verraten Sie uns: Wie war der Findungsprozess? Welche besonderen Anforderungen stellt "Terror" an den Cast?

Berben: Der Findungsprozess war sehr leicht: Alle Schauspieler, die wir uns gewünscht haben, haben zugesagt. Außer, dass es ein besonderer Cast sein sollte, ging es natürlich darum, bei so einem konzentrierten Stück auch Schauspieler zu besetzen, die in der Lage sind, lange Texte wie z.B. Plädoyers eindrucksvoll rüberzubringen. Wir wollten "Theatertiere" haben, die keine Angst vor den Texten und den Figuren haben. Ein Film ist in seiner Herstellung natürlich ganz anders als ein Theaterstück, man hat die Möglichkeit, zuschneiden oder neu anzusetzen. Aber die Herausforderungen waren dennoch ähnlich.

Kraume: Wir waren uns schnell einig, dass wir vor allem Bühnenschauspieler brauchen. Außerdem mussten wir natürlich auch hier darauf achten, dass wir ein Gleichgewicht herstellen, was die Sympathie zu den Figuren betrifft. Und dann ist es auch so, dass ich gerne mit Schauspielern arbeite, die ich bereits kenne: Burghart Klaußner, Lars Eidinger, Jördis Triebel und Rainer Bock haben bereits zuvor mit mir gearbeitet, Florian David Fitz und Martina Gedeck kannte ich nur aus anderen Filmen. Wir haben uns aber vorher getroffen und miteinander über das Stück geredet, bevor wir uns zu einer Zusammenarbeit entschlossen haben.

Das Stück "Terror" entwickelt auf der Bühne einen großen Spannungsbogen. Wie baut man in einem filmischen Kammerspiel dieselbe Spannung auf? Mit welchen Mitteln arbeiten Sie?

Kraume: Im Grunde ist es zunächst derselbe Weg: Dadurch, dass der Zuschauer von Anfang an aufgefordert und angesprochen wird, am Ende selber abzustimmen, ist seine Aufmerksamkeit gefragt. Der Grund, warum Gerichtsverfahren im Film so spannend sind, liegt ja darin, dass der Zuschauer immer in die Rolle der Jury kommt. Er wägt zwischen den Parteien und ihren Argumenten ab. In Schirachs Drama ist dieser Gedanke durch die direkte Ansprache verstärkt. Und der große Vorteil, den der Film dem Theater gegenüber hat, ist die Nahaufnahme. Wir können den Leuten eben dazu noch in die Augen schauen. Das hilft, wenn man die Wahrheit herausfinden will.

Berben: Beim Film hat man andere technische Möglichkeiten als beim Theater. Das Theater hat immer etwas Bühnenhaftes, Zur-Schau-Stellendes. Der Film kann mit subtileren, ruhigeren, auch kleineren Mitteln arbeiten und dadurch eben viel emotionaler werden. Das war genau die Idee. All diese Dinge, die dazu führen, dass wir in eine Geschichte eintauchen, dass wir emotional bei den Charakteren sind, sind Erzeugnisse von Kamera und Schnitt. Wir haben mit vielen Kameras – teilweise drei parallel – gedreht. Wir haben einen aufwendigen Studiobau gehabt, der uns auch ermöglicht hat, aus unterschiedlichsten Perspektiven zu drehen, so dass man eine visuelle Attraktivität schaffen kann.

Schwingel: Sich knapp 90 Minuten in einem Raum zu bewegen, ist eine große Herausforderung. Regie, Kamera und Schnitt ist es gelungen, ihr Handwerk so präzise, klug und förmlich unscheinbar einzusetzen, dass der Spannungsbogen verdichtet wird. Alle Gewerke stehen, fein austariert, im Dienstdes Textes. Das macht den Film aus meiner Sicht emotional so stark und dramaturgisch dicht.

Über das Urteil – und somit den Ausgang des Films – entscheidet in einer Abstimmung das Publikum. Wird das Fernsehen der Zukunft immer interaktiver? Und wenn ja, welche Vorteile bringt das mit sich?

Berben: Das kann ich mir nicht vorstellen. Der Wunsch des Konsumierens von Inhalten liegt ja nicht darin zu sagen: Ich will mitbestimmen! Im Gegenteil: Im Grunde liegt der Wunsch beim Konsumieren von Filmen darin, eine Geschichte erzählt zu bekommen und sich darin fallen zu lassen. Was wir hier machen, ist eine Ausnahme: Wir finden eine sehr spezielle und eigene mediale Form, lineares Fernsehen neu zu etablieren, neu aufzusetzen. In Zeiten, in denen wir uns viel mit SVoD und PayTV-Anbietern beschäftigen, ist unsere Art von Programm eben nur in dieser Form möglich. Das heißt, alle Menschen müssen zum gleichen Zeitpunkt das Programm sehen, um dann gemeinsam eine Entscheidung zu treffen. Wir sind sozusagen dabei, das Lagerfeuerprogramm von morgen zu entwickeln. Das wird aber nicht das normale Geschichtenerzählen ersetzen, sondern bereichert es hoffentlich einfach um eine weitere Farbe.

Kraume: Ich weiß nichts über die Zukunft des Fernsehens, leider. Aber das interaktive an diesem Stück ist aufregend und unterhaltsam. Im Theater diskutieren wildfremde Leute in der Pause plötzlich über Sinn und Unsinn unserer Verfassung. Wann tun die das sonst? Und wenn so etwas in den Familien auch mal geschieht, kann das ja nicht schaden.

Schwingel: Das Fernsehen wird dann interaktiver, wenn die Inhalte diese Interaktivität ermöglichen bzw. entsprechende Anreize bieten. Im fiktionalen Bereich ist das sicher begrenzt, aber „Terror“ zeigt, was möglich ist. Technische Innovationen werden in Zukunft neue Möglichkeiten schaffen und ich freue mich darauf, gemeinsam mit der Redaktion Inhalte für das Fernsehen der Zukunft zu entwickeln und Grenzen auszuloten.

Der Vorsitzende Richter wendet sich gleich zu Anfang an die Zuschauer und durchbricht damit die sogenannte "vierte Wand". Im Theater seit längerem üblich, hat dieser Schritt im Film noch immer eine große Wucht; es ist schwer, sich der direkten Ansprache zu entziehen. Wird der Zuschauer so mehr in die Verantwortung genommen? Was ist das Ziel?

Schwingel: Wir nehmen die Zuschauer in die Pflicht. Die große Besonderheit von "Terror" ist, dass der Film kein Selbstzweck ist, sondern der wesentliche Teil eines europäischen Fernsehereignisses, bei dem die Zuschauer die Hauptrolle spielen. Das Urteil der Fernsehnation und die anschließende Diskussion sind das, was uns interessiert, und deshalb spricht der Richter das zu Beginn an.

Berben: Man versucht dem Zuschauer relativ früh zu vermitteln, dass er sich nicht nur zurücklehnen kann, sondern Teil des Ganzen ist. Und um das zu erreichen, muss man ihm klar machen, dass seine Mitarbeit nicht nur gewünscht, sondern unerlässlich ist, dass er mit seiner Entscheidung etwas Wichtiges bewegen kann. Das geht so weit, dass wir uns nicht nur in Deutschland dieser Abstimmung stellen, sondern auch in Österreich und in der Schweiz.

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