"Schatten bis in die Gegenwart"

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen

»14 Jahre nach der kalendarischen Jahrhundertwende markierte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die eigentliche Epochenwende ins 20. Jahrhundert. Ein für Europa und für Deutschland in jedem Sinne einschneidendes, umwälzendes, bis heute nicht "vergangenes" Datum, dem Das Erste deshalb einen Schwerpunkt im Programm widmet.

Als Deutschland im August 1914 den Kriegszustand ausrief, meldeten sich massenweise junge Männer als Freiwillige und zogen jubelnd ins Feld. Mit der Begeisterung war es allerdings schnell vorbei. Die überhaupt lebend von der Front zurückkehrten, waren für immer gezeichnet, kriegsversehrt und seelisch gebrochen. Denn was die im Rausch eines erhofften nationalen Aufbruchs Taumelnden nicht ahnten: Der Krieg im 20. Jahrhundert hatte nichts mehr mit heroischem Kampf und schneidigem Soldatentum zu tun. Die moderne Kriegsführung war eine Schlacht des Materials, eine industrielle Massenvernichtungsmaschinerie. Bei den zermürbenden Stellungskriegen standen die Soldaten buchstäblich in "Stahlgewittern", wie Ernst Jüngers Kriegsbuch dies im Titel prägnant auf den Punkt bringt.

Die Doku-Drama-Serie "14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs", die wir in einer vierteiligen Fassung im Rahmen unseres Schwerpunkts Erster Weltkrieg im Mai im Ersten zeigen, folgt unter anderem auch Jüngers Kriegs-Spur. Eindrücklich zeigt die Serie von Jan Peter und Yury Winterberg – eine großangelegte internationale Koproduktion, an der sich seitens der ARD der NDR, SWR, WDR und ARTE beteiligt haben – die mentalitätsgeschichtlichen Hintergründe dieser Urkatastrophe, exemplarisch verdeutlicht in prägnanten Einzelschicksalen. Gestützt auf Tagebücher und Briefe macht die individuelle Perspektive die Tragödie dieses Krieges für das heutige Publikum konkret und anschaulich nachvollziehbar. Die Spielszenen werden ergänzt mit originalen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die sorgfältig ausgewählt und restauriert wurden.

Ein Jahrhundert ist die Erfahrung dieses Grauens jetzt alt, Zeitzeugen sind längst gestorben – und dennoch wirft der Erste Weltkrieg seinen langen Schatten bis in die Gegenwart. Denn bis heute ist Krieg gleichbedeutend mit industriell ermöglichter Massenauslöschung. Einen "sauberen" Präzisionskrieg, von dem viele Militärstrategen träumen mögen, gibt es nicht. Es waren gerade die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, die dazu führten, dass die perfidesten Vernichtungstechniken international geächtet wurden. Dies betraf vor allem die chemischen Waffen. 1925 wurde im Genfer Protokoll die Anwendung von Giftgasen und bakteriologischen Mitteln ausdrücklich verboten. Selbst der Krieg kennt Regeln – und bricht sie doch immer wieder, wie aktuell in Syrien zu erleben, trotz UNO-ratifizierter Chemiewaffenkonvention.

Ganz bewusst erinnern wir mit unserem Spielfilm "Clara Immerwahr" (SWR, ARD Degeto, ORF und MDR) deshalb an die Ehefrau des Chemikers Fritz Haber, der das Giftgas erfunden hat, das in der Schlacht bei Ypern im April 1915 erstmals eingesetzt wurde. 5000 englische und französische Soldaten erstickten, weitere 7000 überlebten schwer verätzt. Als Pazifistin stellt sich Clara Immerwahr, die selbst die erste promovierte deutsche Chemikerin war, gegen die Forschungen ihres Mannes und erschießt sich in der Nacht der Siegesfeier.

Der Film von Harald Sicheritz erzählt die Geschichte einer scheiternden Emanzipation und stellt gleichzeitig die Frage nach Moral in der Wissenschaft. Katharina Schüttler und Maximilian Brückner entfalten mit hoher Intensität und Sensibilität den Liebes- und Leidensweg eines Forscherpaares, dessen Lebenstraum auch an den Zwängen eines Gesellschaftssystems zerbricht, das mit dem Ersten Weltkrieg unterging.«

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird sobald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.