"Demokratie braucht Diskussion"

Ferdinand von Schirach über sein Theaterstück und seine Erwartungen an den Film

Der Richter (Burghart Klaußner, 3. v. re.) der großen Strafkammer verhandelt den Fall, das Fernsehpublikum entscheidet als Schöffen über „schuldig“ oder „unschuldig“. Vorne links, der Strafverteidiger Herr Biegler (Lars Eidinger)
Ferdinand von Schirach: "Natürlich ist es ein mutiges Experiment der ARD, aber es ist richtig und notwendig."

Ihr Theaterstück "Terror" greift eine alte philosophische Frage auf und stellt sie neu anhand eines erschreckend aktuellen Falls: Darf man das Leben von wenigen Menschen opfern, um damit das von vielen zu retten? Was hat Sie dazu bewogen, für diese eher theoretische Problematik die Form eines Theaterstücks zu wählen?

Ursprünglich wollte ich für den "Spiegel" einen Essay über Terrorismus schreiben. Aber es wurde zu komplex. Es funktionierte einfach besser, wenn ich mit jemanden darüber sprach. Sehen Sie, ein Problem des Journalismus ist, dass Texte kaum je zu einem Gespräch führen. Es wird zwar in den Zeitungen immer von "Debatten" gesprochen, aber tatsächlich sind es nur drei, vier Journalisten, die etwas über ein Thema schreiben. Vor einigen Jahren schrieb ich zu dem Fall des Kindermörders Gäfgen im "Spiegel", dass ich glaube, es sei immer falsch, Folter anzudrohen. Einen Tag später bekam ich weit über 1.000 E-Mails, in denen mir selbst Folter angedroht wurde. Das ist kein Gespräch. Es verändert nichts. Demokratie aber braucht die Diskussion, es ist ihr Wesen.

Ich wollte, dass wir darüber reden, wie wir leben wollen. Der Terrorismus ist die größte Herausforderung unserer Zeit, er verändert unser Leben, unsere Gesellschaft, unser Denken. Es ist eben gerade keine juristische Frage, wie wir damit umgehen. Es ist unsere ethisch-moralische Entscheidung. Ein Gerichtsverfahren eignet sich für die Bühne, weil im Grunde jedes Strafverfahren einem Bühnenstück ähnlich ist. Es folgt einer Dramaturgie, Theater und Gericht haben nicht zufällig die gleichen Ursprünge.

Auch heute "spielen" die Beteiligten in einem Gericht die Tat nach – natürlich nicht durch Handlungen, aber durch Sprache. Das Theater war von Anfang an ein Spiegel der Gesellschaft – wie die Gerichte ja auch. In der attischen, also der absoluten Demokratie ähnelten sich Gericht und Theater mehr als heute. Beide hatten nur die eine Aufgabe: Sie sollten der Selbstversicherung der Menschen dienen und den gefährdeten Staat stärken. Erst viel später, erst in Rom wurde das Recht wissenschaftlich. Das hatte natürlich Vorteile, die Gerichte wurden berechenbarer, sie verloren ihre Willkür.

Aber die Griechen wollten etwas ganz anderes. Vermutlich war es das einzige Volk, das seine Gerichtsverfahren liebte. Es ging ihnen ausschließlich um die Kraft des Arguments. Die Bürger standen sich direkt gegenüber, es gab keine Anwälte und Staatsanwälte, dafür aber 6.000 Richter bei nur 30.000 Einwohnern. In einer kleinen Gesellschaft ist das möglich, heute wäre es undenkbar – und sehr gefährlich. Und das Theater der Griechen behandelte die gleichen Fragen wie die Gerichte.

Nun kommt das Theaterstück auf den Bildschirm. Sie waren an der Verwandlung in ein Drehbuch maßgeblich beteiligt. Wie lässt sich die Unmittelbarkeit und Betroffenheit, die sich aus der direkten, leibhaftigen Konfrontation des Publikums mit dem Bühnengeschehen im dunklen Theaterraum zwangsläufig ergibt, auf das Medium Fernsehen übertragen?

Ich glaube, es kann im Fernsehen funktionieren. Ich habe es im Theater immer wieder erlebt. Die Menschen unterhalten sich bei diesem Stück nicht darüber, wer an dem Abend besonders gut gespielt hat, sondern darüber, was zum Beispiel der Verteidiger gesagt hat und ob das richtig sein kann.

Bei der Premiere in Düsseldorf stellte die Staatsanwältin eine Frage, und sofort rief ein Zuschauer aus dem Publikum: "Die Frage ist unzulässig." Natürlich wissen die Zuschauer, dass es nur ein Stück und nicht die Wirklichkeit ist. Aber uns allen ist durch die Anschläge in New York, Madrid, Paris und Brüssel klar geworden, dass wir uns diese Fragen stellen müssen. Wir suchen nach einer Lösung aus dem Dilemma. Ich glaube, es spielt deshalb gar keine Rolle, ob es Theaterbesucher oder Fernsehzuschauer sind. Natürlich ist es ein mutiges Experiment der ARD, aber es ist richtig und notwendig. Und wir sollten nicht immer, wie Politiker das so oft tun, die Menschen unterschätzen.

Sehen Sie Vorbilder für Ihren Gerichtsfilm "Terror", wenn man an Filme wie "Die 12 Geschworenen" oder "Zeugin der Anklage" denkt?

Ich kenne natürlich diese wunderbaren Filme. "Terror" ähnelt ein wenig den "12 Geschworenen". Auch dort gibt es nur einen Raum, in dem der ganze Film spielt und auch dort hängt alles vom Argument ab. Die Verfilmung von "Terror" ist für mich ein Glücksfall, alles passt zusammen. Oliver Berben und Lars Kraume konnten die besten Schauspieler gewinnen und haben einen Film gemacht, der – in meinen Augen – die Qualität der großen amerikanischen Gerichtsfilme erreicht. Lars Kraume verzichtet auf jedes Klischee, jede Schreierei, jede Überzeichnung, er vertraut den Schauspielern und dem Text und dadurch gewinnt der Film eine unfassbare Intensität. Die Helden des Stückes sind nicht der Angeklagte, der Verteidiger, die Staatsanwältin oder der Richter. Im Gegenteil. Umso besser die Schauspieler sind, umso mehr treten sie hinter ihre Rolle zurück. Als "Helden" bleiben dann, wenn man so will, nur das Recht und die Moral übrig. So beginnt die Diskussion, die Grundlage unserer Demokratie.

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