Regisseur Harald Sicheritz im Interview

»"Clara Immerwahr" erzählt eine der wenigen wahren Frauengeschichten aus dem Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg – und ist in den Botschaften zeitlos, und somit auch bedenklich aktuell.«

Harald Sicheritz
Regisseur Harald Sicheritz

Was hat Sie an der Geschichte der Clara Immerwahr fasziniert?

Mich hat an Claras Geschichte vieles fasziniert. Zum Beispiel, dass das besondere Schicksal der Ehefrau eines weltberühmten Mannes wie Fritz Haber bis in die Gegenwart so unbekannt bleiben konnte. Sie wollte mit ihrem Freitod der Welt ein Alarmzeichen setzen. Insofern kann man sagen, Clara ist damit gescheitert – wie davor an vielen Widrigkeiten ihres Lebens. Imponiert hat mir aber vor allem ihr rücksichtloser, unerschütterlicher Humanismus. Das war wohl mein Hauptaspekt beim Erzählen dieses Films.

Gehen Sie an historische Filme mit einer anderen Haltung heran als an zeitgenössische?

Nein. Filmemachen ist, wie jede Kunst, politisch – und natürlich im Implizieren wirksamer als in der expliziten Parole. Als Regisseur habe ich die Chance und ebenso die Pflicht, Haltung zu zeigen und Standpunkte zu beziehen. Da spielt es keine Rolle, in welchem Ambiente die Geschichte angesiedelt ist. Ich liebe aber historische Filme ob ihrer Wirkungsmächtigkeit. Alle Bilder, die wir zu vorfotografischen Epochen im Kopf haben, stammen aus Spielfilmen.

Sehr viel weiß man ja nicht über die historische Figur Clara Immerwahr. War die schmale Quellenlage mehr Lust oder Last? Freiraum oder Mangel?

Die Menschen in den Abteilungen Drehbuch, Regie und Redaktion sollten sich prinzipiell früh über Haltung und Standpunkt der Erzählung klar werden. In unserem Fall war das ein ziemlicher Kampf. Ich bin aber stolz darauf, dass es gelungen ist, unsere Heldin überzeugend, nachvollziehbar und identifikationstauglich zu zeichnen. Die schmale Quellenlage erschien dabei nie als Mangel.

Katharina Schüttler und Maximilian Brückner spielen Clara und Fritz. Wieso haben Sie die beiden ausgewählt?

Ich durfte bei diesem Film zwei entscheidende Glücksfälle erleben: erstens, die beiden für ihre Rollen begeistern zu können und, zweitens, zu meiner nachhaltigen Dankbarkeit, die Zustimmung der Redaktionen für diese Besetzung zu erhalten. Ich habe Katharina und Max nicht nur ausgewählt, weil sie Spitzenschauspieler sind. Ich spürte sofort ihre Begeisterung für die Rollen und freute mich an der merkbar selben Wellenlänge, die uns schon beim Casting begleitete. Die ersten Maskentests bewiesen zudem, dass beide ihre Figuren über den gesamten Handlungszeitraum des Films würden darstellen können.

Was glauben Sie, was die Zuschauerinnen und Zuschauer aus der Geschichte von Clara Immerwahr und ihrem Mann mitnehmen?

Die Menschen haben viele Chancen, etwas für ihre Gegenwart mitzunehmen. "Clara Immerwahr" erzählt eine der wenigen wahren Frauengeschichten aus dem Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg – und ist in den Botschaften zeitlos, und somit auch bedenklich aktuell. Noch immer sind viele Domänen des Alltags fest in Männerhand. Noch immer werden Frauen in der Wissenschaft benachteiligt. Noch immer werden, und das betrifft vor allem Fritz, Wissenschaftler vom militärischindustriellen Komplex zur Vergewaltigung ihrer ethischen Überzeugungen gezwungen. Wer das allein nicht attraktiv genug findet, bekommt immerhin einen prächtig ausgestatteten, hochkarätig besetzten und gefertigten Film zu sehen.

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