Nähe und Anonymität

Interview mit Regisseur Florian Schwarz

v.l. Kevin (Louis Hofmann), Regisseur Florian Schwarz, Nadine (Greta Bohacek), Kameramann Philipp Sichler und Simon Keller (Devid Striesow).
Kevin (Louis Hofmann), Regisseur Florian Schwarz, Nadine (Greta Bohacek), Kameramann Philipp Sichler und Simon Keller (Devid Striesow).

Herr Schwarz, es ist das erste Mal, dass Sie einen Film in Cinemascope drehen. Warum haben Sie sich für diese Geschichte für das Breitwandformat entschieden, was wollten Sie damit bewirken?

Wenn man zum Beispiel die Räume, in denen sich die Figuren bewegen, stärker miterzählen will, ist Cinemascope großartig. Jeder Ort in unserem Film sollte auch Aussagen über die Figuren treffen, manchmal auch solche Aussagen, die eine falsche Fährte legen. Simon Keller etwa lebt in einer sehr klaren, offenen und einsichtigen, von Glas bestimmten Architektur, als ob er nichts zu verbergen hätte. Das kann man mit Cinemascope deutlicher mitspielen lassen. Außerdem erzeugen die anamorphotischen Linsen eine geringere Tiefenschärfe. Vorder-, Mittel- und Hintergrund lassen sich klarer voneinander trennen. Es entstehen einfach plastischere Bilder, die, wie ich finde, besonders im leider fast völlig von 16:9 dominierten Fernsehfilm-Geschehen gleich eine gewisse Grundstilisierung schaffen. Das kam uns entgegen. Ich habe unseren Film immer auch als ein dunkles, tragisches Märchen gesehen.

Das Internet wird in Ihrem Film nicht verteufelt, es werden beide Seiten der Netznutzung gezeigt: einerseits die gefährliche, andererseits die verführerische, die einladend positive. Das führt zur Verunsicherung, die sich sowohl in der 13-jährigen Sara spiegelt als auch in der Lehrerfigur Simon Keller und letztlich im Zuschauer. Welche Mittel haben Sie gewählt, um diese Verunsicherung darzustellen, welche für die Verführung?

Es ging darum, für den Chatvorgang eine filmische Form zu finden, die Schauspieler in eine Dialogsituation zu bringen, eine vermeintliche Intimität aufzubauen und die Widersprüche aus zwischenmenschlicher Nähe und Anonymität in einer künstlichen Situation zu vereinen. Ich sehe den Gesprächspartner zwar, grafische Elemente vor ihm oder auch Masken, die die Schauspieler tragen, verhindern aber ein wirkliches Erkennen des Individuums. Die Räume sollten bei aller Abstraktion verheißungsvoll sein. Eine ästhetisch verlockende Umgebung für anregende Gespräche. Wir haben uns in einem Fall zum Beispiel an der Gestaltung der Mangacomics orientiert. In der von Manipulation geprägten Welt unseres Films bekommen diese synthetischen Bonbonfarben etwas Klebrig-Gefährliches.

Entspannen kann man sich als Zuschauer während der 90 Minuten nicht, gibt es doch ständig überraschende Wendungen und neue Prozesse – inwieweit war dieses Tempo oder vielmehr diese Dynamik wichtig?

Wir haben es in dem Film mit ziemlich perfiden Antagonisten zu tun. Ihnen fällt stets etwas Neues ein, um die Schraube des Grauens für unsere junge Protagonistin Sara weiter zuzudrehen. Es ist eine bösartige Dynamik, die da entsteht. Ich wollte das mit einem hohen Inszenierungstempo weiter unterstützen. Tempo und dichtes Timing kann auch, je nach inhaltlichem Kontext natürlich, etwas Beschwingtes, Positives erzeugen. So arbeitet ja oft die Komödie. Das fand ich für den Anfang des Films interessant – positive Familienbilder auch durch Tempo zu erzählen. Schnelle, eingespielte Abläufe, die ein "Funktionieren" der Familie suggerieren. Auf denFestivals in Emden und Ludwigshafen, wo der Film bereits lief, haben einige Zuschauer zunächst gelacht. Das war wunderbar im Sinne einer emotionalen Achterbahnfahrt, die der Film hoffentlich ist.

Welches Genre bedient Ihrer Meinung nach dieser Film. Ist er ein Drama oder ein Thriller-Drama?

Obwohl Michael Proehl und ich sehr genreaffin sind, verlieren wir die Genrefrage im gemeinsamen Arbeitsprozess sehr schnell. Wir lassen uns von den Figuren leiten und von der Frage, wie man aus ihnen größtmögliches dramatisches und überraschendes Potential schöpfen kann. Die Genrefrage kehrt dann in der Drehvorbereitung, wenn es um die Umsetzung geht, zurück. Wie gesagt: "Das weiße Kaninchen" ist für mich ein trauriges Märchen über ein Mädchen, das perfiden Kräften ausgesetzt ist und immer mehr die Kontrolle verliert. Letztlich ein Drama mit Thrillerelementen. Ich freue mich aber, wenn der Film auch als reiner Thriller wahrgenommen wird. Das ist eine Erweiterung der Sichtweise.

Was hat Sie dazu bewogen, Lena Urzendowsky zu besetzen, was brachte das Mädchen, für das dies die erste Hauptrolle ist, mit?

Lena hat mir beim Casting ein besonderes Erlebnis verschafft. Ich war so begeistert davon, was sie da geleistet hat. Mich hat aber neben ihrem Talent, ihrer Phantasie und ihrem klaren Zugang zur Figur auch noch etwas anderes überzeugt. Sie hatte in ihrem zarten Alter von damals fünfzehn Jahren auch die mentale und intellektuelle Reife, die Strapazen der Rolle auch nach Drehschluss zu bewältigen.

Wie sind Sie angesichts des harten Stoffs und der mitunter sehr heftigen Szenen mit ihr in der täglichen Arbeit umgegangen?

Wir waren in einem ständigen Austausch über alle Stationen auf dem Leidensweg ihrer Figur. Ich habe versucht, ein angstfreies Gesprächsklima zu kreieren. Eines, in dem man sich einander alles vorschlagen und auch alles um die Ohren hauen kann. Genauso, wie ich es mit erfahreneren Schauspielern probiere.

Und was beeindruckte Sie an dem Spiel von Devid Striesow?

Devid Striesow lotet so viele Nuancen und Facetten einer Figur in einem derart spielfreudigen Prozess aus, dass es einfach nur Spaß macht mit ihm zu arbeiten. Er hat die scheinbaren Gegensätze aus manchmal jungenhaften Charme und Jovialität mit den manipulativen, abgründigen und gefühlskalten Charaktereigenschaften seiner Figur Simon Keller beängstigend harmonisch miteinander verbunden.

Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass Ihr Film eine Botschaft enthält?

Wir wollen niemanden bremsen aus dem Film eine Botschaft herauszulesen, etwa über das mitunter gefährliche Potential bestimmter Bereiche oder Zonen im Internet, in unserem Fall die der Chats. Uns ging es aber nicht um eine Botschaft. Wir wollten Figuren, auch höchst ambivalente Figuren, erzählen und im besten Fall wirft das interessante Fragen auf.