"Der Fall Barschel ist der bedeutendste Polit-Skandal der jüngeren deutschen Geschichte"

Interview mit Regisseur und Autor Kilian Riedhof

Olaf Nissen (Fabian Hinrichs), David Burger (Alexander Fehling) Giselle Neumayer (Antje Traue), Georg Szepanski (Godehardt Giese) und Uwe Barschel (Matthias Matschke)
Olaf Nissen, David Burger Giselle Neumayer, Georg Szepanski und Uwe Barschel

Es ist 28 Jahre her, dass Uwe Barschel tot in einem Hotelzimmer aufgefunden wurde. Was hat Sie veranlasst, sich jetzt dieses Themas anzunehmen?

Die Frage ist eigentlich: Warum wird erst jetzt ein Film darüber gedreht? Der Fall Barschel ist der bedeutendste Polit-Skandal der jüngeren deutschen Geschichte. Die meisten Menschen unserer Generation erinnern sich sofort und schlaglichtartig an Barschels tragischen und unheimlichen Tod. Dieser Fall ist zu einem Mythos geworden. Dass dieser Stoff in seiner Gänze – Heinrich Breloer behandelte ja in seinen Filmen nur einen Ausschnitt des Gesamtfalls – über ein Vierteljahrhundert fiktional verdrängt wurde, spricht für seine Brisanz. Für mich war es ein Muss, diesen Fall in seiner ganzen Tragweite einem größeren Publikum zu erzählen. Das Bild des toten Uwe Barschel in der Badewanne eines Genfer Hotels fasziniert mich seit 28 Jahren. Von diesem Bild geht ein dunkler Sog aus. Diesem Sog nachzugehen und ihn erfahrbar zu machen, dem furchtbaren Geheimnis, das diesem Bild innewohnt, nachzuspüren – das war Grundimpuls unserer Erzählung.

Uwe Barschels Tod ist ein bis heute ungelöster Fall. Es ranken sich zahlreiche Theorien darum. Wie findet man einen roten Faden für das Drehbuch?

Mein Co-Autor Marco Wiersch und ich haben uns schon früh dafür entschieden, kein Barschel-Biopic zu entwickeln, sondern die fiktionale Geschichte über einen Journalisten zu erzählen, der – wie wir – der Wahrheit nachjagt. Uns war wichtig, die Einzelteile des Falls so anzuordnen, dass sich nicht nur eine packende Handlung, sondern eine kriminalistisch und psychologisch schlüssige Argumentation ergibt. Wir lasen alles, was zum Fall Barschel auf dem Markt war, interviewten Zeitzeugen und Journalisten. Wir lösten daraus Fakten und relevante Indizien und verteilten sie auf mehr als zweihundert Kärtchen, um sie schließlich zu einem Puzzle zusammenzusetzen: Die Arbeit an "Der Fall Barschel" war jedoch nicht nur eine gedankliche, sondern vor allem eine psychische Herausforderung. Dieser Fall ist in seinem Innern hoch kontaminiert. Er hat mit dunklen Mächten in unserer Seele und unserem Staat zu tun. Beides macht Angst, wenn man genau hinschaut.

Wen haben Sie im Rahmen Ihrer Recherchen befragt?

Die Arbeiten am Buch erstreckten sich über sieben Jahre. Wir sprachen mit Manfred Ertel und Norbert Pötzl, die für den "Spiegel" die Kieler Affäre aufdeckten. Mit Sebastian Knauer, der Barschel im Hotel "Beau Rivage" auffand und fotografierte, und mit dem seinerzeit zuständigen Leitenden Oberstaatsanwalt Heinrich Wille, um nur einige zu nennen. Neben einer Vielzahl wertvoller Fakten blieb für uns vor allem eines haften: Für viele unserer Gesprächspartner ist der Fall Barschel der prägende Fall ihres Lebens und hat sie bis heute nicht losgelassen.

Mord oder Suizid – welche Position nehmen Sie im Film ein?

Zum Wesen eines Mythos gehört seine Unergründlichkeit. Oder anders: Würde uns der Fall Barschel bis heute derart in Atem halten, wenn er gelöst wäre? Es gibt gute Gründe, von einem Selbstmord Barschels auszugehen: Ein deutscher Spitzenpolitiker, dessen steile Karriere durch die Kieler Affäre jäh beendet wurde. Ein Mann, der nach Rücktritt und Verlust des öffentlichen Ansehens für sich keinen anderen Ausweg sah, als sich das Leben zu nehmen. 1987 schien Suizid die einzig schlüssige Deutung seines Todes. Heute sieht das anders aus. Was wäre, wenn der Suizid nur eine Inszenierung war und Barschel tatsächlich ermordet wurde? Es gibt hierfür eine Reihe triftiger Indizien. Sollte Barschel beseitigt worden sein, weil er zu viel über Waffengeschäfte wusste, so liegt es nahe, dass auch öffentliche (bundesdeutsche) Stellen über den Mord informiert waren. Dies würde unser gesamtes System in Frage stellen. Es ließen sich Strukturen und Netzwerke erkennen, die unsere Demokratie unterwandert haben und sie in erheblichem Maße bedrohen.

Uwe Barschel werden Verwicklungen in Erpressung, illegale Waffengeschäfte und Geheimdienstaktivitäten nachgesagt. Was war Ihrer Meinung seine Triebfeder?

Für mich war Barschel ein sehr begabter Politiker, der schnell zu Ruhm und Erfolg kam. Vielleicht zu schnell, was die Angst vor einem möglichen Absturz in ihm nährte. Triebfeder seines Handelns war die Sehnsucht nach Anerkennung und damit nach Bedeutung und Macht. Das war seine kalte, beziehungsabweisende Seite. Ich glaube, dass Barschel trotzdem ein liebevoller Familienvater war, der sich nach Geborgenheit und einer Heimat sehnte. Er war eben beides und hat es leider nicht zu einem einzigen Leben zusammenfügen können.

Sie haben den Film als eine atemlose Jagd nach der Wahrheit inszeniert. Ist er einem Genre zuzuschreiben?

"Der Fall Barschel" ist ein Polit-Thriller. Ein Journalist stellt die Frage "War es Mord?" und begibt sich damit auf Kollisionskurs mit seinen Kollegen, dem Zeitungsverlag und dem politischen System. Unser Film ist ein Trip in die Finsternis. Die Fakten und Indizien, die unser Protagonist David Burger recherchiert, kontaminieren ihn und bringen ihn aus der Balance. Der Film hat ein hohes, fiebriges Tempo. Wir wollten kein Geschichtsfernsehen und kein prächtig bebildertes TV-Event, sondern einen hochaktuellen Thriller erzählen, der den Zuschauer möglichst so mitreißt und in einen dunklen Strudel verwickelt, wie der Fall Barschel unseren Helden.

Sie haben eine beeindruckende Besetzung vor der Kamera versammelt. Was war für Sie ausschlaggebend?

Der Star des Films ist der Fall. Bei der Besetzung ging es darum, die besten Schauspieler des Landes zu versammeln, gleichzeitig aber eine typische TV-Event-Plakativität zu vermeiden. Für mich war wichtig, transparent zum Originalfall zu bleiben und ihn in seiner Monstrosität stets durchschimmern zu lassen.

Die Aktivitäten des BND stehen heute im Zuge der NSA-Affäre im Fokus der Medienaufmerksamkeit. Glauben Sie, dass "Der Fall Barschel" dadurch zusätzlich Brisanz erhält?

Absolut. Der Fall Barschel steht exemplarisch für staatlichen Machtmissbrauch. Er sorgte für einen ersten traumatischen Riss im Vertrauen der Bundesbürger auf eine heile, fürsorgliche Demokratie. Vieles, was vor Jahren für uns unvorstellbar war, darf heute als bewiesen gelten. Der BND hat sich verselbständigt. Wem er dient, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Sein Einfluss auf die Medien in diesem Land ist nicht unbeträchtlich. Auch die Rolle diverser Bundesregierungen bei Waffenverkäufen und der Zusammenhang zu verborgenen Parteispenden sind skandalös. Beides spielt unmittelbar in den Fall Barschel hinein. Die Frage drängt sich auf: Wer regiert uns eigentlich? Die Politiker, die wir gewählt haben? Oder ist unser demokratisches System nicht längst unterwandert?

Die Produzentin Ariane Krampe hat sich in den vergangenen Jahren bereits mit zahlreichen zeitgeschichtlichen Stoffen profiliert. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Ariane Krampe bringt aufgrund ihrer Erfahrung eine große Gelassenheit in den Prozess mit ein. Und sie gibt den Kreativen das, was sie (heute so bitter wie nie) brauchen: Freiraum, Sicherheit und emotionale Präsenz. "Der Fall Barschel" ist ein Großprojekt. Er braucht mehr als produzentische Verwaltung. Er braucht Haltung. Darin waren wir uns als Team einig. Und das war Basis unserer Zusammenarbeit.

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